Punkto Gleichstellung ist Ruanda der Schweiz voraus – auch beim Sex

Bei Ruandern gilt Gleichberechtigung nicht nur im Beruf, sondern auch im Bett. Über den weiblichen Orgasmus gibt es eigens eine erotische Lehre: Kunyaza.

Ihre Talkshow kennen 85 Prozent der Ruander: Die Radiomoderatorin Vestine Dusabe predigt Kunyaza, die Lehre von der weiblichen Ejakulation. Foto: Alice Kayibanda

Ihre Talkshow kennen 85 Prozent der Ruander: Die Radiomoderatorin Vestine Dusabe predigt Kunyaza, die Lehre von der weiblichen Ejakulation. Foto: Alice Kayibanda

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ich besuchte 1994 die Kantonsschule Schaffhausen. Eine Mitschülerin hielt einen Vortrag über den Bürgerkrieg in Ruanda, am Hellraumprojektor zeigte sie Fotos von Leichenbergen und von Männern mit blutigen Macheten. Hutu gegen Tutsi, eine Million Tote in hundert Tagen, die Mitschülerin sprach von einem gescheiterten Staat und von Völkermord. Wir diskutierten bis in die Pause hinein mit unserem Geschichtslehrer. Auf einen Gedanken wären wir damals im stickigen Klassenzimmer nie gekommen: dass die Schweiz etwas von Ruanda lernen könnte.

Über zwei Jahrzehnte später las ich in einem Bericht des World Economic Forum, dass uns das ostafrikanische Land punkto Gleichstellung überlegen ist. Laut dem «Global Gender Gap Report 2017» belegt Ruanda Platz vier – die Schweiz Platz 21. In Ruanda sitzen 64 Prozent Frauen im Parlament, es gibt viele und einflussreiche Unternehmerinnen. Völlige Lohngleichheit ist noch nicht erreicht, aber Ruanda schneidet hier weltweit am besten ab.

Ich wollte mehr wissen und reiste nach Kigali, Ruandas Hauptstadt. Dort erfuhr ich, dass uns das Land auch in einem ganz anderen Bereich voraus ist: Sex. Die Ruanderinnen und Ruander, so erzählten die Leute auf der Strasse, wüssten mehr über den weiblichen Orgasmus als jedes andere Volk der Welt. Man beherrsche hier Stellungen und Techniken, bei denen jede Frau zum Höhepunkt komme. Das Wort Kunyaza fiel ein paarmal, ebenso der Name einer Frau, die mir am besten erklären könne, was es mit Kunyaza auf sich hat.

Die Frau heisst Vestine Dusabe und ist Moderatorin einer der beliebtesten Radiosendungen des Landes – eine Talkshow, die sich um den Orgasmus der Frau dreht und 85 Prozent der Ruander ein Begriff ist.

Mein erstes Treffen mit der Moderatorin findet abends um zehn im Studio von City Radio statt. Vestine Dusabe winkt mich durch die Glasscheibe zu sich. Ich trete möglichst leise ein, um ihre Ansage nicht zu stören. Ihre Lippen berühren beinahe das Mikrofon: «Liebe Männer da draussen, ich sage euch: Jede Frau hat das heilige Wasser. Ihr braucht nur den richtigen Schlüssel. Und ich verrate gleich, wo ihr ihn findet. Bleibt dran!» Vestine Dusabe lacht, als hätte sie Schluckauf, stellt das Mikrofon auf stumm und lässt ihren Lieblingssong laufen: Bryan Adams, «Everything I do, I do it for you».

«Techniken, mit denen jede Frau zum Höhepunkt kommt»: Vestine Dusabe moderiert eine der beliebtesten Radiosendungen des Landes. Foto: Alice Kayibanda

Für eine Radiomoderatorin hat Vestine – wir reden uns mit Vornamen an, wie in Ruanda üblich – eine ungewöhnliche Piepsstimme, die man eher einem schmächtigen Schulmädchen zuschreiben würde als einer resoluten Lady von 35 Jahren mit den Oberarmen eines Schwingerkönigs.

