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Kurdischer Kreislauf

Die Kurden fühlen sich vom Westen verraten.

Kurdische Kämpferinnen am 18. Oktober 2017 in der Nähe des Al-Na'im Kreisels im Zentrum von Raqqa. Bild: Keystone
Kurdische Kämpferinnen am 18. Oktober 2017 in der Nähe des Al-Na'im Kreisels im Zentrum von Raqqa. Bild: Keystone

Das Kalifat des Terrors ist gefallen. Seine Hauptstadt Raqqa wurde von einem Milizenbündnis eingenommen, in dem Kurden dominieren. Am gleichen Tag mussten die Kurden im Irak angesichts der übermächtigen Streitkraft aus Armee, Schiiten-Milizen und iranischen Revolutionsgarden die Stadt Kirkuk aufgeben. Letztlich zogen die Peshmerga aus all jenen umstrittenen Gebieten ab, die sie seit Sommer 2014 vor der IS-Terrormiliz verteidigt oder von ihr freigekämpft haben. Die irakische Armee war damals vor den Jihadisten geflohen und überliess ihnen kampflos ihre Waffen.

Die Kurden haben die Schlacht gegen den IS als Kampf für ihre Eigenständigkeit gesehen. Ihre Peshmerga bezahlten dafür mit 1750 Gefallenen und 10'000 Verwundeten. Die kurdischen YPG-Milizen in Syrien beklagen doppelt so viele Opfer. Sie haben ihr Blut aber auch für die Interessen des Westens gegeben, für die Zentralregierung in Bagdad, das syrische Regime, die Türkei, Russland und den Iran.

Niemand dankt ihnen das. Im Irak sind ihnen weder die USA noch Europa beigesprungen. Es ist also nachvollziehbar, dass viele Kurden sich verraten fühlen. In Syrien werden sie sich fragen, ob sie fern der Heimat den IS bekämpfen sollen, während die Türkei sich daranmacht, die selbstverwalteten kurdischen Kantone aufzurollen. Präsident Recep Tayyip Erdogan wird jeden Deal mit Russland, dem Iran und dem syrischen Regime eingehen, um ein staatsähnliches Gebilde der Kurden zu verhindern.

Amerika ohne Plan

Im Irak wie in Syrien zerbrechen nun die Zweckallianzen, die nur vom gemeinsamen Feind IS zusammengehalten wurden. Hier wie dort hat der Verteilungskampf begonnen. Es rächt sich nun, dass der Westen, allen voran Amerika, nie einen Plan entwickelt hat, wie die Ordnung in den befreiten Gebieten aussehen könnte. Die Regierung von Präsident Barack Obama hätte hier vielleicht noch improvisiert. Unter Donald Trump gibt es für strategische Probleme weder Interesse noch den nötigen Apparat.

Amerikas Einfluss reichte nicht einmal, um Kurden-Präsident Massoud Barzani, einen langjährigen Verbündeten, von seinem unausgegorenen und opportunistischen Unabhängigkeitsreferendum abzubringen. Bagdad nahm das Referendum als Anlass, alle Gebietsgewinne der Kurden rückgängig zu machen. Barzani unterschätzte, wie sehr Washington dem irakischen Premier verpflichtet ist. Wird Haider al-Abadi 2018 nicht wiedergewählt, verlieren die USA jeden Einfluss an den ohnehin schon übermächtigen Iran.

Was es nun braucht, ist politische Vermittlung. Den Weg zeichnet die irakische Verfassung vor. Das oberste Gericht kann das Referendum annullieren. Akzeptieren die Kurden das, muss es Volkszählungen und Abstimmungen in den umstrittenen Gebieten geben. Die Kurden wählen ein neues Parlament, eine neue Führung. Auch betei­ligen sie sich an der Wahl zum irakischen Parlament 2018. Dann kann es Verhandlungen geben. Sie werden nicht zu einer Unabhängigkeit führen – ohne das Öl Kirkuks ist ihr Staat nicht lebensfähig. Vielleicht aber ist eine Konföderation erreichbar. Für Syrien bleibt als Hoffnung nur der moribunde UNO-Friedensprozess in Genf.

Hier wie dort brauchen die Kurden Unterstützung. Gelingt kein fairer Ausgleich mit ihnen, wie auch mit den Sunniten, ist es nur eine Frage der Zeit, bis der IS zurückkehrt. Lässt man die Kurden jetzt allein, werden sie sich nicht mehr für die ach so guten Freunde im Westen aufopfern.

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