Köpfen und ausradieren

Gewalttätige Bilderstürme sind die Hauptwaffe der IS-Milizen, aber kein nur islamistisches Phänomen. Christlich-byzantinische Kaiser, Zwingli und Calvin waren militante Zerstörer von Kunstwerken.

Der Islamische Staat zerstörte eine Antikenstätte im Irak. Bearbeitung: Lea Koch

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Eine Schreckensmeldung jagt die andere: IS-Terrormilizen haben die 3000 Jahre alte assyrische Ruinenstätte Nimrud mit Bulldozern und schweren Militärfahrzeugen überrollt. Dabei ist noch nicht ganz klar, wie viel von den Palastanlagen und Lamassu-Statuen, den Löwen- oder Stierkörpern mit Flügeln und Menschenköpfen, übrig geblieben ist. Gemäss der irakischen Regierung haben IS-Milizen auch die antiken Stätten von Hatra im Norden des Landes in Schutt und Asche gelegt. Videoaufnahmen von letzter Woche zeigen, wie Jihadisten assyrische Statuen im Museum von Mosul köpfen. Zuvor schon schreckten Medienberichte über die Zerstörung der dortigen Bibliothek auf.

Mosul, die zweitgrösste Stadt des Irak, ist die Metropole der Provinz Ninawa und war einst Zentrum des assyrischen Imperiums. Viele der wichtigsten Ausgrabungsstätten der mesopotamischen und assyrischen Hochkultur sind heute in der Hand des Islamischen Staats. Seine Milizen zerstören auch Friedhöfe und Grabstätten von sufischen Heiligen, die nach salafistischer und wahhabitischer Auslegung als ketzerisch gelten. Heiligenverehrung, wie sie von den Schiiten praktiziert wird, ist für sie Götzendienst; Moscheen von Schiiten und andersgläubigen Sunniten sind für sie «heidnische Tempel».

Die Jihadisten gehen gleicherweise gegen Monumente moderater Glaubensbrüder vor wie gegen vorislamische Hochkulturen. Sie versuchen, im Nahen Osten das kulturelle Gedächtnis auszulöschen. Die Unesco spricht von der «kulturellen Säuberung des IS». Die IS-Milizen plündern die alten Schatzkammern in Syrien und dem Irak auch zu kommerziellen Zwecken. Die Terroristen haben den Antikenhandel als Finanzierungsquelle entdeckt.

Nimrud, Timbuktu, Bamiyan

Das Herz ihres theologischen und territorialen Kampfes ist der Ikonoklasmus, die Zerstörung heiliger Bilder. Das Wort leitet sich ab von «Ikona», dem russischen Wort für Kultbild. Mit der Zerstörung alter Monumente soll die durch diese symbolisierte kulturelle Identität vernichtet und durch eine vom Fundamentalismus definierte Kultur ersetzt werden. Der Religionsführer Mohammed ibn Abd al-Wahhab predigte in der Mitte des 18. Jahrhunderts eine puritanische Koran-Auslegung als Rückkehr zum Frühislam und überzog die benachbarten Staaten mit Krieg.

In dessen Nachfolge rissen 2012 Mitglieder der Islamistengruppe Ansar al-Din, eines salafistischen Ablegers des reinen Wahhabismus, Mausoleen aus dem 16.  Jahrhundert in Timbuktu ab. Sie zertrümmerten in der Oasenstadt der Wüste Sahara eine ganze Reihe von Gräbern von Sufi-Gelehrten, die dort als Heilige verehrt werden.

Weltweite Empörung löste auch die Sprengung der 53 und 56 Meter hohen Buddha-Statuen im afghanischen Bamiyan im März 2001 durch Talibanmilizen aus. Obwohl die im 6. Jahrhundert, also noch in vorislamischer Zeit, von buddhistischen Mönchen aus dem Fels geschlagenen Riesenstatuen längst nicht mehr religiös verehrt werden, sahen die Taliban in ihnen Kultobjekte, die gegen das Bildverbot verstossen.