Ihre Show heisst «Pflege deine Beziehung», auf dem Mischpult liegen drei Handys. Obwohl die Sendung eben erst begonnen hat, sind schon hundert Textnachrichten eingegangen. Mit ihren pink lackierten Nägeln scrollt Vestine hastig durch die Kurzmitteilungen. Der Song dauert noch drei Sekunden, Vestine atmet ein.

Alle Fragen werden beantwortet

«Etienne schreibt, ihr Mann schläft nur noch jede zweite Woche mit ihr. Was ist los, Etienne? Habt ihr Sorgen? Redet darüber, freundlich, ohne Vorwürfe.» Vestine erklärt, sie selber schlafe mehrmals pro Woche mit ihrem Mann. Aber sie spreche eben auch heikle Themen an. Hat ihr Mann beispielsweise Mundgeruch, so sagt sie ihm nicht: Du stinkst. Vestine schnalzt mit der Zunge. «Ich sage: Cherie, geh bitte deine Zähne putzen, ich habe grosse Lust, dich zu küssen.»

Während das Schmuselied «Unbreak my heart» läuft, erklärt sie etwas atemlos, Sex sei in Ruanda eine Lebenshaltung, eine Form von Kunst. Die Leute seien verrückt danach. Nicht nur die Männer, auch die Frauen. Doch einige hätten die alten Sextechniken verlernt. Die gelte es nun mit der Show aufzuklären. Sie beugt sich wieder über ihre Handys. Die nächste Nachricht, die sie vorliest, stammt von Jean-Baptiste. Er will wissen, woran er erkennen kann, dass seine Freundin auf dem Höhepunkt ist.

Der Orgasmus der Frau ist in Ruanda unentbehrlich. Kommt sie nicht, ist das eine Katastrophe. Es ist Tradition, dass in der Familie über Sex geredet wird. Der Onkel erklärt seinem Neffen, wo und wie er seine Liebste anfassen soll, oder der Grossvater seinem Enkel. Techniken und Stellungen werden von Generation zu Generation weitergegeben – ein mündlich überlieferter Leitfaden der Erotik, eine Art afrikanisches Kamasutra.

«Ihr klammert euch an das Bild des primitiven Afrikaners, dabei könntet ihr noch so manches von uns lernen.»Vestine Dusabe, Radiomoderatorin

Die erotische Lehre, bei der es sich um die weibliche Ejakulation dreht, heisst Kunyaza; der Name bedeutet: «sie zum Pinkeln bringen». Es geht darum, dass der Mann ihr das «heilige Wasser» entlockt, sie zum Höhepunkt bringt. Die weibliche Ekstase ist ein Motiv, das in Gedichten und Liedern immer wieder auftaucht – auch in der ruandischen Mythologie. So sei der Kivusee an der Grenze zum Kongo nach einer Liebesnacht des Königspaars entstanden. Am Morgen habe die Monarchin ihre Schlafmatte zum Trocknen an die Sonne gehängt. Tropfen fielen herab, sie bildeten ein Rinnsal, einen Bach, einen Fluss, schliesslich den grössten See des Landes.

Die Ruanderinnen und Ruander übertreiben gern, wenn es um ihre Orgasmen geht. Erzählen sie in Vestines Sendung von ihren Liebesnächten, so klingt das oft, als sei ein Hydrant geborsten. Die Moderatorin zieht mit, Superlative sind ihr täglich Brot: «O mein Gott, unsere Wasserwerke werden in Konkurs gehen. Los gehts, Mädels, wir übernehmen den Job!» Sie fächelt sich mit der Hand Luft zu.

Kunyaza ist in Europa weitgehend unbekannt. Ein paar Anthropologen haben die frauenfreundliche Liebeslehre in wissenschaftlichen Aufsätzen abgehandelt, der Belgier Olivier Jourdain wagte einen Dokfilm, aber das ist auch schon alles. «Eure Medien sind besessen von den blutigen Klitorisbeschneidungen in Somalia oder in Äthiopien», sagt Vestine während der nächsten Musikeinspielung. «Ihr klammert euch an das Bild des primitiven Afrikaners, der seine Frau unterdrückt. Dabei könntet ihr noch so manches von uns lernen.»

