Der reichste Mann der Welt hängt am Haken der Hacker

Repressive arabische Regimes setzen mit Schadsoftware Handynutzer unter Druck – und paktieren dabei offenbar mit Israelis.

Jeff Bezos (r.) und Muhammad bin Salman. Fotos: AP, Reuters

Jeff Bezos (r.) und Muhammad bin Salman. Fotos: AP, Reuters

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Am 8. November 2018 erhielt Jeff Bezos eine Whatsapp-Nachricht mit dem Bild einer Frau. «Mit einer Frau zu streiten, ist wie eine Nutzervereinbarung für Software zu lesen. Letztlich musst du alles ignorieren und auf ‹Zustimmen› klicken», lautete der Text. Die Frau ähnelte auffällig der Fernsehmoderatorin Lauren Sánchez, mit der Bezos damals eine Affäre hatte.

Öffentlich war das damals nicht bekannt, ebenso wenig, dass Bezos mit seiner Frau MacKenzie Bezos über eine Scheidung sprach. Der Autor der Nachricht wusste mehr. Sie kam von einer Nummer, die Saudi­arabiens Kronprinz Muhammad bin Salman Bezos im April zuvor in Los Angeles gegeben hatte.

Der Hackerangriff auf das iPhone X des Eigentümers des Internetkonzerns Amazon und der «Washington Post» wirft ein Schlaglicht auf ein Geflecht aus Geheimdienstlern, Hackern und IT-Firmen, die «Technologie zur gezielten Überwachung von Individuen an Regierungen exportieren und transferieren, deren Repressionspolitik wohlbekannt ist», wie der UNO-Sonderberichterstatter für freie Meinungsäusserung, David Kaye, in einem im Mai 2019 vorgelegten Report schreibt. Den Markt schätzen Insider auf einen zweistelligen Milliardenbetrag weltweit.

Die Spur nach Israel

Die Überwachung treffe Journalisten, Aktivisten, Oppositionelle, Kritiker und führe in vielen Fällen zu willkürlichen Verhaftungen, manchmal zu Folter und zu aussergerichtlichen Tötungen. Bezos wurde, so vermuten es Kaye und Agnes Callamard, UNO-Berichterstatterin für extralegale Tötungen, wegen der kritischen Berichterstattung der «Washington Post» über Saudiarabien zum Ziel einer Attacke. Einen Monat zuvor hatte ein Killertrupp Jamal Khashoggi im Istanbuler Generalkonsulat des Königreichs ermordet – einen der schärfsten Kritiker des jungen Thronfolgers.

Riad hatte offenbar auch versucht, in Khashoggis Umfeld Spionagesoftware auf Smartphones zu platzieren. Der Aktivist Omar Abdulaziz, ein Freund Khashoggis, klagt gegen die in Israel ansässige NSO-Group. Nach seiner Ansicht hat die Firma der saudischen Regierung geholfen, sich Zugang auf sein Mobiltelefon zu verschaffen. Auch Journalisten würden oft angezapft, um ihre Quellen ausfindig zu machen, so Kaye.

Die Vereinigten Arabischen Emirate, die wie Saudiarabien keine offiziellen Beziehungen zu Israel unterhalten, sollen sich ebenfalls der Dienste der Firma bedient haben. Sie interessierten sich für Dissidenten und Journalisten, für den Emir von Katar oder Omans Aussenminister.

Eigene Hackertruppe hochgezogen

Die Gründer Niv Carmi, Shalev Hulio und Omri Lavie, deren Initialen der Firma den Namen geben, sollen in der legendenumsponnenen Einheit 8200 des israelischen Militärgeheimdienstes ihren Wehrdienst geleistet haben, die für elektronische Fernmeldeaufklärung verantwortlich ist. Militärexperten halten sie für weltweit führend.

Nach eigenen Angaben liefert die Firma nur an autorisierte staatliche Stellen zur Bekämpfung von Kriminalität und Terrorismus – und auch das nur mit Genehmigung der israelischen Regierung. Die IT-Experten des Citizen-Lab an der Uni Toronto haben Indizien dafür gesammelt, dass die Pegasus-Software des Unternehmens gegen Zielpersonen in mindesten 45 Ländern eingesetzt worden ist.

Diesem Modell folgend, haben die Vereinigten Arabischen Emirate eine eigene Hackertruppe hochgezogen, die erst als Project Raven firmierte und später in die Firma Dark Matter mit Sitz in Abu Dhabi überführt wurde. Sie setzten ein Programm gegen Hunderte, wenn nicht Tausende Zielpersonen ein, das sich schon mit einem Anruf auf ein iPhone schmuggeln liess, ohne dass der Empfänger auf einen Link oder ein Video klicken musste.

Für Project Raven rekrutierten die Emirate reihenweise ­frühere Mitarbeiter des US-Geheimdienstes National Security Agency (NSA), dessen Abhöraktivitäten durch den Whistleblower Edward Snowden weiter bekannt geworden sind.

Erstellt: 23.01.2020, 19:25 Uhr

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