Kreislauf der Rache

In Israel und im Westjordanland vergeht kaum ein Tag ohne Messerattacken, ohne Schiessereien, ohne Blutvergiessen. Die Welle der Gewalt von Palästinensern hat das Potenzial einer neuen Intifada.

Zum Äussersten bereit: Ein palästinensischer Demonstrant in Ramallah. Foto: Majdi Mohammed (AP, Keystone)

Zum Äussersten bereit: Ein palästinensischer Demonstrant in Ramallah. Foto: Majdi Mohammed (AP, Keystone)

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Draussen dreht sich die Gewalt im Kreis, Palästinenser greifen Israelis an, Israelis schiessen Palästinenser nieder. Hier drinnen aber, mit grandiosem Ausblick über Ramallah und die Hügel, herrscht die Stille einer Gelehrtenstube. Bücher von Aristoteles und Rousseau stehen im Regal, der Aschenbecher füllt sich fast von allein, und Said Zidani, Philosophie-professor an der palästinensischen Al-Quds-Universität, sagt: «Jetzt reden wieder alle über eine Intifada, und jeder stopft da irgendwas rein, was er sich erhofft. Aber für mich ist das keine Intifada. Es ist eine Welle, eine Eruption.»

Man muss wohl einmal mitten hineinfahren ins Westjordanland, ins Zentrum des jüngsten Aufruhrs, um dann von oben aus, vom fünften Stock eines gepflegten Wohnhauses, in dem Said Zidani lebt und liest, auf das Chaos da unten zu schauen. Seit Anfang Oktober vergeht kaum ein Tag ohne Messerattacken, ohne Schiessereien, ohne Blutvergiessen. Am Anfang fragte sich jeder: Wann hört das auf? Es hörte nicht auf. Die zweite Frage war: Wo führt das hin? Darauf gibt es mittlerweile eine Kakofonie von Antworten, schrill und hilflos, aber immer kämpferisch. Die israelischen Zeitungen nennen es schon lange Intifada, INTIFADA in Grossbuchstaben. «Intifada», brüllen auch die radikalen palästinensischen Gruppen und die radikalisierten Kinder mit den Steinen in der Hand.

Über 170 Menschen sind tot

Unumstösslich sind die Fakten: Getötet wurden auf der einen Seite bereits 24 Israelis und ein US-Bürger, auf der anderen Seite verloren mehr als 150 Palästinenser ihr Leben, von denen zwei Drittel nach Angaben der israelischen Armee Angreifer oder mutmassliche Angreifer waren. Die anderen wurden bei Unruhen erschossen. Gewalt ist stets ein Déjà-vu im Nahen Osten, sie drängt nach Erklärung und Einordnung. Aber das, was nun gerade passiert, ist neu, selbst für die, die seit Jahrzehnten einordnen und erklären.

Said Zidani ist 66 Jahre alt, aber längst nicht so alt wie der Konflikt. «Wenn du in der Geschichte zurückgehst, dann siehst du, dass es alle zehn bis fünfzehn Jahre eine Welle der Gewalt und des Widerstands gab», erklärt er: Da waren die Kämpfe zwischen Arabern und Juden noch während der britischen Mandatszeit, dann die vielen Kriege. Angefangen mit der israelischen Staatsgründung 1948, und schliesslich die beiden palästinensischen Aufstände, die als Erste und Zweite Intifada in die Annalen eingingen.

Die Erste Intifada war der «Krieg der Steine» 1987 bis 1993, sie endete – nach rund 200 Toten auf israelischer und 1200 Toten auf palästinensischer Seite – mit den Friedensverträgen von Oslo. Zidani lehrte damals an der Birzeit-Universität, er erinnert sich an Massendemonstrationen, an Generalstreiks und Boykotte. «Fast alle Palästinenser haben teilgenommen», erklärt er. Die Intifada II zwischen 2000 und 2005 war die Zeit der Selbstmordbomber und massierten Militäreinsätze, in der mehr als 1000 Israelis und 3500 Palästinenser ihr Leben verloren. «Auch hier war jede palästinensische Stadt und jedes Dorf beteiligt, alle Altersgruppen waren dabei und sogar die Sicherheitskräfte», sagt er.

«Ein Akt des Widerstands»

Heute dagegen sieht er keine Massenbasis hinter der Welle der Gewalt. «Die Attentäter sind vor allem Jugendliche, sie haben keine Verbindung zu den politischen Gruppierungen, keine Führung und nicht einmal einen Plan», meint er. Er spricht von «individuellen Initiativen» – und sieht das an seinen eigenen Studenten, von denen auch einige zu Angreifern wurden. «Sie imitieren sich gegenseitig», sagt Zidani, «für diese Kinder ist das wie ein Nationalsport.» Rechtfertigen will er die Gewalt nicht, aber er verweist auf «allgemeine und konkrete Hintergründe». Da sei das «politische Vakuum» ohne Friedensprozess, dazu die «Desillusionierung über die eigene Führung». Zudem befeuere die Siedlergewalt den Kreislauf der Rache. «Es ist aber nicht nur Verzweiflung, was die Angreifer antreibt. Für sie ist es ein Akt des Widerstands», sagt er. «Sie wissen, dass sie erschossen werden oder im Gefängnis verschwinden. Aber sie wollen Angst verbreiten, damit die Israelis die Besatzung nicht vergessen. »

Zidani rechnet damit, dass diese Welle wieder abebbt, irgendwann. «Es kann noch eine Weile so bleiben, aber ohne politisches Programm kann es nicht ewig weitergehen», sagt er. Im Hintergrund beobachtet aber auch Zidani, wie die tonangebenden Parteien versuchen, eine Position zum Aufruhr zu finden. Die im Gazastreifen herrschende Hamas versucht beharrlich, sich an die Spitze zu setzen, beschwört die neue «Intifada» und ruft zu immer neuen Anschlägen auf. Die im Westjordanland regierende Fatah dagegen reagiert janusköpfig – lässt einerseits «Märtyrer» hochleben, verurteilt andererseits die Gewalt. Nebenher wird die Sicherheits­kooperation mit Israel beibehalten. Majid Faraj, mächtiger Chef der palästinensischen Geheimdienste, prahlt sogar, dass durch seine Leute in den vergangenen drei Monaten 200 Anschläge verhindert worden seien.