Tatsächlich käme es in Ruanda niemandem in den Sinn, sich mit einer rostigen Rasierklinge an der empfindlichsten Stelle eines Mädchens zu schaffen zu machen. Ebenso wenig in etwa dreissig weiteren afrikanischen Ländern, in denen Genitalverstümmelungen laut dem Kinderhilfswerk Unicef nicht oder nur sehr selten vorkommen. Sie wolle nichts verharmlosen, sagt Vestine, es schaudere sie, wenn sie an das Abschneiden der Klitoris und das Zusammennähen von Schamlippen denke. Doch die studierte Sexualwissenschaftlerin ärgert sich, dass die Berichte darüber das dominante Narrativ über afrikanische Sexualität bilden. Afrika, sagt sie, sei grösser als Europa, die USA, China, Japan und Indien zusammen, und doch wird der Kontinent wie ein einziges krankes Land behandelt, von dem es nur Gewalt und Elend zu berichten gibt.

Die Ruander hätten Sigmund Freud wohl ausgelacht.

Sie beugt sich über das Mikrofon, Schweissperlen glänzen auf ihrer Oberlippe: «Ich werde jetzt das Geheimnis lüften.» Am Radio spricht sie gern in Metaphern, den Schlüssel zum «heiligen Wasser», den sie am Anfang der Sendung angesprochen hat, ortet sie im «Eiffelturm zwischen den Beinen der Frau». Aber sie kann die Dinge auch beim Namen nennen: Bei Kunyaza, so erklärt sie, nimmt der Mann den Penis in die Hand und klopft rhythmisch auf die Klitoris und die inneren Schamlippen oder fährt mit kreisenden Bewegungen darüber. Sie nimmt eine Colaflasche zwischen Daumen und Zeigefinger und schüttelt sie leicht. In der lokalen Sprache Kinyarwanda gibt es eine feste Wendung für das schmatzende Geräusch, das dabei entsteht: «der Hund, der Wasser trinkt».

Kunyaza ist uralt. Wie alt, weiss niemand genau, weil es stets mündlich überliefert worden ist, aber man nimmt an, dass diese Erotiklehre bis ins 16. Jahrhundert zurückgeht. Im Vergleich mit den Ruandern sind wir Schweizer sexuelle Spätzünder. Vermutlich hätten die Ruander Sigmund Freud ausgelacht, wären sie dabei gewesen, als er den vaginalen Orgasmus zum einzig wahren Höhepunkt herbeifantasierte und den klitoralen Orgasmus als «unreif» abtat. Oder noch besser, sie hätten ihm erklärt, dass das monotone Rein-Raus nichts mit versierter Liebeskunst zu tun hat – und damit den westlichen Frauen jede Menge uninspirierte Liebesnächte erspart.

Um Mitternacht verabschiedet sich Vestine von ihren Hörern, sie hat mehrere Tausend Nachrichten erhalten, der Speicher ist voll. Schwer atmend steigt sie die Treppe hinab und tritt in die klare Nacht hinaus. Die lärmige Hitze der Stadt wurde vom Wind davongetragen, einzig ein leiser Geruch nach Diesel ist zurückgeblieben. Ab und zu fährt ein Auto vorbei, sonst ist es ruhig in dieser Seitenstrasse von Kigali. Es ist eine behagliche, keine unheimliche Stille. Kigali wird das Singapur Afrikas genannt, es ist die sicherste und sauberste Stadt des Kontinents. Alle Arten von Plastiksäcken sind seit Jahren verboten, in der Innenstadt gibt es eine Fussgängerzone, und am Strassenrand blühen Geranien. Kigali trotzt jedem Afrika-Klischee.

«Wenn du Kunyaza nicht kannst, bist du ein armer Teufel. Jede Frau wird dir davonlaufen.»Peter Muhawenimana, Ruander

Ruandas bekannteste Radiomoderatorin ist erschöpft, wortkarg. Drei Stunden lang hat sie geredet, jetzt mag sie keine Fragen beantworten. Schweigend stehen wir da, bis wir es schaffen, zwei Motorradtaxis anzuhalten. Obwohl sie nur ein leichtes Baumwollkleid trägt, scheint Vestine nicht zu frieren. Sie zieht mich kurz an ihren warmen Körper: «Bitte schick mir eine Nachricht, wenn du sicher zu Hause angekommen bist.» Wir verabreden uns für den nächsten Abend im Fantastic, ihrem Lieblingslokal.

