«Jeder kriegt hier aufs Dach»

Die Parodisten der israelischen TV-Sendung «Ein wunderbares Land» scharen Fans ums sich und treiben die Quote in die Höhe. Ihr Erfolgsrezept? Total ernsthafte Fragen an völlig überdrehte Politiker.

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Benjamin Netanyahu ist als Kind verhext worden, sein Leben lang israelischer Ministerpräsident zu sein. Er kann den Fluch nur lösen, wenn es ihm gelingt, das Land zu ruinieren und sein schlechtester Regierungschef aller Zeiten zu werden. So oder ähnlich wird Netanyahu schon seit Jahren immer wieder in satirischen Sketchen der Fernsehsendung «Ein wunderbares Land» aufs Korn genommen. Aber auch alle anderen Politiker bekommen in der Kultsendung gleichmässig ihr Fett weg.

Im dreimonatigen Wahlkampf für die Knessetwahlen am Dienstag kam kein Parteimanager auf die Idee, einen Auftritt zur Zeit der wöchentlichen Ausstrahlung im privaten Kanal Zwei zu anzusetzen. Die Protagonisten sitzen dann nämlich selbst gerne vor dem Fernseher.

Einschaltquoten von bis zu 30 Prozent

«Jeder kriegt hier was aufs Dach, ob links oder rechts, keiner wird verschont», erklärt die Schauspielerin Schani Cohen. Sie parodiert hingebungsvoll die liberale Spitzenpolitikerin Zipi Livni in der halbstündigen Dienstagssendung, die der «heute show» des ZDF durchaus ähnlich ist. Seit zwölf Jahren schon wird «Erez Nehederet», so der hebräische Titel, zur besten Sendezeit im reichweitenstärksten Programm ausgestrahlt. Die Einschaltquoten gehen bis 30 Prozent.

Vor dem Aufnahmestudio in der Küstenstadt Herzlija lungern zu Drehzeiten hunderte Fans, um Selfies mit den Starparodisten von Livni, Netanyahu oder Palästinenserpräsident Mahmud Abbas zu schiessen. Die Liebe zum Detail bei den Darstellern ist frappierend: Die lilastichigen grauen Haarsträhnen, die der Regierungschef über die Kahlstellen kämmt, die affektierte Sprechweise Livnis und das ewige «Nun reicht es!» von Rechtsaussen Naftali Bennett sind dem breiten Publikum höchstvertraut.

Total ernsthafte Fragen an völlig überdrehte Politiker

«Die Leute nehmen uns genauso ernst wie die Nachrichtensendungen», versichert Moderator Ejal Kizis im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AFP. Seine Aufgabe ist es, den völlig überdrehten «Politikern» total ernsthafte Fragen zu stellen.

Doch gerade im Wahlkampf machten die mit Vorliebe Aufgespiessten den Autoren der Sendung Konkurrenz und bewiesen Mut zur Selbstironie. So sprang Netanyahu, Spitzname «Bibi», in einem vielbeachteten Spot als «Bibi-Sitter» für ein junges Elternpaar ein. Sein linker Hauptrivale Jizchak Herzog machte sich über seine «Quakstimme» lustig. Und der nationalreligiöse Bennett schlurfte als altlinker Hippie durch Tel Aviv.

Selbst im Weissen Haus bekannt

«Keine Sorge. Wir bleiben besser als die», versichert Produzent Muli Segev. «Zum einen sind wir witziger. Und dann darf man nicht vergessen: Deren Job ist es, sich um das Allgemeinwohl zu kümmern. Und im Unterschied zu uns sind sie in den in den letzten Jahren ihrem Auftrag nicht gerecht geworden.»

Netanyahu hat wegen des Zauberfluchs natürlich mildernde Umstände. «Und so versuche ich der grossen Verantwortung, den Ministerpräsidenten zu spielen, mit allem Respekt gerecht zu werden. Aber die Drehbuchschreiber machen da nicht immer mit», versichert treuherzig Mariano Idelman, der Netanyahu sehr glaubwürdig verkörpert.

Selbst im Weissen Haus kennt man die Parodien. Als US-Präsident Barack Obama vor zwei Jahren Israel besuchte, versicherte er in einer Ansprache, alle Psychodramen, die sich angeblich zwischen «mir und meinem Freund Bibi abgespielt haben sollen, sind ein Komplott, damit ‹Erez Nehederet› etwas zu berichten hat».

Das Bühnenbild im Studio spart die Wirklichkeit Israels nicht aus. Da finden sich Nachbauten der Sperranlagen zum Westjordanland, Plastikattrappen von Abwehrraketen und Tunnelausgänge, wie sie die radikalislamische Hamas im Grenzgebiet des Gazastreifens anlegte. «Wir sehen Israel als eine kleine Welt, die sich in einer turbulenten Region unter einer Kuppel ein ruhiges Leben sichern will, zum Beispiel, indem sie sich vor den Palästinensern hinter Mauern versteckt. Auch das ist unser wunderbares Land», erklärt Produzent Segev.

Erstellt: 14.03.2015, 19:32 Uhr

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