Das Spiel der alten Garde

Jihad Manasra kennt dieses Spiel, es ist das Spiel der alten Garde, und deren Regeln will er sich nicht mehr unterwerfen. 25 Jahre ist er alt, und dass er nun erst im ersten Semester «Politik und internationale Beziehungen» an der Bir-zeit-Universität studiert, hat damit zu tun, dass er sieben Jahre in einem israelischen Gefängnis sass. «Widerstand gegen die Besatzung», mehr will er nicht sagen. Seit der Haftentlassung vor sieben Monaten ist Manasra in der Studentenvertretung aktiv. «Wir haben entschieden, die Besatzung direkt zu konfrontieren, gewaltfrei oder auch mit nicht friedlichen Mitteln», erklärt er. «Das fängt dann bei Steinen an und hört bei Gewehren auf.»

Auch er will noch nicht von einer Intifada sprechen, er nennt es «Habbeh». Aufruhr heisst das. Eine Stufe unterhalb von Intifada, was im Arabischen «sich erheben» bedeutet, «abschütteln», «loswerden». Aber je länger es dauert, davon ist er überzeugt, desto grösser wird der Aufruhr. «Wenn es keine politischen Fortschritte gibt, kann es zur Intifada werden», sagt er. «Wir warnen davor; das würde schlimme Verluste für beide Seiten bedeuten.»

Mit 25 Jahren hat er grosse Pläne. Träumt, in Oxford zu studieren, beim British Council lernt er dafür die englische Sprache. Später will er Politiker werden oder Diplomat, aber ein Vorbild kann er nicht finden. Von den internationalen Politikern kommt keiner infrage, von ihnen fühlen sich alle Palästinenser im Stich gelassen. «Ich mag Merkel», sagt Manasra, «aber nur ihren Charakter und was sie für die Flüchtlinge tut, nicht, was sie mit uns macht.» Zu Hause in den Palästinensergebieten sieht es noch düsterer aus in Sachen Leitfigur. «Wir brauchen eine neue Generation», meint er. Doch ehe die etwas bewegen könne, müssten die Verhältnisse geändert werden.

«Wir sind in einer Sackgasse, und wir sind frustriert», klagt er, «wir wollen unsere Freiheit, und wir protestieren, damit unsere Stimme wahrgenommen wird.» Die wütende Jugend hört nicht mehr auf die Alten, sie kommuniziert per Facebook, sie schafft sich ihre eigene Welt des Widerstands und macht, was sie will, weil es sonst nichts zu tun gibt. Das verbindet jeden Einzelnen in diesem Aufruhr der Individuen. «Jeder junge Palästinenser ist Teil dieser Be­wegung, es ist keine Wahl, es ist eine Pflicht», proklamiert Manasra. «Wir wissen, dass wir getötet werden können, aber das Blut, das heute vergossen wird, kann Blutvergiessen in der Zukunft verhindern.»

Die Entschlossenheit paart sich hier mit Pathos und Spontaneität, und genau diese Mischung macht es der konflikterprobten israelischen Armee so schwer, die Gewalt in den Griff zu bekommen. In Sicherheitskreisen spricht man statt von Intifada lieber von einer «neuen Wirklichkeit» oder von «abnehmender Stabilität» – ein wirksames Rezept dagegen hat Israels Führung noch nicht gefunden. An markigen Worten fehlt es zwar nicht. Premierminister Benjamin Netan­yahu hat einen «Kampf bis zum Tod» gegen den neuen Terror angekündigt. Verteidigungsminister Moshe Yaalon persönlich hat die Direktive ausgegeben, jeden «Attentäter noch am Tatort zu liquidieren». Aber ein Abschreckungs­effekt ist bislang nicht zu spüren – trotz offener Drohungen.

Alarmzeichen am Neujahrstag

Die Statistiker im Sicherheitsapparat mögen sich damit beruhigen, dass im Januar bisher durchschnittlich nur ein Angriff am Tag erfolgte, während es im Oktober manchmal drei waren. Doch ringsherum wächst die Angst, dass dieser Aufruhr, der ständig sein Gesicht und den Schauplatz wechselt, irgendwann in eine neue, noch bedrohlichere Phase treten könnte. Als Vorbote erscheint der Attentäter, der am Neujahrstag nach Pariser Muster auf der belebten Dizengoff Street in Tel Aviv in eine Bar feuerte und zwei Menschen tötete. Als Alarmzeichen gilt die Aushebung einer Hamaszelle im Westjordanland, die offenbar nicht nur Sprengstoff hergestellt, sondern bereits Selbstmordattentäter rekrutiert hatte. Denn wenn geschossen wird und wieder Bomben explodieren, gibt es dafür am Ende nur noch ein Wort: Intifada.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.01.2016, 23:27 Uhr

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Said Zidani.

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