Osama Bin Laden und das Volk: Was Al-Jazeera zeigt

Der katarische TV-Sender verärgert die Mächtigen der arabischen Welt. Mehrere Länder fordern sein Ende.

Bei al-Jazeera kommen auch Sprecher Israels zu Wort – in der arabischen Welt gilt dies als unerhört. Foto: Anne Beatrice Clasmann (DPA, AFP)

Bei al-Jazeera kommen auch Sprecher Israels zu Wort – in der arabischen Welt gilt dies als unerhört. Foto: Anne Beatrice Clasmann (DPA, AFP)

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Hier sprach Osama Bin Laden. Auf al-Jazeera fand der Chef von al-Qaida immer Gehör – Jahre vor dem Angriff auf das World Trade Center in New York am 11. September 2001 und auch danach: Der pan­arabische TV-Sender aus Katar sendete Bin Ladens Interviews und Erklärungen. George W. Bush, damals US-Präsident, war so erzürnt, dass er im Gespräch mit Tony Blair, damals britischer Premierminister, davon träumte, den Al-Jazeera-Sitz in Doha, der Hauptstadt von Katar, zu bombardieren.

Hier sprach das Volk. Der Arabische Frühling wurde auf Twitter und Facebook organisiert. Auf al-Jazeera konnten die Unzufriedenen von Tunesien, Libyen bis Ägypten, Syrien und Jemen zwischen Ende 2010 und Mitte 2012 verfolgen, wie sich ihr Aufstand entwickelte. Der Sender hatte überall Reporter vor Ort. Und während etwa das ägyptische Staatsfernsehen patriotische Lieder und ­wehende Flaggen sendete, lief bei al-Jazeera live die Revolution auf dem Tahrir-Platz.

«Al-Jazeera ist führend», sagte 2011 Hillary Clinton, damals US-Aussenministerin, vor dem US-Kongress. «So werden die Gedanken und Einstellungen der Menschen verändert. Man mag damit nicht übereinstimmen, aber das sind echte Nachrichten rund um die Uhr.»

Büros von Schlägern gestürmt

Das sahen auch die Regierungen von Ägypten, Saudiarabien und Syrien so – und bekämpften al-Jazeera, wo sie nur konnten. Satellitenkanäle wurden abgeschaltet, Al-Jazeera-Büros von Schlägern gestürmt, von Behörden geschlossen, Mitarbeiter des Senders festgenommen und zu langen Haftstrafen verurteilt. Aber der Al-Jazeera-Effekt liess sich nicht mehr rückgängig machen: Offene Debatten, Liveberichte aus der Mitte des Geschehens, Kritik an den Herrschenden, aber auch unverblümte Diskussionen über Alltagssorgen oder religiöse Fragen wurden gezeigt. Und das in einer Region, in der Militärherrscher, absolute Monarchen und religiöse Führer von ihren Medien und ihrer Bevölkerung Gehorsam erwarten. Al-Jazeera punktete mit Glaubwürdigkeit. Sogar Sprecher Israels kamen zu Wort – in der arabischen Welt galt dies als unerhört.

Bis heute bleibt der Sender ein Ärgernis für die arabischen Herrscher. Der Aufstand in Ägypten ist zwar niedergeschlagen und ein neues Militärregime ist an der Macht. In Saudiarabien sitzt König Salman fest im Sattel; in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) stellt niemand die Erbmonarchien infrage; und auch im kleinen Bahrain hat das sunnitische Herrscherhaus das mehrheitlich schiitische Volk wieder unter Kontrolle. Aber als diese vier Länder Anfang Juni eine Blockade über Katar verhängten, stand an dritter Stelle ihrer Forderungen: «al-Jazeera schliessen».

Al-Jazeera ist ein Symbol für den erstaunlichen Aufstieg Katars. «Der Sender ist eine der wichtigsten Errungenschaften von Katar», meint Philip Seib, Professor für Journalismus an der Universität von Südkalifornien. «Er hat das kleine Land global bekannt gemacht.» Katar ist eine Halbinsel («Jazeera» auf Arabisch) im Persischen Golf, etwa ein Drittel so gross wie die Schweiz. Nur 300'000 Katarer leben dort – und 2,4 Millionen Ausländer. Vor der Küste Katars liegt eines der grössten Erdgasfelder der Welt: ein superreiches, kleines Land umgeben von mächtigen Nachbarn.

