Kabul im Bombenhagel

Trotz westlicher Aufbauhilfe sind die radikalislamischen Taliban in Afghanistan stärker denn je.

Knall im Hintergrund: Die Raketeneinschläge sind während der Rede von Afghanistans Staatspräsident Ashraf Ghani deutlich zu hören. (Video: Tamedia/AFP/Storyful)

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Raketen, die mitten in der Hauptstadt einschlagen, das ist selbst in Afghanistan nicht Alltag – jedenfalls war es das in den letzten Jahren nicht. Doch gestern schlugen laut lokalen Medien gleich mehrere Geschosse im ­Diplomatenviertel Kabuls ein.

Staatspräsident Ashraf ­Ghani hielt da gerade eine Rede zum Beginn des islamischen Opferfestes Eid al-Adha. «Die Gruppen, die weiter Gewalt ausüben, auch wenn sie Raketen abfeuern, ­können die Entwicklung Afghanistans nicht aufhalten», sagte Ghani mit einem der Lage angemessenen, leicht aufgeschreckten Pathos. Diese Selbstsicherheit werden ihm die wenigsten Afghanen abgenommen haben: Schliesslich hat der Staatschef den islamistischen Taliban gerade eine dreimonatige Waffen­ruhe angeboten.

Geraufe um die Macht

Dass die Hauptstadt mit Raketen beschossen wird, von den Taliban oder anderen Milizen, erinnert die Menschen in Kabul an die übelsten Zeiten des Bürgerkriegs. Zu Beginn der Neunzigerjahre hatten die verfeindeten Warlords die Hauptstadt im Kampf um die Macht in Trümmer gelegt, auch durch Raketenbeschuss. Zuvor war 1989 die Rote Armee nach fast zehn Jahren sowjetischer Besatzung und Gräueltaten abgezogen.

Afghanistans Kriegsherren richteten im Geraufe um die Macht die Waffen dann nicht nur auf die Armee, ­sondern bald auch aufeinander. Mit dem Kampf um Kabul inszenierten die Milizenführer den Höhepunkt ihres bizarren Bruderkriegs.

Heute, weit mehr als 20 Jahre später, ist Frieden in dem zentralasiatischen Land noch immer in sehr, sehr weiter Ferne. Mit den Taliban, dem Terrornetzwerk al-Qaida und nun auch noch dem Islamischen Staat (IS) sind brutale Kräfte neu dazu­gekommen. Und in Kabul agiert unter Präsident Ghani eine zerstrittene Regierung, die ohne Unterstützung der USA und anderer Nato-Staaten nicht lange überleben würde. Das jüngste Waffenstillstandsangebot Ghanis aus Anlass des Opferfestes ist Ausdruck dieser Schwäche. Der Vorschlag spiegelt aber zugleich auch die Einsicht, dass sich ­Frieden in dem Land am Hindukusch nur am Verhandlungstisch erreichen lässt – so er nach fast 40 Jahren Krieg überhaupt noch vorstellbar ist.

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Ghanis letzte Offerte einer Waffenruhe im Juni hatte zwar zu spektakulären Verbrüderungsszenen zwischen Regierungssoldaten und Taliban und zu grosser Begeisterung in der kriegsmüden Zivilbevölkerung geführt. Doch dann wurde gleich wieder weitergeschossen.

Die Taliban reagierten entsprechend zurückhaltend auf das jüngste Kabuler Friedensan­gebot. Sie wollen die Waffen nicht ein Vierteljahr, sondern nur während der drei Feiertage ruhen lassen. Die Islamisten sind wieder einmal auf dem Vormarsch, sollen inzwischen fast 20 Prozent Afghanistans kontrollieren und in 30 weiteren Prozent militärisch aktiv sein – was heisst, dass mindestens die Hälfte des unwegsamen Landes als gefährlich und gefährdet gelten muss. Talibanführer Mullah ­Haibatullah Akhundzada weiss zudem, dass Ghani im Oktober das Parlament wählen lassen will: Er hat deshalb keinerlei Grund, dem Präsidenten dafür ein ruhiges Umfeld – und ­somit einen handfesten politischen Erfolg – zu verschaffen.