Ich höre den Laden, bevor ich ihn sehe. Er liegt im ersten Stock eines unscheinbaren Gebäudes, drinnen tobt Rumba aus schlechten Lautsprechern. Kaum habe ich auf einem schmalen Balkon Platz genommen, tritt ein Mann an meinen Tisch und fragt, ob er sich setzen dürfe. Peter Muhawenimana ist 28 Jahre alt und arbeitet als Fahrer für das teuerste Hotel der Stadt. Als ich ihm erzähle, mit wem ich verabredet bin, faltet er seinen langen Oberkörper über das Geländer und späht auf die Strasse. «Ich liebe diese Frau.»

Ich nehme meinen ganzen Mut zusammen und frage Peter, was er über Kunyaza wisse. Er schlägt die Hände vors Gesicht und lacht verlegen, gibt aber bereitwillig Auskunft. Ein Mann in Ruanda müsse das beherrschen. «Wenn du es nicht kannst, bist du ein armer Teufel. Jede Frau wird dir davonlaufen.» Er habe Kunyaza von seinem Onkel gelernt. Peter springt auf: «Da kommt sie!» Vestine Dusabe steigt vom Motorrad, bindet ihre Haare zu einem Springbrunnen und kommt auf uns zu. Ihr Körper ist eine einzige schwingende Bewegung, die Leute treten zur Seite, starren ihr nach, tuscheln. Sie duftet nach Kokosöl, legt mir ihre warme Hand auf den Arm, bestellt Cola mit Rum und zum Essen Innereien.

Ich stelle ihr Peter vor, «ein Fan», sie nickt ihm beiläufig zu. «Heute lieben sie meine Show, doch das war nicht immer so.» Vestine berichtet von den schwierigen Anfängen vor sieben Jahren. Die Leute beschimpften sie, sie sei übergeschnappt, eine Hure. Der Kulturminister zitierte sie in sein Büro, mit der Absicht, ihre Sendung abzusetzen. Sie argumentierte mit dem ruandischen Kulturgut, mit der steigenden Scheidungsrate, und sie versprach, erst nach Mitternacht zu senden. «Ein paar Wochen lang habe ich mich daran gehalten.»

Ruanda ist kein Land wie Italien oder Brasilien, wo ständig geschäkert und geflirtet wird. Die Menschen sind zurückhaltend, introvertiert. Selbst Händchenhalten in der Öffentlichkeit ist verpönt. Intimitäten gehören in die Familie. Wie geht das zusammen – diese prüden Züge in der Gesellschaft und das Feuerwerk in den Betten?, frage ich Vestine. Sie zuckt mit den Schultern. Ruanda sei eben voller Widersprüche, streng katholisch und zugleich extrem abergläubisch, bevölkert von sexuellen Analphabeten und Erotikexperten.

Der Völkermord

Jedes längere Gespräch in Ruanda führt irgendwann zum Jahr 1994. Vestine war zwölf Jahre alt, als das Morden begann. Extremistische Hutu schlugen ihre Nachbarn mit Macheten nieder, Lehrer töteten ihre Schüler, Nonnen verbrannten Gläubige. Als Tutsi war Vestine in Gefahr, in den Kriegswirren verlor sie ihre Mutter. Zu Fuss flüchtete sie in den Kongo, auf dem Rücken ihren vier Monate alten Bruder.

