Marsch der Vergessenen

Die Türkei mag fest im Klammergriff des Staatspräsidenten sein. Gehören tut ihm das Land aber noch nicht. Das zeigt der Massenprotest der Opposition.

«Adalet», Gerechtigkeit, fordert Kemal Kilicdaroglu auf dem Schild: 25 Tage lang marschierte der Oppositionsführer, bis er in Istanbul ankam. Foto: Osman Orsal (Reuters)

«Adalet», Gerechtigkeit, fordert Kemal Kilicdaroglu auf dem Schild: 25 Tage lang marschierte der Oppositionsführer, bis er in Istanbul ankam. Foto: Osman Orsal (Reuters)

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Für die türkische Opposition ist Erfolg ein relativer Begriff, gerade im Jahr eins nach dem Putschversuch. Ihr Massenaufmarsch am Sonntagabend in Istanbul hat deswegen geradezu existenzielle Bedeutung: Oppositionsführer Kemal Kilicdaroglu setzte damit am Ende seines Gerechtigkeitsmarsches ein Zeichen der Selbstbehauptung. Die Botschaft: Hier will eine gewaltige Gruppierung aus der türkischen Gesellschaft überleben. Hier bricht sich Bahn, was zwölf Monate unterdrückt, totgeschwiegen und verdrängt wurde.

Es sind jene Kräfte auf der Strasse, die dem mächtigen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan zuletzt kaum mehr etwas entgegensetzen konnten. Dieser Sonntag zeigte: Die Türkei mag fest im Klammergriff des Staatspräsidenten sein. Gehören tut ihm das Land aber noch nicht.

Video: Demonstration der türkischen Opposition

Mehr Meinungsfreiheit: Die Demonstranten fordern die Freilassung aller inhaftierten Abgeordneten und Journalisten. (Video: Tamedia/AFP)

Kemal Kilicdaroglu, der Anführer der säkularen Oppositionspartei CHP, steht jetzt vor der gigantischen Aufgabe, aus der Dynamik seiner Mobilisierungskampagne die nächste politische Bewegung zu formen. Als der 68-Jährige noch jeden Tag unter glühender Sonne auf der Landstrasse unterwegs war, konnte er sich breiter Aufmerksamkeit gewiss sein. Er ist knapp 450 Kilometer marschiert – für die Gerechtigkeit, wie er und seine Anhänger riefen. Deshalb ist aber noch keiner der Regierungskritiker aus dem Gefängnis freigekommen. Das Land ist deshalb noch kein Stück gerechter geworden. Tatsächlich liegt die schwierigste Etappe vor ihm.

Die CHP beansprucht die Führungsrolle in der Opposition. Sie fällt ihr allein deshalb zu, weil alle anderen Oppositionsparteien zerschlagen oder gespalten sind.

Entscheidend wird sein, wie sich Kilicdaroglu nach der Sommerpause verhält, wenn der Parlamentsbetrieb in der Hauptstadt Ankara wieder beginnt. Mit dem Übergang zur Präsidial­verfassung wird die Grosse Nationalversammlung schrittweise bis 2019 geschwächt. Werden sich Kilicdaroglu und seine Partei CHP nun wieder in den Politikbetrieb einreihen? Das ist schwer vorstellbar. Das wäre dann das Ende des oppositionellen Zwischenhochs. Kilicdaroglu wird sich nun ständig die Frage stellen müssen: Wie hältst du es mit Recep Tayyip Erdogan, wie viel Widerstand traust du dir zu? Trifft die Opposition die falsche Entscheidung, kann die Euphorie genauso schnell wieder in Enttäuschung umschlagen.

Kilicdaroglu beansprucht für sich und seine CHP die Führungsrolle in der Opposition. Im Moment fällt sie ihm allein deshalb zu, weil alle anderen Oppositionsparteien entweder in ihren Strukturen zerschlagen worden sind wie die prokurdische HDP oder weil sie gespalten sind in Gegner und Unterstützer von Erdogan, wie die ultra­nationalistische MHP.

Bilder: Marsch für Gerechtigkeit

Bevor er sich zu seinem Marsch aufmachte, war Kilicdaroglu selbst in seiner Partei umstritten. Es fehlte ihm an Mut – seine Partei hatte mitgestimmt, um die Immunität Dutzender Abgeordneter aufzuheben. Deshalb sitzen jetzt so viele Parlamentarier im Gefängnis. Das Wort Gerechtigkeit ist der Schlüssel für die Bewegung. Un­gerechtigkeit empfinden zu viele im Land. Nur ein funktionierendes demokratisches System wird langfristig für Stabilität und damit Gerechtigkeit sorgen können.

Erstellt: 10.07.2017, 22:27 Uhr

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