Es geht um die Deutungshoheit

Die Islamisten wissen: Wer Bilder zerstört, erzielt eine grosse symbolische Wirkung. Bilderstürmer setzen auf die polemische Diskreditierung des Gegners und stürzen Monumente, die als Sinnbilder einer überkommenen Ordnung oder des Aberglaubens gelten. Es sind vor allem die extremen Strömungen innerhalb des sunnitischen Islam, Salafismus und Wahhabismus, die gezielt ikonoklastisch agieren. Es geht um einen in­ner­islamischen Deutungskonflikt, bei dem die Fronten zwischen Extremisten und Moderaten verlaufen. Von einem radikal bilderfeindlichen Islam insgesamt zu sprechen, wäre jedoch ein Zerrbild.

Im Koran selber spielt das Verbot einer visuellen Repräsentation Mohammeds keine Rolle. Doch in den Hadithen, in der Überlieferung der Prophetenworte, ist die Sorge, dass Bilder des Propheten zum Objekt kultischer Verehrung werden könnten, höchst virulent.

Dabei ist der Ikonoklasmus nicht etwas spezifisch Orientalisches oder Islamisches, er findet sich vielmehr in allen abrahamitischen Religionen. In der jüdischen Thora ist das Bildverbot viel expliziter als im Koran. Es sind die beiden ersten der Zehn Gebote im Alten Testament, nämlich das Verbot des Götzendienstes und das Verbot der bildlichen Darstellung Gottes, die eine enorme Wirkung über Jahrtausende namentlich auch im Christentum entfalteten.

Christliche Bilderfeindlichkeit richtete sich zunächst im späten Römischen Reich gegen die nicht christlichen Bilder und Statuen des alten römischen Pantheismus. Der Islam entstand während der Hochblüte des christlichen Ikonoklasmus: Im achten und neunten Jahrhundert kam es im Byzantinischen Reich und Kaiserhaus sowie in der orthodoxen Kirche zum grossen christlichen Bilderstreit. Von 726 bis 843 standen sich zwei Parteien gegenüber: die Befürworter der bildlichen Darstellung Jesu und der Heiligen und die Ikonoklasten, die gegen den Bilderkult kämpften, weil es unmöglich sei, das göttliche Wesen in Bildern abzubilden. Im frühen achten Jahrhundert protestierten orthodoxe Juden, fromme Muslime und Christen in Konstantinopel gemeinsam gegen die bildlichen Darstellungen Christi, die für sie Abgötterei waren. Kaiser Leo  III. liess zahlreiche Christusbilder entfernen, 726 auch das grosse Christusbild an den Toren seines Palastes in Konstantinopel.

Bilder mit Wunderkraft

Der Konflikt endete mit einem Blutbad an den Ikonoklasten und führte zu der bis heute in der katholischen Kirche vorherrschenden Bilderfrömmigkeit, zur üppigen Verwendung von Reliquien und Ikonen. Schon das 2. Konzil von Nicaea erlaubte 787 die Verwendung von Bildern in der Liturgie, und Kaiserin Theodora II. gab 843 die Verehrung der Ikonen für die Ostkirche wieder frei. Die Bildergegner konnten sich weder im Westen noch im Osten durchsetzen.

Erst in der Reformation kam der Bilderstreit wieder voll zum Durchbruch. Die auf das Wort Gottes fokussierte Ohrenreligion der Reformatoren bekämpfte die katholische Augenreligion, die den Bildern Wunder- und Erlösungskraft zubilligte. «Das Bilderverbot diente dem Interesse, die sprachbezogene Gottunmittelbarkeit des Menschen präsent zu halten», schrieb der evangelische Theologe Friedrich Wilhelm Graf. Die Reformatoren witterten in der liturgischen Verwendung von Bildern abergläubischen Götzendienst und sinnliche Ablenkung vom Wort Gottes. Luther erlaubte Bilder für didaktische Zwecke, bekämpfte aber die mit der Stiftung von Bildern durch Reiche und Adlige verknüpfte Hochschätzung frommer Werke. Den Reformatoren zufolge durfte den Bildern keine Verehrung und Anbetung zuteilwerden.

