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Kettenreaktion in Nahost

Der Syrienkrieg dient als Laboratorium für globale Konflikte im 21. Jahrhundert. Europa macht dabei keine gute Figur.

MeinungNicolas Baverez
Ein syrischer Soldat filmt das Ausmass der Zerstörung nach dem westlichen Angriff auf eine syrische Chemiefabrik. Bild: Keystone/AP /Hassan Ammar
Ein syrischer Soldat filmt das Ausmass der Zerstörung nach dem westlichen Angriff auf eine syrische Chemiefabrik. Bild: Keystone/AP /Hassan Ammar

Der Syrienkrieg mit seinen 500'000 Toten und 12 Millionen Flüchtlingen ist ein typisches ­Beispiel für die endlosen Konflikte des 21. Jahr­hunderts. Die militärische Niederlage des sogenannten Islamischen Staates hat zwar für ein Ende des Kalifats gesorgt, aber sie hat weder die Globalisierung des Jihad noch dessen militärische Operationen gestoppt. Zudem wird der Konflikt in Syrien immer internationaler, weil der Bürgerkrieg immer mehr von der Konfrontation regionaler und globaler Mächte überdeckt wird.

Dafür ist der Militärschlag der USA, Grossbritanniens und Frankreichs von diesem Wochenende nur das jüngste Beispiel. Die Aktion, so wie sie durchgeführt wurde, war sicher richtig. Denn sie konzentrierte sich auf das chemische Arsenal Bashar al-Assads und vermied die Konfrontation mit den in Syrien stationierten russischen und iranischen Kräften und Stellvertretern.

Unterdessen bereitet sich aber die Türkei nach der Eroberung von Afrin gerade darauf vor, ihre Truppen nach Manbij zu schicken. Die Gegend wird von kurdischen YPG-Milizen verteidigt, und zwar mit der Unterstützung von US-amerikanischen und französischen Soldaten. Und Israel setzt seine Vorstösse systematisch fort, wie gerade jetzt beim Angriff auf einen syrischen Stützpunkt.

Dynamik ausser Kontrolle

Die kriegerische Dynamik zwischen den Mächten im Nahen Osten droht nun also mehr denn je ausser Kontrolle zu geraten. Sie basiert im Grunde auf einer Wiederaufnahme des Wettrüstens. Die weltweiten Rüstungsausgaben sind in den letzten Jahren um jeweils mehr als 10 Prozent gestiegen. Dazu kommen die Weiterverbreitung von Kernwaffen und die vermehrten Cyberattacken.

Die Krise konzentriert sich auf zwei Bündnissysteme: auf der einen Seite die Achse Israel, Ägypten und Saudiarabien, unterstützt durch die Vereinigten Staaten. Auf der anderen Seite stehen Bashar al-Assads Syrien, der Iran und die Türkei, die wiederum von Russland Rückendeckung erhalten.

Es handelt sich also um einen neuen kalten Krieg zwischen den Vereinigten Staaten und Wladimir Putins Russland. Putin schlägt dabei immer ungehemmter zu. Das zeigt sich bei militärischen Interventionen in der Ukraine und Syrien, dem Mordversuch an Sergei Skripal mit einem Nervengift oder auch bei den Manipulationen der Präsidentschaftswahl in den Vereinigten Staaten, des Brexit-Referendums oder auch bei den Unabhängigkeitsbestrebungen in Katalonien.

«Europa ist wie gelähmt und wehrlos.»

So gesehen dient der Krieg in Syrien als eine Art Laboratorium für die kommenden Konflikte des 21. Jahrhunderts, genauso wie der Spanische Bürgerkrieg für den Zweiten Weltkrieg ein Übungsfeld war und der Koreakrieg für den Kalten Krieg. Er ist ein Test für das hergebrachte System der globalen Sicherheit.

Demontage von Institutionen

Die Gefahr ist gross, dass das System dabei versagt. Der Grund dafür ist die weit fortgeschrittene Demontage der Institutionen und Regeln, die bisher die Weltordnung sicherten, jetzt aber durch die Demokraturen in Russland und ­der ­Türkei sowie durch die «America First»-Politik Donald Trumps geschleift werden.

Trumps Vorgehen ist dabei widersprüchlich: Er gibt vor, mit Nordkorea über Nuklearwaffen eine Einigung anzustreben, will aber gleichzeitig das Atomabkommen mit dem Iran aufheben. Im Endeffekt bedeutet das nichts anderes, als dass die USA ihren Führungsanspruch aufgeben.

Und Europa? Der Kontinent ist wie gelähmt und so gut wie wehrlos angesichts der Tatsache, dass im Nahen Osten, in Korea und in Russland über seine eigene Sicherheit entschieden wird. Frankreich ist jetzt, da Grossbritannien buchstäblich ins Schwarze Loch des Brexit gesogen wird, der einzige europäische Akteur. Unser Land verfügt jedoch nicht über die notwendigen Mittel, weder auf militärischer Ebene noch was die politischen Einflussmöglichkeiten für eine globale Strategie betrifft.

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