Durchschlagender Erfolg

Als Emir Hamad bin Khalifa Al Thani 1995 die Macht übernahm, wollte er Katar zu einem einflussreichen, unabhängigen Mitspieler auf der Arabischen Halbinsel machen. Er entschied sich für eine Öffnung, in dieser Nachbarschaft ohne Gleichen. Al-Jazeera, 1996 gegründet, erhielt fast freie Hand, um mit einer Kerngruppe von ehemaligen BBC-Journalisten ein seriöses TV-Programm zu entwickeln. Es war ein durchschlagender Erfolg. Weltweit gewann Katar zusätzlich an Ansehen, weil das auf Englisch ausgestrahlte Programm Al Jazeera International zur wichtigen journalistischen Stimme in Entwicklungsländern wurde.

Milliarden Dollar spendierte Katar zudem, um Ableger westlicher Eliteuniversitäten und renommierter Museen nach Doha zu locken. Kritische Akademiker aus der arabischen Welt fanden hier Zuflucht. Und seit der alte Emir 2013 freiwillig die Macht an seinen Sohn Tamim bin Hamad Al Thani abgab, lässt der neue Emir viel Geld in seine Sportleidenschaft fliessen. Milliarden wurden ausge­geben, um sportliche Grossveranstaltungen nach Katar zu holen – am bekanntesten und kontro­versesten: die Fussball-WM 2022.

Die Nachrichtenagentur Bloomberg schätzt das weltwei­te Investment der Katarer auf 335 Milliarden Dollar.

Katarische Milliarden stecken in Konzernen rund um die Welt. Der Staatsfonds ist beteiligt an Credit Suisse und an der Bank Barclays, am staatlichen russischen Erdölkonzern Rosneft und am niederländischen Shell, am deutschen Autokonzern Volkswagen und am französischen Total, ihm gehört das Luxuskaufhaus Harrods in London und der Fussballclub Paris St-Germain. Der 220-Millionen-Trans­fer von Neymar: ein katarischer Deal. Die Nachrichtenagentur Bloomberg schätzt das weltwei­te Investment der Katarer auf 335 Milliarden Dollar. In der eigenen Region bietet sich Katar als ­Vermittler an. Politische Flüchtlinge aus anderen arabischen Ländern fanden hier Zuflucht, etwa führende Vertreter der Muslimbruderschaft, die in Ägypten oder Saudiarabien verfolgt wurden. Auch die afghanischen Taliban hatten zeitweise eine ­Vertretung in Katar – und sollen dort Kontakte zu US-Diplomaten gehabt haben.

Doch nach anfänglichen diplomatischen Erfolgen brachte der Arabische Frühling das kleine Land unter den Nachbarn in Verruf. Zu eindeutig schien den Saudis und den Ägyptern Katars Unterstützung der Muslimbruderschaft, die in Ägypten zwar 2012 die freien Wahlen gewann, dann aber vom Militär wieder von der Macht entfernt wurde. Zu sehr fürchten Katars Nachbarn, dass die islamistisch ­inspirierte, volksnahe Politik der Bruderschaft ihre Erbmonarchien bedroht.

Bis zu 300 Millionen Zuschauer – pro Tag

Al-Jazeera gilt dabei als besonders gefährlich. Dies ist mit Abstand der grösste TV-Sender im arabischen Raum – auch wenn es keine genauen Zahlen gibt. Mal ist die Rede von 50 Millionen Menschen, die das Programm täglich sehen, mal spricht al-Jazeera von 300 Millionen Haushalten weltweit, die via Satellit und Kabel erreicht werden. Vor einigen Jahren behauptete der Sender sogar, mehr ­Zuschauer zu haben als alle Konkurrenten zusammen. Doch von Marokko bis Irak gibt es kein zuverlässiges Institut, das solche Messungen machen könnte. Und der Konkurrenzkampf ist hart. Wichtigster Gegenspieler ist der 2003 in Dubai gegründete Sender al-Arabiya, der vom saudischen ­Königshaus finanziert wird. Zudem halten sich die Emirate einen eigenen Sender, Sky News Arabia, mit Sitz in Abu Dhabi.

