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Jetzt kämpft wieder jeder gegen jeden

Dem syrischen Regime und der Türkei ist der einende Feind abhandengekommen.

Es stehen nicht nur Türken gegen Kurden, sondern auch Russland, der Iran und das syrische Regime gegen die USA: Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan und Russlands Präsident Wladimir Putin bei einem Treffen im Dezember 2017.
Es stehen nicht nur Türken gegen Kurden, sondern auch Russland, der Iran und das syrische Regime gegen die USA: Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan und Russlands Präsident Wladimir Putin bei einem Treffen im Dezember 2017.
AP Presidency Press Service, Keystone

Es klingt ziemlich zynisch, eine Militäroperation «Olivenzweig» zu nennen, vor allem wenn sie weniger geeignet ist, Frieden zu bringen als vielmehr neue Gewalt in das ohnehin vom Bürgerkrieg zerrissene Syrien. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan schickt unter diesem euphemistischen Codenamen seit Sonntag Soldaten in den Norden des Landes; sie sollen eine 30 Kilometer tiefe Pufferzone schaffen zu den Einheiten der kurdischen YPG-Milizen.

Der Kampf gegen die Terroristen des Islamischen Staats (IS) hat lange alle anderen Konflikte überdeckt, in Syrien wie im Irak. Nun brechen alte Gegensätze wieder auf: Es stehen nicht nur Türken gegen Kurden, sondern auch Russland, der Iran und das syrische Regime gegen die USA. Überdies attackiert dieses Dreierbündnis in Idlib und Hama Rebellen, die von der Türkei unterstützt werden, obwohl Ankara, Moskau und Teheran offiziell kooperieren. Fast wirkt es, als kämpfe jeder gegen jeden.

Erdogan rechtfertigt den Einmarsch mit Selbstverteidigung.

Erdogan stilisiert die YPG massgeblich aus innenpolitischen Gründen zur grössten Bedrohung für die Türkei und rechtfertigt den Einmarsch mit Selbstverteidigung. Überzeugend ist das nicht, aber auch nicht ganz von der Hand zu weisen: Die PKK verübt Anschläge in der Türkei, und die YPG feierte die Rückeroberung der IS-Hauptstadt Raqqa unter einem Porträt von PKK-Chef Abdullah Öcalan. Die USA, Nato-Partner der Türkei, unterstützen trotzdem auch nach dem Sieg über den IS weiter die YPG in Syrien.

Washington sieht in den Kurdenmilizen den einzig brauchbaren Verbündeten, um ein Wiedererstarken des IS im Grenzgebiet zum Irak zu verhindern. Mehr aber noch geht es den USA darum, wieder mitreden zu können über eine Nachkriegsordnung in Syrien. Und darum, Irans Einfluss zurückzudrängen. US-Soldaten sollen in Syrien bleiben, auf unbestimmte Zeit. In Trumps Washington aber herrscht Chaos, und so kündigte das Pentagon eine neue Grenzschutztruppe in Syrien an, ungeachtet der Versprechen des Präsidenten an die Türkei, der YPG keine Waffen mehr zu liefern. Erdogan sieht sich betrogen, wirft den USA ein doppeltes Spiel vor.

Moskau profitiert

Russland kommt das Zerwürfnis zwischen den Nato-Alliierten gelegen. Der Kreml pflegt ein ambivalentes Verhältnis zu den Kurden, ebenso das syrische Regime. Wenn nun Moskau wie Damaskus abgesehen von lauwarmen Protesten die türkische Invasion in Afrin dulden, ist das eine Warnung an die Kurden, dass ihre Allianz mit den USA noch einen Preis haben kann; die Amerikaner erklärten nur, Afrin liege ausserhalb ihres Operationsgebiets. Moskau kann darauf setzen, dass Erdogan im Zweifel dem Kampf gegen die YPG Priorität gibt und die Rebellen in Idlib und Hama ihrem Schicksal überlässt.

Der syrische Kurdenkanton Afrin ist geografisch isoliert; das erlaubt es noch, den Konflikt zu begrenzen. Aber der türkische Olivenzweig könnte sich als Brandbeschleuniger erweisen: Die Interessengegensätze sind im ganzen Norden Syriens gleich. Erzwingt Russland nicht doch noch eine umfassende politische Lösung, könnte es bald auch im syrischen Norden zu Kämpfen kommen. Es träfen womöglich Nato-Verbündete aufeinander oder auch Amerikaner gegen Russen und Iraner. Teheran und Damaskus werden einem Abnutzungskrieg nicht ausweichen. Eine Strategie, die den Krieg zu einem Ende führen könnte, ist weder in Moskau noch in Washington zu erkennen. Die Verlierer eines solchen Szenarios dagegen schon: die syrischen Kurden.

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