Vestine versagt die Stimme. Erst 2009 sei sie zurückgekehrt. Die Häuser waren repariert, die Wirtschaft boomte, aber etwas fehlte. «Mir schien, als seien im Genozid auch unsere Traditionen gestorben. Viele wussten nicht mehr, was Kunyaza ist. Selbst Gukuna war verschwunden.» Sie macht mit den Händen eine Bewegung, als melke sie eine Kuh. Peter murmelt etwas von Toilette und steht auf. Gukuna, erklärt Vestine, bezeichne die Verlängerung der inneren Schamlippen. Bis vor hundert Jahren trugen die Frauen in Ruanda kaum Kleidung. Sie zogen ihre Schamlippen aus hygienischen Gründen lang, damit sie eine Art Vorhang für die Vagina bildeten, der sie vor Staub und Bakterien schützte. So konnten sie sich nackt auf den Boden setzen, ohne sich gleich eine Entzündung einzufangen.

«Kunyaza kann ein guter Boden für die Ehe sein. Man muss aufeinander eingehen können.»Fidèle Rutayisire, Chef der Organisation RWAMREC

Ein weiterer Grund war das Gebären. Das Gewebe wird durch die Massagen vorgedehnt und reisst somit weniger während einer Geburt. Unter dem Vorwand, sie würden im Unterholz Reisig suchen, trafen sich die Frauen in kleinen Gruppen. Sie sammelten Kräuter, die sie im Mörser stampften und mit Butter mischten, dann rollten sie ihre Bastmatten aus, strichen sich die Salbe zwischen die Beine und, Vestine macht wieder die Melkbewegung, zogen sich gegenseitig die Schamlippen lang. «Nützlich, aber nicht nur das. Du kannst dir vorstellen, dass es auch ganz schön Spass machen kann.» Das kollektive Masturbieren gefiel den Frauen, aber die katholische Kirche, die sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Ruanda ausbreitete, war entsetzt. Die europäischen Missionare verboten Gukuna, überlebt hat es gleichwohl.

Tags darauf verabrede ich mich mit Fidèle Rutayisire. Der Feminist ist Chef einer einflussreichen Männerorganisation mit dem umständlichen Namen «Rwanda Men’s Resource Centre for Promotion of Positive Masculinity in Rwanda», kurz RWAMREC. Ich will von ihm wissen, was Ruandas Männer über Kunyaza denken und was das Ganze mit der Gleichstellung von Mann und Frau zu tun hat. Wir treffen uns in einem Café mit Blick auf das neue Kongresszentrum, einen futuristischen Kuppelbau aus Stahl und Glas. Trotz der 28 Grad im Schatten trägt Fidèle einen Wollblazer.

Das Thema scheint ihn zu amüsieren, aber gleichzeitig empfindet es der höfliche Herr als etwas unpassend, in einem Café über Sex zu reden. Er schaut sich um, beugt sich weit über den Tisch und sagt leise: «Kunyaza kann ein guter Boden für die Ehe sein.» Es gehe dabei nicht nur um die sexuelle Befriedigung, sondern um gegenseitigen Respekt. «Man muss aufeinander eingehen können, dem anderen einen Gefallen tun.» In dieser Hinsicht seien die Ruanderinnen anspruchsvoll. Wenn sich der Mann keine Mühe gebe, wende sich die Frau notfalls an einen Guffubura. Das Wort hat zwei Bedeutungen, erklärt Fidèle. Einerseits bezeichnet es ein Gericht, für das man sich beim Kochen zu wenig Zeit genommen hat und das noch nicht gar ist. «Andererseits», er blickt sich noch einmal um, «ist ein Guffubura ein Experte des Liebesspiels. Einer, den die Frauen dafür bezahlen, dass er es gemächlich angeht.» Das sei illegal, aber verbreitet.

Es gibt diejenigen, welche die sexuellen Traditionen gelernt haben, und es gibt das erotische Brachland.

Er zieht seinen Blazer nun doch aus, faltet ihn sorgfältig und legt ihn neben sich auf die Bank. In der städtischen Mittelschicht werde Kunyaza gefeiert, sagt er. Auf dem Land hingegen ist das Wissen oft verloren gegangen, weil nach dem Genozid keine Väter, Brüder und Onkel mehr da waren, um die jungen Burschen zu unterweisen. Umso besser, dass Vestine mit ihrer Sendung das kulturelle Gedächtnis nun wieder auffrische.

