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«Meinen Eierstöcken geht es bestens»

Autofahren ist für Frauen in Saudiarabien tabu – aus mitunter absurden Gründen. Jetzt setzten sich Aktivistinnen demonstrativ ans Steuer. Der mächtige Klerus will aber an dem Verbot nicht rütteln.

Rund 15 Fahrerinnen wurden landesweit gebüsst: Frau am Steuer in Riad. (26. Oktober 2013)
Rund 15 Fahrerinnen wurden landesweit gebüsst: Frau am Steuer in Riad. (26. Oktober 2013)
Keystone
Saudiarabien verbietet den Frauen das Autofahren nicht direkt, stellt ihnen aber keine Führerausweise aus: Eine Saudiaraberin trotzt dem Verbot.
Saudiarabien verbietet den Frauen das Autofahren nicht direkt, stellt ihnen aber keine Führerausweise aus: Eine Saudiaraberin trotzt dem Verbot.
Amena Bakr, Reuters
Frühere Bestrebungen zum Kippen des Fahrverbots scheiterten, doch Aktivistinnen hoffen, dass die Zeit nun reif ist.
Frühere Bestrebungen zum Kippen des Fahrverbots scheiterten, doch Aktivistinnen hoffen, dass die Zeit nun reif ist.
Fahad Shadeed, Reuters
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Die junge Frau ist vollverschleiert und sitzt entspannt am Steuer ihres Autos. «Wir sind jetzt in der Al-Nadschah-Strasse, in Ihsa», sagt sie mit fröhlicher Stimme. Die Handy-Kamera ihrer Beifahrerin nimmt sie bei dem in Saudiarabien verbotenen Treiben auf. «Ich fahre mit meinen Schwestern und mache Einkäufe, so brauchen sie nicht zu warten, bis der Chauffeur kommt. Ich habe einen Fahrausweis und kann mit dem Auto umgehen, wir sind nicht in Gefahr.»

Der 46-Sekunden-Clip aus der saudischen Ost-Provinz ist einer von rund einem Dutzend Kurzfilmen, die autofahrende Frauen aus Saudiarabien am Samstag über die Internet-Plattform Youtube veröffentlicht haben.

Warnungen gegen Aktionstag

Die Gruppe «Women2Drive» hatte für heute Samstag zum Aktionstag gegen das Fahrverbot für Frauen aufgerufen. Möglichst viele Frauen im islamischen Königreich sollten an diesem Tag das anachronistische Verbot missachten und sich demonstrativ hinters Steuer klemmen.

«Aus Vorsicht und Respekt vor den Warnungen des Innenministeriums» zogen die Aktivistinnen ihren Aufruf im letzten Moment zurück. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International kritisierte, dass an der Kampagne beteiligte Frauen Drohungen erhalten hätten. Im Internet tauchten dennoch Videos von Frauen am Steuer eines Autos auf. Wie viele Bürgerinnen dem Aufruf Folge leisteten, lässt sich nicht abschätzen. Auf den Filmen sind meist komplett verschleierte Frauen zu sehen, wie sie am Steuer von Mittel- oder Oberklassefahrzeugen durch saudische Städte kreuzen.

Verbot stösst zunehmend auf Widerstand

Eine besonders verwegene Autofahrerin hat nur ihr Haar mit einem Kopftuch bedeckt. Sie zeigt ihr Gesicht und gibt ihren Namen mit Mai al-Sawjan an. Auf einem anderen Clip begeistert sich der Ehemann der Autofahrerin auf dem Beifahrersitz für die Aktion und ruft in die Kamera: «Kommt hervor Mädchen und macht mit!»

Das Fahrverbot für Frauen ist in Saudiarabien inzwischen umstritten. Fast 20'000 Bürgerinnen und Bürger unterzeichneten die Petition der «Women2Drive«-Kampagne. Weibliche Abgeordnete des Schura-Rates – solche gibt es überhaupt erst seit Jahresbeginn – verlangten, die Aufhebung des Fahrverbots auf die Tagesordnung zu setzen. Der Schura-Rat ist ein rein beratendes Gremium, dessen Mitglieder von König Abdullah ernannt werden.

Auf Chauffeur angewiesen

In einem Land mit unterentwickeltem öffentlichen Verkehr sind Frauen als Berufstätige ebenso wie als Mütter abhängig von Chauffeuren ab, die extra bezahlt werden müssen. Darauf spielte auch die Autofahrerin in dem Clip aus Ihsa an. Andere Gesetze engen sie noch mehr ein: ohne «Vormund», das heisst Ehemann oder männlichen Blutsverwandten, dürfen sie keine Verträge unterschreiben, ja sich nicht einmal in der Öffentlichkeit zeigen.

Technische Veränderungen und wirtschaftliche Globalisierung ziehen auch Saudiarabien in ihren Sog. Die Auswirkungen auf den Lebensalltag treffen die Frauen besonders hart, weil sie unverändert in das Korsett der puritanischen religiösen Gesetze und Regeln gezwängt bleiben.

Viele von ihnen haben inzwischen das Autofahren gelernt und den Fahrausweis in den benachbarten Golfstaaten erworben. Doch der mächtige konservative islamische Klerus sträubt sich gegen jede Veränderung. In jedem kleinsten Zugeständnis sieht er eine Bedrohung für die gottgewollte Herrschaft des Hauses Saud.

Absurde Argumente

Dabei kommt es zu den absurdesten Argumentationsverrenkungen. So meinte ein Scheich Saleh bin Saad al-Luhaidan, seines Zeichens Berater des Psychologen-Verbands der Golfstaaten, dass das Autofahren schädlich für die Eierstöcke sei und vermehrt zu Geburten mit Missbildungen führen würde.

Anhängerinnen der Kampagne gegen das Fahrverbot machten sich am Samstag im Internet besonders über diese Ansage lustig. «Ich fahre seit 6 Jahren Auto, habe seitdem 2 Kinder, und meinen Eierstöcken geht es bestens», twitterte die Sympathisantin Sabiha Mahmud.

SDA/ajk

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