Merkel und das saudische Pixel-Kopftuch

Hat das saudische Fernsehen Angela Merkel tatsächlich ein virtuelles Kopftuch verpasst? Die Empörungsmaschinerie des Internets läuft heiss.

Nein, das Bild ist nicht echt: Das von Khase fabrizierte Bild.

Nein, das Bild ist nicht echt: Das von Khase fabrizierte Bild. Bild: Khase / Facebook

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Ein Stück Stoff erregt die Schweiz», schlagzeilte es durch die Schweiz, als 2008 die damalige Bundesrätin Micheline Calmy-Rey den iranischen Präsidenten Mahmoud Ahmadinejad besuchte – und dabei ein Kopftuch trug. «Unangebracht!»: die Kommentare von links bis rechts. CVP-Chef Christophe Darbellay nannte es gar einen «peinlichen Kniefall».

Nun besuchte Angela Merkel Saudiarabien, ein Land mit noch strengerem Regime und noch prekärerer Frauenrechtsbilanz. Anders als Calmy-Rey entschied sich die deutsche Kanzlerin dazu, sich nicht zu verhüllen. Mutig, heisst es von diversen Seiten. Dabei sei jedoch nicht vergessen: In Saudiarabien müssen Ausländerinnen ihre Haare und das Gesicht nicht bedecken.

Wer nun glaubt, dass es nicht trotzdem zu einem Aufreger kommen muss, irrt gewaltig: Plötzlich kursiert ein Screenshot einer offensichtlich saudiarabischen Fernsehstation durchs Internet, das den Empfang Merkels zeigt. Nur: Merkel trägt trotzdem ein Kopftuch, jedenfalls ein virtuelles, ein Pixelkopftuch, das ihr anscheinend die Fernsehstation flugs auf den Kopf gebastelt hat.

«Kein Witz!»Sarah Abdallah

Ein absolut abstruser Anblick, der aber bei einschlägigen Kommentatoren sofort für wütende Reaktionen sorgt. Eine davon ist Sarah Abdallah, eine Twittererin, die angibt, aus dem Libanon zu stammen. Sie twittert regelmässig prorussische und Pro-Assad-Propaganda und wird von diversen Trump-nahen Twitterern gefeiert.

«Kein Witz», schreibt Abdallah, «das neueste Mitglied der UNO-Frauenrechtskommission hat die Haare der deutschen Bundeskanzlerin zensiert, als sie heute im saudischen TV erschien.» Ihr Tweet wurde über 30'000 Mal geteilt. Als Vergleich: Selbst der vermeintliche Twitter-König Donald Trump schafft mit seinen Tweets oft nicht diese Reichweite.

«Hahaha...»

Die Internetseite Khase

Doch, ein Witz. Er stammt von der saudischen Seite «Khase», die diverse satirische Artikel publiziert, wie das deutsche Portal Bento bemerkt hat. Der Ursprungspost auf der Facebook-Seite von Khase hiess sogar «Just for fun», nur zum Spass. Der Originalpost ist mittlerweile gelöscht. Doch Khase feiert sich für die gelungene Satireaktion. So postete das Team ein Facebook-Album mit diversen Screenshots von Websites, die die Khase-Story aufgenommen haben. Beschrieb: «Khase has won the internet today», Khase hat heute das Internet gewonnen.

Anders als Khase hat aber die Twittererin Sarah Abdallah ihren Tweet nicht gelöscht. In einem knappen Post schreibt sie: «Das Bild wurde als Fake bestätigt. Was aber nicht fake ist, ist die Scheinheiligkeit, Saudiarabien in die Frauenrechtskommission zu wählen.»

Ein User unter ihr sagt: «Die saudische Scheinheiligkeit ist bekannt, aber ich glaube, du solltest einen viralen Tweet löschen, wenn er fake ist, anstatt falsche Informationen zu verbreiten. Ein anderer User antwortet: «Haha, nein, sie wird diese vielen Retweets nicht einfach hergeben.» Der User, der das Löschen des Tweets vorschlägt, wird von Abdallah sogleich geblockt.


So sah dann Merkels Auftritt im saudischen TV wirklich aus:

(rsz)

Erstellt: 05.05.2017, 17:41 Uhr

Artikel zum Thema

Schlagerstar provoziert mit Kopftuch-Post

«Solidarität mit Frauen» Eine Aussage des österreichischen Bundespräsidenten zur Kopftuch-Frage sorgte kürzlich für eine hitzige politische Diskussion. Jetzt mischt sich auch ein bekannter Sänger ein. Mehr...

Ein Kopftuch ist kein Kündigungsgrund

Eine von einer Berner Grosswäscherei entlassene Muslimin gewinnt vor Gericht. Ihr wird eine Entschädigung zugesprochen. Mehr...

«Russland ist ein wichtiger Partner»

Das war kein warmes Treffen: Wladimir Putin und Angela Merkel versprachen in Sotschi zwar gute Kooperation – beharrten aber auf ihren Positionen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Sie sind nun keine Kinder mehr: Junge Erwachsene nehmen an einer traditionellen Zeremonie in Seoul teil, bei der sie den Übertritt in ihr 19. Lebensjahr feiern. Sie dürfen nun ihre eigenen Lebensentscheidungen fällen, wählen gehen und Alkohol trinken. (20. Mai 2019)
(Bild: Ed Jones) Mehr...