Die ruandische Gesellschaft ist zweigeteilt. Es gibt diejenigen, welche die sexuellen Traditionen gelernt haben und bis heute anwenden. Sie leben mehrheitlich in der Stadt. Und dann gibt es die blinden Flecken in der Peripherie, das erotische Brachland. Dort, so Vestine, gilt es zu missionieren. Nicht nur übers Radio, sondern auch mit Vorträgen und Workshops. Doch interessieren sich die Bauern überhaupt für Vestines Ratschläge?

Kunyaza wiederbeleben

Wir verlassen Kigali noch vor Sonnenaufgang und fahren Richtung Norden, nach Matimba, eine Kleinstadt an der Grenze zu Uganda und Tansania. Dort begeben wir uns in eine Halle, eine Mischung aus Kirche und Klassenzimmer. Die ersten Leute kommen zögernd zur Tür herein, Vestine winkt sie zu sich heran: «Wer von den Damen hier hatte schon einmal einen Orgasmus?» Sämtliche Blicke fallen auf die im Schoss gefalteten Hände. «Wisst ihr nicht, wie Kunyaza geht? Habt ihr unsere Geschichte vergessen? Dann hört gut zu!»

Wie lange soll das Vorspiel dauern? Werde ich krank, wenn ich fünfmal am Tag masturbiere? Wie geht Küssen?: Vestine Dusabe kennt die Antworten. Foto: Alice Kayibanda

Vestine erhebt sich und erzählt eine alte Legende: Der König war in den Krieg gezogen und liess die Königin allein zurück. Eines Nachts rief sie den Diener auf ihr Zimmer: «Schlaf mit mir, oder ich werde wahnsinnig.» Der Diener war wie vom Donner gerührt: «Meine Königin, das darf ich nicht.» Da zürnte die Königin: «Tu es, oder ich lasse dich töten.» Voller Furcht legte er sich auf sie, er zitterte am ganzen Leib. Die Königin fühlte Vibrationen, die sie vom König nicht kannte, ein Pochen und Schütteln, das ihr Wasser zum Fliessen brachte. Als der König zurückkehrte, lehrte sie ihn, das Wasser in der Art des Dieners zu suchen.

Vestine wendet sich an einen Mann mit gelben Zähnen: «Bist du verheiratet?» Er nickt. «Dann erzähl uns doch bitte, wie du mit deiner Frau schläfst.» Er schaut sie von der Seite an: «Was soll ich sagen? Ich gehe es langsam an.» Einige lachen. «Das ist schon mal nicht schlecht!», sagt Vestine. Dann fordert sie alle auf, ihren Liebsten eine SMS zu schicken. In der Art von: Schatz ich freu mich auf dich heute Abend. Der Mann mit den gelben Zähnen zögert. «Sie wird denken, ich sei vom Teufel besessen.»

«Oralsex ist eine Mode der Muzungu, der Weissen.»Ein älterer Ruander

Vestine ist mehr als eine Turnlehrerin, sie weiss, dass Sex nicht nur Technik und Stellung ist, dass es auch um die Beziehung geht, um Einfühlungsvermögen, Vertrauen und darum, einander über Jahre hinweg Sorge zu tragen. Sie spricht, ohne moralisch zu klingen, erzählt Anekdoten aus der eigenen Ehe. Unterdessen sitzen gut achtzig Männer und Frauen im Raum. Die Männer stellen ungeniert Fragen, während die Frauen ihre Babys stillen oder die Arme vor der Brust verschränken. «Wie lange soll das Vorspiel dauern?» – « Kann ich mit einer Frau schlafen, die im siebten Monat schwanger ist?» – «Werde ich krank, wenn ich fünfmal am Tag masturbiere?»

Die egalitärste Sache der Welt

Und: «Wie geht Küssen?» Vestine wusste, dass diese Frage kommen würde. Sie kommt immer. Während einige der anwesenden Männer versierte Liebhaber sind, wissen andere nicht einmal, wie ein Zungenkuss geht.