Washingtons Marionette

Ein ernst zu nehmender Gesprächspartner ist der seit 2014 regierende ehemalige Weltbanker Ghani für die Taliban ohnehin nicht. Sie sehen ihn ihm die Marionette Washingtons. Die ­radikalen Islamisten, die das Land von 1996 bis 2001 mit aller Gewalt regiert hatten, wollen nur direkt mit den USA über Frieden sprechen. Der Abzug nicht nur der amerikanischen, sondern ­aller ausländischen Truppen ist für sie eine Grundbedingung. Der Taliban-Chef sagte anlässlich des Opferfests: «Unser Jihad gegen die amerikanische Besatzung steht kurz vor dem Sieg.»

So weit dürfte es allerdings noch nicht sein: Auch wenn die Nato ihren Kampfeinsatz in Afghanistan 2014 offiziell beendet hat, stehen noch immer 20’000 ihrer Soldaten im Land. Sie trainieren und bewaffnen die Kabuler Armee und führen Anti-Terror-Einsätze durch. Enorm wichtig ist die US-Luftwaffe mit ihren Jets und Drohnen, ohne die ­Ghanis Truppen den Taliban oft nicht gewachsen wären; die US-Flieger bombardieren heute mehr Ziele als je zuvor.

Wie schwach die vom Westen hochgepäppelten afghanischen Streitkräfte mit ihren rund 350’000 Mann sind, zeigte sich vor wenigen Tagen. Die Taliban hatten die wichtige Provinzstadt Ghazni im Südosten fast vollständig erobert, wurden erst nach fünf Tagen und nach massiven US-Luftangriffen vertrieben. Mehr als 100 Soldaten und mindestens 150 Zivilisten sollen umgekommen sein, ebenso 450 Talibankämpfer.

Zudem entführten die Islamisten in der Provinz Kunduz drei Busse und nahmen rund 150 Fahrgäste als Geiseln. Nach Vermittlung örtlicher Würdenträger wurden die meisten freigelassen. Doch rund 20 Menschen sind noch immer in der Hand der Taliban; sollten sie ­Regierungsmitarbeiter, Soldaten oder Schiiten sein, müssen sie mit dem Schlimmsten rechnen. Dass die Islamisten zur selben Zeit auch einen nahen Distrikt überrannten und in einer anderen Provinz eine Militärbasis ­einnahmen, zeigt, wie gut die ­Taliban inzwischen auch grössere, koordinierte Kampfeinsätze beherrschen.

Ein Indiz für das wachsende militärische Gewicht der Taliban ist die «Rote Einheit». Die angeblich mehrere Tausend Mann starke Elitetruppe verfügt laut Angaben der Taliban über moderne Waffen amerikanischer Bauart, Humvee-Jeeps und Nachtsichtgeräte. Möglicherweise stammen die Waffen aus den Beständen der korruptionsgeplagten Armee, vielleicht kommen sie auch aus dem benachbarten Pakistan, ­dessen Geheimdienst die Taliban schon immer offen unterstützt hat. Die geheimnisvolle neue ­Elitetruppe soll bei den Kämpfen um Ghazni zum Einsatz gekommen sein. Berichte, wonach dort auch arabische und tschetschenische Jihadisten mitkämpfen, blieben bisher unbestätigt. Verwundern würde es aber nicht: Schliesslich kämpften solche «Gotteskrieger» schon gemeinsam gegen die Rote Armee. Unter ihnen auch Osama Bin Laden, er formte aus seinen Kämpfern später al-Qaida.

Erste Gespräche in Katar

Auch wenn die Nato die afghanische Armee nach dem Überfall auf Ghazni wie üblich gesund redete und militärische Zwischenerfolge der Taliban als «spektakulär, aber nicht anhaltend und entscheidend» herunterspielte, kann sich Ghani auf seine Streitkräfte kaum verlassen. Die Truppe hat im Kampf gegen die Taliban und gegen den nur in wenigen Landesteilen und der Hauptstadt Kabul aktiven IS nicht nur hohe Verluste zu beklagen. Sie wird auch von feindlichen «Schläfern» geplagt: Bei der Einnahme von Ghazni sollen sich Taliban in Regierungsuniformen in die Stadt eingeschlichen haben, bevor der Angriff begann. Voll auszuzahlen scheint sich die jahrelange westliche Aufbauarbeit also bis heute nicht.

Bei alledem stellt sich die Frage, wie lange die USA sich unter Präsident Donald Trump noch militärisch in Afghanistan engagieren wollen. Zumindest im Geheimen scheint Washington bereit zu sein, mit den Taliban zu reden: Eine ranghohe US-Diplomatin traf jüngst in Katar mit Vertretern der radikalen Islamisten zusammen.

Erstellt: 22.08.2018, 06:59 Uhr

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