Königssohn mit gefährlichem Ehrgeiz

Der saudische Kronprinz Muhammad bin Salman destabilisiert den Libanon – und mit ihm den gesamten Nahen Osten.

Spiel mit dem Feuer: Der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman. Foto: Hamad I Mohammed (Reuters)

Spiel mit dem Feuer: Der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman. Foto: Hamad I Mohammed (Reuters)

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Wenn der Nahe Osten kriselt, erzittert der Libanon. Die grösste Krise, den Bürgerkrieg im benachbarten Syrien, hat der labile Staat am Mittelmeer bisher überstanden, weil es ein unausgesprochenes Übereinkommen zwischen den Widersachern Iran und Saudiarabien gab, das Land aus der syrischen Katastrophe herauszuhalten. Symbol dieses Kompromisses war die Einheitsregierung unter Beteiligung der vom Iran unterstützten schiitischen Hizbollah mit Saad Hariri als Premier, ein Sunnit und Protégé Riads. Dieses Stillhalteabkommen ist passé.

Erst verlas Hariri von der saudischen Hauptstadt Riad aus seine Rücktrittserklärung. Darin warf er dem Iran und den Hizbollah vor, ihn ermorden zu wollen, so wie das 2005 seinem Vater geschehen war. Dann schoss die Luftabwehr über Riad eine Rakete ab, die aufständische Huthi im Jemen abgefeuert hatten. Auch die Hu­thi werden vom Iran unterstützt. Schliesslich liess der saudische Kronprinz Muhammad bin Salman Prinzen und Geschäftsleute wegen angeblicher Korruption festsetzen. Hariri, der einen saudischen Pass besitzt, verdiente im Königreich mit der geerbten Baufirma Milliarden an staatlichen Grossprojekten, bevor sie im Juli pleiteging – er ist womöglich erpressbar.

Gegen den Einfluss des Irans

Die Rakete aus dem Jemen bezeichnete Riad als Kriegsakt, den es dem Iran anlastet. Von dort sei sie geliefert worden. Auch die Regierungsbeteiligung der Hizbollah im Libanon komme einer Kriegserklärung gleich. Das Königreich kann sich bei der Forderung nach ihrer Entwaffnung auf UNO-Resolutionen stützen. Aber gegen den Willen der Hizbollah kommt im Libanon kaum ein Kabinett zustande. Zudem ist die Hizbollah im Libanon die stärkste militärische Kraft.

Saudiarabiens äusserst ehrgeiziger Königssohn versucht grimmig, den wachsenden Einfluss des Iran zurückzudrängen. Er muss sich bestätigt sehen durch Triumphgeheul, wie es etwa Ali Akbar Velayati anstimmte, der aussenpolitische Berater des Obersten Führers im Iran, Ali Khamenei. Die «Achse des Widerstands» habe in Syrien, im Irak und im Libanon gewonnen und reiche bis Palästina, sagte er – ausgerechnet in Beirut nach einem Treffen mit Hariri.

Die Konfrontation hat Saudiarabien längst im Jemen begonnen, wo die Huthi den rechtmässigen Präsidenten aus dem Land jagten. Der unselige Krieg hat nach zweieinhalb Jahren und Tausenden Luftangriffen wenig bewirkt, ausser das Land zu verheeren. Im Irak sucht Riad auffallend die Nähe von Premier Haider al-Abadi und des irankritischen Schiiten-Predigers Muqtada al-Sadr. Ein Gegengewicht ergibt das noch nicht.

In Syrien, wo Präsident Bashar al-Assad mithilfe Russlands, der Hizbollah und des Iran den Bürgerkrieg für sich entscheidet, versucht Riad in Sunniten-Gebieten im Osten Fuss zu fassen. Der saudische Kronprinz will verhindern, dass der Iran den schiitischen Bogen schlägt über den Irak und Syrien nach dem Libanon – oder auf Dauer in Syrien bleibt.

Trumps gefährlicher Applaus für Riad

Der Libanon ist nur der jüngste Schauplatz der Auseinandersetzung, jedoch ein gefährlicher. US-Präsident Donald Trump bestärkt die Saudis und Israel in ihrer harten Haltung. Ein Angriff auf Hizbollah-Ziele in Libanon allerdings wäre so töricht wie verheerend. Als Antwort würden wohl Tausende Raketen Israel treffen und einen Konflikt heraufbeschwören, der auf beiden Seiten weit mehr Menschenleben kosten, weit grössere Zerstörungen anrichten würde als jener im Jahr 2006. Auch ein Krieg zwischen dem Iran und Saudiarabien wäre dann nicht ausgeschlossen. Wahrscheinlicher ist deshalb ein Embargo nach dem Modell Katar. Der Libanon ist wirtschaftlich verwundbar, die Saudis haben viel Geld in den Banken dort angelegt.

Die grosse Gefahr liegt darin, dass selbst kleinste Provokationen den Libanon zum Kippen bringen können. Es wäre nicht der erste Krieg im Nahen Osten, der durch eine Eigendynamik so eskaliert, dass er nicht wieder unter Kontrolle gebracht werden kann. Hariri hat sich, so man seinen Vertrauten glaubt, geweigert, das Arrangement mit der Hizbollah aufzukündigen. Er weiss um die fragile Statik des Libanon. Die Saudis haben sich entschieden, das zu ignorieren. Womöglich erfasst die Krise deswegen bald die gesamte Region. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.11.2017, 19:56 Uhr

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