Kerry reist nach Genf – Feuerpause an zwei Fronten

US-Aussenminister John Kerry besucht wegen Gesprächen über Syrien die Schweiz. Im Bürgerkrieg gilt der Waffenstillstand nicht überall.

Trip in die Westschweiz: US-Aussenminister John Kerry versucht im Syrien-Konflikt zu vermitteln. (Archiv)

Trip in die Westschweiz: US-Aussenminister John Kerry versucht im Syrien-Konflikt zu vermitteln. (Archiv) Bild: Nick Ut/Keystone

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Im Syrienkrieg hat eine vorübergehende Feuerpause an zwei Frontlinien den dort wohnenden Menschen eine Atempause verschafft. In der umkämpften Stadt Aleppo, wo wegen Russlands Widerstand keine Feuerpause gilt, gingen die Angriffe aber weiter.

Nach Angaben des Zivilschutzes wurden am Samstag erneut sechs Menschen bei Angriffen in den Rebellenvierteln von Aleppo getötet. Die oppositionsnahe Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte, deren Angaben nicht von unabhängiger Seite zu überprüfen sind, sprach von mindestens 20 Luftangriffen. Es sei davon auszugehen, dass die syrische Luftwaffe dafür verantwortlich war.

Gefährliche Fluchtrouten

Dutzende Menschen ergriffen am Samstag die Flucht aus den von Rebellen gehaltenen Stadtvierteln, wie ein Korrespondent der Nachrichtenagentur AFP berichtete. Einige Familien versuchten, in vergleichsweise sicheren Gegenden der Stadt unterzukommen.

Andere verliessen Aleppo über die einzige Strasse, die von den Rebellengebieten hinaus führt. Diese im Nordosten gelegene Route ist hochgefährlich, weil die Strasse häufig unter Beschuss gerät.

Der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte zufolge starben in Aleppo in den vergangenen acht Tagen 244 Zivilisten bei Bombardements des Regimes sowie Rebellenangriffen. Allein am Mittwoch kamen laut Ärzte ohne Grenzen (MSF) bei einem Luftschlag auf ein Spital in einem Rebellengebiet mehr als 50 Menschen ums Leben.

«Alles steht still»

«Die Situation ist unerträglich geworden», sagte Abu Mohammad, ein mit seiner Familie fliehender Einzelhändler. «Eins meiner Kinder hat Panik vor den Bomben.» In seinem Elektrogeschäft habe er seit einer Woche keine Kunden mehr gehabt. «Alles steht still.»

Schätzungen zufolge leben in den von Rebellen gehaltenen Vierteln von Aleppo noch insgesamt 200'000 Menschen. Am Samstag waren die Strassen nahezu menschenleer, die Bewohner verschanzten sich in ihren Häusern. Am Vortag waren aus Sicherheitsgründen die Freitagsgebete in der Stadt abgesagt worden.

Russland, enger Verbündeter von Syriens Regime, hatte sich gegen eine sofortige Feuerpause im Raum Aleppo ausgesprochen. Der Kampf gegen Terrorgruppierungen in der Region sollte fortgesetzt werden, sagte Vize-Aussenminister Gennadi Gatilow am Samstag in Moskau. Moskau werde auf die syrische Führung keinen Druck ausüben. In Aleppo finde ein Kampf gegen den Terror statt, begründete er die Haltung seiner Regierung.

Viele Konfliktparteien

Aleppo gilt derzeit als das wichtigste Schlachtfeld im syrischen Bürgerkrieg. Die nordsyrische Metropole wird teilweise von Einheiten des Machthabers Baschar al-Assad und teils von Rebellengruppen kontrolliert.

Auch die mit dem Terrornetzwerk al-Qaida verbündete Al-Nusra-Front ist präsent. Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) hat zwar in der Stadt keinen Ableger, soll sich aber nach russischen Angaben mit anderen bewaffneten Gruppen verbündet haben. Von der seit Februar offiziell geltenden Waffenruhe in Syrien sind die Al-Nusra-Front und der IS ausgenommen.

Syriens Armeeführung hatte am Freitag nach einer Einigung zwischen den USA und Russland eine neue vorübergehende Feuerpause für die Rebellenhochburg Ost-Ghuta und die Küstenprovinz Latakia erklärt. Sie schien am Samstag eingehalten zu werden.

Die USA wollten sich mit Russland auch auf eine Reduzierung der Gewalt in Aleppo einigen, versprach das US-Aussenministerium. In Syrien gilt seit Ende Februar eine Waffenruhe, die zuletzt jedoch immer brüchiger geworden ist.

Kerry in Genf erwartet

John Kerry werde am Sonntag nach Genf aufbrechen, teilte das Aussenministerium mit. Die Reise kommt vor dem Hintergrund der Eskalation der Verstösse gegen eine zerbrechliche Waffenruhe in der Gegend um die nordsyrische Stadt Aleppo.

In Genf will Kerry nach Angaben des State Department am Montag mit dem UN-Syriengesandten Staffan de Mistura und den Aussenministern Jordaniens und Saudi-Arabiens zusammentreffen. Er will demnach Bemühungen um eine Stärkung der Waffenruhe in ganz Syrien und die Ausweitung humanitärer Hilfslieferungen an belagerte Gemeinden prüfen. Zudem soll es auch um Wege gehen, wie die ausgesetzten Friedensgespräche zwischen syrischer Regierung und Opposition wieder aufgenommen werden können. (fal/sda)

Erstellt: 30.04.2016, 20:21 Uhr

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