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Israel plädiert auf Notwehr

Ungeachtet der Toten und Verletzten aufseiten der Aktivisten versucht die israelische Regierung, die eigenen Soldaten als die wahren Opfer des Angriffs darzustellen.

Demonstranten in Haifa: «Sehr gut gemacht, israelische Truppen!»
Demonstranten in Haifa: «Sehr gut gemacht, israelische Truppen!»
Reuters

Am Tag danach sitzen sie hinter Zäunen und Mauern und diskutieren, was alles schiefgelaufen ist. Im israelischen Verteidigungsministerium in Tel Aviv, das mit seinen wuchtigen Gebäuden, Türmen und Satellitenanlagen einen ganzen Strassenblock umfasst, muss nun der Einsatz gegen die humanitäre Gaza-flottille analysiert werden. Warum ist der Zugriff aus dem Ruder gelaufen? Warum ist so viel Blut geflossen? Warum steht Israel nun in der Kritik? Es gibt viele bohrende Fragen – und es gibt eine kategorische Antwort, auf die sich das militärische und politische Establishment des Landes schnell geeinigt hat: Israel wurde in eine Falle gelockt.

Besuch bei verletzten Soldaten

Auf allen Kanälen wird diese Botschaft verbreitet. Die Streitkräfte veröffentlichen Videos, die auf verwackelten Bildern zeigen, wie die Aktivisten auf der Mavi Marmara mit Stöcken auf Soldaten einschlagen, die sich von einem Helikopter aufs Schiff abseilen. Friedensaktivisten, soll das heissen, sehen anders aus als dieser Mob.

Ein ähnliches Bild zeichnet ein Sprecher der Streitkräfte, der am Abend per Rundruf ausländischen Korrespondenten von seinem Tag auf See berichtet: Mit Messern und Schlagstöcken seien die Soldaten attackiert worden. Die Angreifer, die Türkisch und Arabisch gesprochen hätten und folglich «zum Grossteil Islamisten» gewesen seien, hätten versucht, ihnen die Waffen wegzunehmen und sie zu kidnappen.

Kurz gesagt: Israel plädiert auf Notwehr, und die Soldaten werden – ungeachtet der Toten und Verletzten aufseiten der propalästinensischen Aktivisten – als die wahren Opfer dieser Seeschlacht gezeigt. So lassen es sich am Dienstag auch Generalstabschef Gabi Ashkenasi und der Marine-Kommandant Eliezer Marom nicht nehmen, drei verletzte Soldaten im Hospital von Haifa zu besuchen. «Wir haben euch in diesen Einsatz geschickt, und ihr habt ausgezeichnet gearbeitet», sagt Ashkenasi in Mikrofone am Krankenbett.

Allerdings will nicht jeder im Land das so sehen. Die einen fragen, wie eine so gut trainierte und so gut ausgerüstete Armee dermassen unvorbereitet in diese vermeintliche Falle stolpern konnte. Schliesslich haben Israels Sicherheitskräfte mehr als genug Erfahrung auch mit gewaltbereiten Demonstranten, und es durfte wohl niemand annehmen, dass ihnen beim Entern eines Schiffes ein roter Teppich ausgelegt würde. Nun gibt es Tote und Verletzte und ein diplomatisches Desaster. Erste Stimmen fordern den Rücktritt von Verteidigungsminister Ehud Barak. Andere Israeli gehen noch viel grundsätzlicher mit diesem Einsatz ins Gericht. Ein paar Hundert Demonstranten aus der linken Szene versammelten sich am Montag vor dem Verteidigungsministerium. Einige schwenkten palästinensische Flaggen, manche schimpften über den «faschistischen Staat», und alle waren sich einig, dass dieses Blutbad auf See eine Schande für das Land sei. Am Samstag, so kündigten sie an, solle es eine Massendemonstration in Tel Aviv geben unter dem Motto: «Nein zum nächsten Krieg». Die Massen allerdings ziehen die Friedensbewegten in Israel schon lange nicht mehr an.

«Die Türken sollen uns nicht beim Thema Menschenrechte belehren»

Tonangebend sind andere Gruppierungen, und auch die hatten ihre Strassenszenen nach der Seeschlacht. Ebenfalls am Verteidigungsministerium zeigten etwa 20 rechte Aktivisten Flagge, die den Armee-Einsatz lobpreisten. «So geht man mit seinen Feinden um», war auf ihren Schildern zu lesen. Und unten an der Meerespromenade, wo die türkische Botschaft ihren Sitz hat, waren gleich ganze Hundertschaften angerückt zum Protest, nachdem zuvor in der Türkei die israelischen Vertretungen belagert worden waren.

In Ankara und Istanbul wehte die grüne Flagge des Islam, hier wurden nun die blau-weissen Fahnen mit dem Davidstern geschwenkt. Hier wurde auch die israelische Nationalhymne gesungen, und hier sagte der Abgeordnete Danny Danon von der regierenden Likud-Partei: «Die Türken sollen uns nicht beim Thema Menschenrechte belehren. Ich kann mir gut vorstellen, was passieren würde, wenn ein Schiff mit Terroristen vor der türkischen Küste auftauchen würde.» Die meisten der Opfer des israelischen Militäreinsatzes stammen aus der Türkei. «Die Toten bedauern wir», sagte Danon, «aber wir sind stolz auf unsere Sicherheitskräfte.»

Die nächsten Schiffe sind bereit

Die könnten schon bald wieder zum Einsatz kommen, denn am Horizont zeichnet sich bereits ein neuer Schlagabtausch ab. Zwei weitere Schiffe mit Hilfsgütern der sogenannten Solidaritätsflotte stehen bereit für die Fahrt in Richtung Gaza. «Israels kriminelle Aktionen haben uns nicht eingeschüchtert, sondern uns entschlossener als je zuvor gemacht», sagt Audrey Bomse, eine der Organisatorinnen. Doch aus dem Verteidigungsministerium in Tel Aviv kommt bereits eine klare Drohung. Im staatlichen Radio erklärte Vize-Minister Matan Wilnai: «Wir erlauben es Schiffen nicht, nach Gaza zu fahren und die dort entstandene Terroristenbasis zu versorgen.»

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