«Ihr wascht zuerst das Gesicht und putzt euch die Zähne. Dann übt ihr mit einem Bonbon, spielt gemeinsam damit Verstecken und saugt ein wenig an den Unterlippen. Aber nicht zu fest!» Vestine macht ein Gesicht, als hätte sie sich auf die Lippe gebissen. Der Mann mit den gelben Zähnen lacht Tränen.

«Ruhe, bitte!», ruft ein älterer Herr mit sorgfältig gebügeltem Hemd und schwingt den Gehstock, als hätte er eine feste Rolle in diesem Lustspiel. Er danke Vestine für den klugen Vortrag, es beelende ihn, wie unwissend die heutige Jugend sei. Dann erklärt er die verschiedenen Stellungen bei Kunyaza. Vestine nickt anerkennend. Er bevorzuge heute aus Altersgründen die sitzende Position, auf der Bastmatte oder gern auch auf zwei Stühlen. Von Oralsex halte er wenig. Er dreht den Kopf in meine Richtung: «Das ist eine Mode der Muzungu, der Weissen.»

«Liegt nicht da wie eine Leiche, macht mit, stöhnt, schreit, wenn euch danach ist.»Vestine Dusabe, Radiomoderatorin

Es geht jetzt zu wie bei einer aufgeräumten Tischrunde. Jeder will eine Anekdote erzählen, eine Frage stellen oder Vestines Telefonnummer ergattern. Die Workshops sind kostenlos, die Moderatorin verdient nichts, ausser wenn sich die Paare für eine Einzelberatung anmelden. Ich hätte nicht erwartet, dass die Leute für einen Erotikvortrag ihre Süsskartoffel- und Maisfelder verlassen und ihre Marktstände schliessen. Und schon gar nicht, dass sie sich bereitwillig von einer fremden Frau instruieren lassen.

Vestine schickt die Männer raus. Sie möchte mit den Frauen allein reden: «Heute Nacht liegt ihr oben!» Kaum sind die Männer gegangen, ist die Scheu der Frauen verflogen. Vestine nimmt nun auch sie in die Pflicht, bei Kunyaza dürften die Frauen nicht nur absahnen, sie müssen auch etwas leisten: «Liegt nicht da wie eine Leiche, macht mit, stöhnt, schreit, wenn euch danach ist.» Sie zeigt ihnen, wie sie beim Sex mit den Hüften kreist, «macht eine Null, eine Acht oder einfach eure Lieblingszahl».

Kunyaza funktioniert wie die Grippe, man steckt sich gegenseitig an: Wenn sie fiebert, wird auch er heiss. Und am Schluss kommt man gemeinsam. Ein Happy End für die Leute hier draussen in Matimba. Ihr Leben ist hart, sie schuften, essen häufig nur zwei Mahlzeiten am Tag, müssen vieles entbehren. Aber ein Orgasmus ist gratis, er ist für alle da. «Ihr könnt dabei mindestens so viel Spass haben wie die Bonzen in Kigali», sagt Vestine.

Sie hat recht, denke ich, Sex ist wohl die egalitärste Sache der Welt. Vor allem in dieser gleichberechtigten ruandischen Variante.

Erstellt: 17.03.2018, 19:26 Uhr

Artikel zum Thema

Der beliebteste Diktator der Welt

Wie Präsident Paul Kagame Ruanda nach einem brutalen Völkermord aufgebaut hat, scheint wie ein Wunder. Das Ganze hat aber auch eine Kehrseite. Mehr...

«In Kigali habe ich mich sicherer gefühlt als in Paris»

Interview Der Rapper und preisgekrönte Autor Gaël Faye erzählt, weshalb er seine Heimat Ruanda trotz allem liebt. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

Geldblog So sparen Sie bei Haussanierungen Steuern
Mamablog Papas Notenverweigerung

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sie wollen täglich die besten Beiträge aus der Redaktion?
Dann abonnieren Sie jetzt unseren Newsletter «Der Morgen».

Die Welt in Bildern

Reparaturen am Schiff: Ein Mann arbeitet auf einer Werft entlang des Buriganga Flusses am südlichen Rand der Stadt Dhaka in Bangladesch. (15. Oktober 2019)
(Bild: Zakir Hossain Chowdhury/NurPhoto/Getty Images) Mehr...