Im Vergleich zu Luther waren Zwingli und Calvin weit bilderfeindlicher. Sie traten für ein völliges Bildverbot ein und bewirkten die Entfernung sämtlicher figürlicher Darstellungen aus dem Innern der Kirchen im Sinne einer Reinigung. Zwingli zufolge sollte man, anstatt Bilder zu kaufen oder zu stiften, das Geld den Armen geben. Obwohl Zwingli selber nicht an gewalttätigen Bilderstürmen teilnahm, waren diese für ihn dennoch erträglicher als die kultische Verehrung der Bilder. Religiöse Kunst gehörte laut Zwingli ins Museum, in der Kirche aber war sie Götzendienst, welcher die Konzentration auf das souveräne Gotteswort verhinderte.

Bildersturm in Zürich und Genf

Der zwinglianische Ikonoklasmus führte ab 1523 in Zürich, besonders im Grossmünster, zu einer gründlichen Aufräumaktion: Alle Bildwerke wurden entfernt. Zürich erlebte einen gesetzlich geregelten «Bildersturm von oben»: Der Rat beschloss die Entfernung der Bilder, auch der einfachen christlichen Symbole wie Kruzifixe und Heiligenstatuen; Wanddarstellungen liess er übertünchen. Die Bildwerke wurden ohne Gewaltanwendung aus der Kirche getragen. Zu Exzessen kam es hingegen auf dem Land; auch in Basel, Bern und St. Gallen verliefen die Bilderstürme tumultartig.

Ermuntert durch Calvins Werk «Institutio», wurden in Genf ab 1535 die Kirchen in gut organisierten Zerstörungsaktionen von Bildern gesäubert. «Für Calvin stellte jedes Bild Gottes allein durch seine Existenz einen Angriff auf die Souveränität des nicht sinnlich darstellbaren Gotteswortes dar», schreibt Graf. Das menschliche Herz war für den Reformator eine Götzen- und Bilderfabrik: «Wenn Gott in einem Stück Brot anwesend sein kann, wie viel mehr in einem Heiligenbild.» Ohne an solchen teilzunehmen, verursachte Calvin in Frankreich und den Niederlanden Bilderstürme in bisher nie da gewesenem Ausmass. Dem protestantischen Mob fielen unschätzbare Kulturwerte zum Opfer.

Analogien zum Islamismus

Ikonoklasmus und Gewalt seien während der Reformationszeit nicht etwa marginal, sondern substanziell gewesen, schreibt der britische Religionswissenschaftler James Noyes in seinem Buch «Politics of Iconoclasm». Die Analogien mit dem islamischen Ikonoklasmus seien viel grösser, als gemeinhin zugegeben werde. Noyes zufolge sind Calvin und ibn Abd al-Wahhab, der Gründer der Wahhabi-Bewegung, durchaus vergleichbar, und zwar in ihrer Ablehnung gegenüber Bildern und ihrer kultischen Verehrung sowie der Absolutsetzung des geschriebenen Textes, also der Bibel oder des Koran. Freilich ist der Ikonoklasmus der IS-Terroristen weit weniger reflektiert, von einem intuitiven Furor genährt und barbarisch in seinen Auswirkungen.

Auch der wohl symbolträchtigste Bildersturm unserer Tage geht auf das Konto der Islamisten: der Anschlag auf das World Trade Center 2001, ein Monument grossstädtischer Urbanität. Natürlich wird auch darüber debattiert, inwiefern das Massaker bei «Charlie Hebdo» von islamischen Bilderfeinden initiiert war: Hat die Abbildung Mohammeds den islamischen Ikonoklasmus auf den Plan gerufen? Oder hat die satirische Verächtlichmachung des Propheten die Jihadisten provoziert? Wie auch immer: Der Terrorismus im Namen eines nicht abbildbaren Gottes lebt wesentlich von der symbolisch-bildlichen Wirkung, die er erzielt.

Erstellt: 09.03.2015, 20:38 Uhr

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