Israel ist machtlos gegen Einzeltäter

Auch am Dienstag gingen Palästinenser auf Israelis los und töteten vier Zivilisten. Die Gewaltspirale dürfte ohne eine politische Lösung kein Ende nehmen.

Alltag im Westjordanland: Eine junge Palästinenserin zielt mit einer Steinschleuder auf eine israelische Militärpatrouille (13. Oktober 2015). Foto: Nasser Shiyoukhi (Keystone)

Alltag im Westjordanland: Eine junge Palästinenserin zielt mit einer Steinschleuder auf eine israelische Militärpatrouille (13. Oktober 2015). Foto: Nasser Shiyoukhi (Keystone)

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Die Gewalt in Israel nimmt dramatisch zu. Ein Anschlag folgt auf den anderen, Messerattacken, Angriffe mit Autos und sogar Schüsse forderten am Dienstag vier Todesopfer und zahlreiche Verletzte auf israelischer Seite. Zwei palästinensische Angreifer wurden erschossen. Der blutigste Überfall ereignete sich im Jerusalemer Viertel Armon Hanaziv, als zwei Palästinenser aus dem benachbarten Viertel Jabel Mukaber mit einer Pistole und Messern einen Linienbus überfielen. Einer der beiden Angreifer soll Mitarbeiter der israelischen Telefongesellschaft gewesen sein. Ebenfalls in Jerusalem lenkte ein Palästinenser seinen Pritschenwagen gezielt in eine Gruppe wartender Menschen und stach anschliessend mit einem Messer auf Passanten ein.

Zwei Messerattacken im Zentrum ­Israels forderten weitere Verletzte. Insgesamt starben seit Beginn der jüngsten Gewaltwelle 6 Israelis und 29 Palästinenser. Ausgelöst worden war sie durch Zusammenstösse zwischen Extremisten beider Seiten auf dem Tempelberg in ­Jerusalems Altstadt.

Angreifer ohne Auftrag

Israels Sicherheitsapparat ist derzeit mit vier Fronten konfrontiert: Jerusalem, Westjordanland, Israel und Gazastreifen. Während sich die Lage in den von Palästinensern kontrollierten Gebieten Westjordanland und Gazastreifen in den vergangenen Tagen leicht beruhigte, häufen und verschärfen sich die Gewaltakte und die Demonstrationen in arabisch-israelischen Ortschaften. Die bisher von Israels Regierung verhängten Massnahmen wie die Zerstörung der Wohnhäuser von Terroristen, die geplante Mindeststrafe für Steinewerfer und das rigorose Vorgehen bei Messerattentaten, die oft tödlich für die Angreifer ausgehen, tragen keine Früchte.

«Ein Einzeltäter, der sich dafür entscheidet, ein Selbstmordattentat zu verüben, ist kaum aufzuhalten», erklärt ­Jakow Amidror, ehemals Nationaler Sicherheitsberater in Jerusalem. Weder Abschreckung noch Geheimdienste hätten eine Antwort parat gegen die Angreifer, die «oft spontan» und ohne den Auftrag einer politischen Organisation agieren. Den in Israel umstrittenen Aufruf an die Bevölkerung, selbst zu den Waffen zu greifen, um im Ernstfall einschreiten zu können, hält Amidror für richtig. Bis heute habe es noch keinen einzigen Fall gegeben, «wo ein israelischer Zivilist grundlos losfeuerte».

Netanyahu gibt sich unbeirrt

Die liberale Zeitung «Haaretz» warnte in ihrem Leitartikel hingegen vor den Risiken. «Zahlreiche Schusswaffen in den Händen von nicht autorisierten und untrainierten Leuten können zur Anarchie führen.» Die Regierung erwägt Ausgangssperren und mehr Strassenkontrollen. Moshe Maoz vom Institut für Nahoststudien an der Hebräischen Universität in Jerusalem glaubt jedoch, dass die geplanten neuen Schritte genauso wenig Abhilfe schaffen werden «wie die Regelung, bei Gefahr sofort zu schiessen». Der einzige Ausweg aus der Gewaltspirale sei eine klare politische Strategie. «Ohne Ostjerusalem als palästinensische Hauptstadt und eine faire Lösung für den Tempelberg kann es keinen Frieden geben.» Für besonders fatal hält der Nahost-Experte die Hetze auf beiden Seiten. Schon jetzt glaubten mehr als die Hälfte der Palästinenser, Israel habe ernsthaft die Absicht, den Tempelberg zu zerstören.

Saeb Erakat, der im Auftrag der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) die bisherigen Friedensverhandlungen leitete, betrachtet die aktuelle Gewaltwelle als «natürliche Folge der israelischen Politik». Israels Premier Benjamin Netanyahu lehnt hingegen jede Verbindung zum Stillstand im Friedensprozess ab. Die neue Serie von Attentaten ziele einzig darauf, «uns zu vernichten».

Erstellt: 13.10.2015, 19:47 Uhr

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