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Nach dem Gebet die Gasmaske

Palästinenser protestieren, Israelis antworten mit Tränengas: In Bil'in in der Westbank geschieht das jeden Freitag – seit über zehn Jahren. Ein Besuch vor Ort.

Demonstranten suchen Schutz vor dem Tränengas. (16. April 2016)
Demonstranten suchen Schutz vor dem Tränengas. (16. April 2016)
Hannes von Wyl

«One, two, three, four, occupation no more!» Der Demonstrationszug setzt sich in Bewegung, eine bunte Truppe aus Dorfbewohnern, israelischen Aktivisten und Reisenden aus der Schweiz, Deutschland und den USA. Wenige Hundert Meter entfernt, zwischen dem Dorf und der Mauer, warten die israelischen Soldaten mit Tränengaswerfern und Gummischrot.

Es ist Freitagnachmittag Mitte April, in Bil’in, einem kleinen Dorf ein paar Kilometer westlich von Ramallah. Dort protestieren die Palästinenser gegen die israelische Besetzung, gegen die jüdische Siedlung, die auf ihrem Land steht. Nach dem Freitagsgebet, das für die überwiegend muslimischen Dorfbewohner den Beginn des Wochenendes markiert, sammeln sich die Demonstranten am Dorfausgang, entfalten palästinensische Flaggen, ziehen Gasmasken über und machen sich auf in Richtung der Mauer, die das Westjordanland im Westen von Israel abgrenzt. Jeden Freitag, seit elf Jahren.

Die Demonstranten fliehen vor den heranfliegenden Projektilen. (16. April 2016, Foto: Hannes von Wyl)
Die Demonstranten fliehen vor den heranfliegenden Projektilen. (16. April 2016, Foto: Hannes von Wyl)

Der Protestmarsch kommt nicht weit. Nach wenigen Metern auf der Strasse, die vom Dorf zu den umliegenden Feldern führt, fallen die ersten Tränengaskanister. «Verfolgt die Flugbahn der Geschosse», hatte Bubu zuvor gewarnt. «Wenn sie euch am Kopf treffen, gibt das schwere Verletzungen.» Der Palästinenser führt das einzige Hostel in Ramallah. Jeden Freitag fährt Bubu mit interessierten Gästen nach Bil’in, «politische Tour» von 11 bis 16 Uhr steht an einer Anschlagstafel im Hostel. Vor der Abfahrt informiert Bubu jeweils über den Ablauf der Proteste, warnt vor Gefahren. «Wenn ihr in den Tränengasnebel geratet, fangt nicht an zu rennen. Dann atmet ihr umso mehr Gas ein.» Aus einer Tasche zieht er eine Reihe an Projektilen, die von der israelischen Armee in Bil’in eingesetzt werden. Verschiedene Tränengaskanister, mit Gummi umhüllte Metallkugeln, Schockgranaten, Nato-Munition.

Scharf geschossen wird dieses Mal nicht, die Soldaten setzen dafür grossflächig Tränengas ein. Nach jeder Salve flüchten die Demonstranten vor dem beissenden Nebel, um sich erneut auf der Strasse zu versammeln, nachdem sich das Reizgas verzogen hat. Die meisten Demonstranen aus dem Dorf tragen Gasmasken, die israelischen Aktivisten und die Touristen haben sich Schals um Mund und Nase gebunden. Trotzdem fällt das Atmen im Gas schwer, die Augen tränen bis zur momentanen Blindheit, der Blick flackert.

Die Gasmaske schützt vor dem Tränengas. Im Hintergrund Roni in seinem Rollstuhl. (16. April 2016, Foto: Hannes von Wyl)
Die Gasmaske schützt vor dem Tränengas. Im Hintergrund Roni in seinem Rollstuhl. (16. April 2016, Foto: Hannes von Wyl)

«Sie benutzen uns als Versuchskaninchen», sagt Mohammed, ein Mittzwanziger aus dem Dorf, zwischen zwei Tränengassalven. In letzter Zeit hätten die israelischen Soldaten neue Reizstoffe getestet, die das Herz angreifen sollen. Solche Aussagen sind schwer überprüfbar. Tatsächlich sind aber schon Menschen im Tränengas erstickt. Die Projektile können zudem zu schweren Verletzungen führen, wenn sie aus kurzer Distanz auf Menschen abgefeuert werden.