Neben diesen grossen panarabischen Stationen sind über Satellit und Internet inzwischen Hunderte kleinerer Sender zu empfangen, viele mit einer religiösen Ausrichtung. Man kann sich 24 Stunden täglich den Koran vorlesen lassen oder Predigten anhören. Aber auch die übelste Hetze von Sunniten gegen Schiiten und umgekehrt ist weit verbreitet – Sender mit obskuren Geldquellen, die Hass und Gewalt schüren.

Den Emir beim Vornamen genannt

All das hat den Anteil der Araber, die al-Jazeera einschalten, reduziert. Und die Frage nach der Glaubwürdigkeit des Senders wird neu gestellt. Katars Unterstützung für islamistische Verbände im syrischen Bürgerkrieg wirft Fragen auf. Je mehr die Spannungen zwischen Saudiarabien und dem Iran, den beiden grössten Ländern der Region, wachsen, desto mehr gerät Katar zwischen die Fronten. Sein Erdgas stammt aus einem Feld, das sich bis in iranische Gewässer erstreckt. Das zwingt Katar und den Iran, über den Golf hinweg eine funktions­fähige Geschäftsbeziehung zu pflegen.

Seit die Nachbarn Katar zu isolieren versuchen, hat sich auch der Ton in arabischen Medien weiter verschärft. Al-Arabiya nennt den Emir von Katar oft nur noch mit Vornamen – eine unerhörte Beleidigung. Um die Konsequenzen der Blockade des Luftraums rund um Katar zu illustrieren, zeigte al-Arabiya eine Videosequenz, in der eine katarische Passagiermaschine von saudischen Militärjets abgeschossen wird. Grosse Empörung folgte. Gleichzeitig lassen die Saudis schwarze Listen erstellen von Leuten, die auf Twitter, das im arabischen Raum weit verbreitet ist, Sympathien für Katar erkennen lassen – und drohen mit drastischen Strafen.

Kritik an den Machthabern Katars ist auf al-Jazeera kaum zu beobachten.

Ähnliche Propaganda ist auf al-Jazeera nicht zu finden. Wenn aber über die Unterstützung der Saudis für radikalislamische Gruppen berichtet wird, kann das als Gegenangriff verstanden werden. Und wenn über die Behinderung katarischer Pilger auf dem Weg nach Mekka in Saudiarabien diskutiert wird, erhitzen sich die Gemüter. Kritik an den Saudis stützt sich mitunter auf eine obskure «Schweizer Menschenrechtsorganisation», die kaum mehr als eine Website zu betreiben scheint.

Kritik an den Machthabern Katars ist auf al-Jazeera aber kaum zu beobachten. Katar ist keine ­Demokratie, und islamische Regeln werden auch in Doha strikt durchgesetzt. Immerhin, so Vertreter des Senders, sei die Kontroverse um die schlechte Behandlung von Arbeitern aus Indien oder Nepal, die in Katar WM-Stadien bauen, auch bei al-Jazeera Thema gewesen.

Der Vergleich mit den USA

Sprecher von al-Jazeera betonen, dass sie sich nach wie vor an journalistische Regeln halten – und nie Druck aus der Herrscherfamilie verspürt hätten. Dem entspreche auch, dass Islamisten wie Bin Laden oder der Chef der syrischen Al-Nusra-Front zu Wort kommen. «Wir haben in den USA gerade gewaltsame Proteste von Neonazigruppen erlebt», sagte Al-Jazeera-Reporter Jamal Elshayyal der «Zeit». «Wenn CNN ein Interview mit einem dieser Rassisten geführt hätte, würde doch auch niemand sagen, dass CNN Rassismus unterstützt.»

Von einer Schliessung des Senders ist bisher keine Rede. Aber selbst wenn das geschehen sollte, meint Elshayyal, bliebe das Erbe von al-Jazeera ­bestehen: «Wir haben in der arabischen Welt einen Journalismus etabliert, der allen Seiten eine Stimme gibt. Das wird bleiben, egal was passiert.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.08.2017, 20:33 Uhr

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