Roni ist querschittsgelähmt, seit ihn ein Kanister aus nächster Nähe in den Rücken traf. Seither fährt er jeden Freitagnachmittag mit seinem elektrischen Rollstuhl – Gasmaske über dem Kopf, Leuchtweste am Oberkörper – durch das Tränengas. In der Hand hält er ein Porträt von Bassem Abu Rahma. Der Aktivist wurde 2009 durch ein Tränengasprojektil getötet und gilt seither als Märtyrer im Dorf. Am vergangenen Freitag feierte Bil’in Abu Rahmas siebten Todestag, dabei wurden laut Dorfbewohnern auch die gefährlichen Gummigeschosse eingesetzt. Sie bestehen zu 90 Prozent aus Metall, es gab Verletzte.

Auf den Feldern um Bil'in liegen überall leere Tränengasprojektile (16. April 2016, Foto: Hannes von Wyl).
Auf den Feldern um Bil'in liegen überall leere Tränengasprojektile (16. April 2016, Foto: Hannes von Wyl).

Eine Ambulanz steht immer bereit, die Sanitäter verteilen mit Alkohol getränkte Watte, die tränenden Touristen inhalieren die Dämpfe dankbar, es lindert das Brennen des Reizgases. «Mit Unterstützung der Stadt Genf», steht auf der Seite des Fahrzeugs. Das Hin und Her zwischen den Demonstranten und den Soldaten endet nach einer Stunde mit zwei, drei Salven aus einer auf einem Schützenpanzer montierten Kanone, die 15 Tränengasprojektile auf einmal verschiesst. Die Gaswolke nebelt das Gebiet grossflächig ein, die rund 25 Demonstranten fliehen in alle Richtungen.

Verreckt, ihr arabischen Hundesöhne!

Israelische Kinder von der Siedlung neben Bil'in

Dann kehrt wieder Ruhe ein. Die Demonstranten aus dem Dorf gehen zurück in ihre Häuser, die israelischen Soldaten hinter die Mauer, gegen die Bil’in seit 2005 protestiert, weil sie ursprünglich mitten durch das Dorf führte und die Bewohner von 60 Prozent ihres Farmlandes abschnitt. Drei Jahre später trugen die wöchentlichen Proteste Früchte. Ein israelisches Gericht entschied, die Mauer zurückzuversetzen. «Jetzt fehlen uns noch 30 Prozent unseres Farmlandes», sagt Bubu, als er die Schweizer Touristen nach der Demonstration zu einer Farm führt, die er gemeinsam mit Freiwilligen aus dem Hostel bewirtschaftet. «Die Proteste haben also etwas gebracht. Enden werden sie aber erst, wenn die Mauer fällt.»

Die heissen Projektile entzünden das trockene Gras, Brände brechen aus. Oft werden Olivenbäume Opfer der Flammen, die Lebensgrundlage der Dorfbewohner. (16. April 2016, Foto: Hannes von Wyl)
Die heissen Projektile entzünden das trockene Gras, Brände brechen aus. Oft werden Olivenbäume Opfer der Flammen, die Lebensgrundlage der Dorfbewohner. (16. April 2016, Foto: Hannes von Wyl)

Aufgeben, das kommt für die Bewohner von Bil’in nicht infrage. Die wöchentliche Demonstration ist zu einem Symbol für den palästinensischen Widerstand gegen die israelische Besetzung geworden. Und sie verläuft auf Seite der Dorfbewohner meist friedlich, auch wegen der internationalen Aufmerksamkeit, die sie während über eines Jahrzehnts erhalten hat. Die Presse ist immer vor Ort, die Vizepräsidentin des EU-Parlaments war schon dabei, ein Film über die Proteste wurde für einen Oscar nominiert. Junge, radikale Palästinenser mit Steinschleudern, israelische Soldaten, die mit scharfer Munition schiessen, das ist an anderen Brennpunkten häufiger, in Hebron, in Bethlehem. In Bil’in will man zeigen: Wir sind friedlich, wir sind die Opfer israelischer Aggression.

Die Ohnmacht der Palästinenser manifestiert sich in einer Ansammlung von Gebäuden jenseits der Mauer. Modi’in Illit, eine der grössten israelischen Siedlungen in der Westbank, über 60'000 Einwohner. Die Siedlung gilt nach internationalem Recht als illegal, weil sie auf besetztem Gebiet steht. Das hindert die israelische Regierung nicht daran, stetig neue Bauten zu bewilligen, Kräne stehen neben halbfertigen Häusern, Lastwagen transportieren Aushub. Auf einem aufgeschütteten Erdhaufen, höher als die Betonmauer, spielen jüdische Siedlerkinder. Sie fangen an zu rufen, als Bubu und seine Gäste auf Sichtweite herankommen. «Verreckt, ihr arabischen Hundesöhne!», übersetzt der Fremdenführer. Bubu lacht und schüttelt den Kopf.

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