Mit dem Feind am selben Tisch

Trotz aller Rivalitäten haben Saudiarabien und der Iran an der Syrienkonferenz in Wien teilgenommen. Die beiden Aussenminister wurden ohne direkten Blickkontakt platziert.

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Der amerikanische Aussenminister John Kerry und sein russischer Kollege Sergei Lawrow gingen mit der geschäftigen Routine diplomatischer Profis in die Wiener Syriengespräche, unbenommen aller Differenzen. Offen zutage trat dagegen bei dem Treffen zur Zukunft Syriens die Rivalität zwischen den Regionalmächten Saudiarabien und dem Iran, dem wichtigsten Unterstützer des Regimes von Bashar al-Assad.

Riads Aussenminister Adel al-Jubeir hatte in einem Interview mit der BBC ­gesagt, es müsse zu Beginn eines Übergangsprozesses «für das syrische Volk sehr klar sein, dass Bashar al-Assad geht». Das müsse sicher sein und an ein spezifisches Datum gekoppelt werden. Wenn er nicht durch einen politischen Prozess abgelöst werde, könne dies durch Gewalt geschehen. Syriens Informationsminister Omran al-Zoubi nannte Jubeir daraufhin ahnungslos und forderte ihn auf, «den Mund zu halten bei Dingen, die ihn nichts angehen».

Topdiplomaten unter sich: Am Tischende spricht John Kerry (M.) mit Sergei Lawrow. Foto: Herbert Neubauer (EPA, Keystone)

Die Iraner hatten ihre Einladung nach Wien als Triumph und Anerkennung ihrer regionalen Rolle durch die USA und den Westen gefeiert. Gleich mit drei Stellvertretern reiste Irans Aussenminister Mohammed Jawad Sarif an. Die Delegationen aus Teheran und Riad wurden so im Sitzungssaal so platziert, dass sie jeden direkten Blickkontakt vermeiden konnten. Jubeir sagte, Saudiarabien habe sich auf das Treffen nur eingelassen, um «die Ernsthaftigkeit Russlands und des Iran zu testen» beim Versuch, eine politische Lösung zu finden. «Wenn sie es nicht ernst meinen, werden wir es sehr bald wissen und nicht weiter unsere Zeit mit ihnen verschwenden.»

Saudiarabien hatte lange die Teilnahme Teherans an den Gesprächen abgelehnt und sich nur nach massivem Druck westlicher Staaten bereit erklärt, mit dem Iraner in einem Raum zu sitzen. Ohne die Unterstützung Teherans wäre Assad wohl bereits gestürzt. Die iranischen Revolutionsgarden unterstützen die Regierungstruppen mit Ausbildern und Beratern. Der Iran liefert zudem Waffen, Öl und hält das Assad-Regime mit Milliardenbeträgen am Leben. Seit dem Frühling 2013 kämpft zudem die schiitische Hizbollah-Miliz aus dem ­Libanon für Assad, die auf Befehle aus Teheran hört. Ihre disziplinierten, gut ausgebildeten und vom Iran bewaffneten Kämpfer halfen den Regierungstruppen schon mehr als einmal aus der Bredouille. Auch schiitische Freiwillige aus dem Iran, dem Irak und anderen Ländern kämpfen in grosser Zahl in Syrien. Für Saudiarabien ist der Iran deshalb ein Teil des Problems.

Saudiarabien ist mit der Türkei und anderen sunnitischen Golfstaaten der wichtigste Unterstützer gemässigter und islamistischer Rebellengruppen in Syrien. Auf den Kriegseintritt Russlands reagierte Riad mit der Lieferung moderner Panzerabwehrraketen an die Aufständischen, und Jubeir liess keine Zweifel daran, dass sein Land bereit ist, die Unterstützung für die Assad-Gegner ­auszubauen, wenn nicht ein Übergangsprozess in Gang gebracht wird, der ein Ende Assads bedeutet.

Streit der Selbstbewussten

Adel al-Jubeir, der frühere Botschafter in Washington, ist das neue weltgewandte Gesicht der saudischen Monarchie und vertritt in perfektem Englisch die deutlich selbstbewusstere und aggressivere Aussenpolitik des Landes, die ganz darauf ausgerichtet ist, das ebenfalls selbstbewusster auftretende Regime im Iran in die Schranken zu weisen. Der iranische Aussenminister Sarif, der sein Land im Zuge der Atomverhandlungen mit den UNO-Vetomächten und Deutschland zurück auf die internationale Bühne geführt hat, dämpfte die Hoffnungen auf einen Kompromiss. Sein Besuch solle nicht Vermutungen befeuern, er werde jede Bedingung akzeptieren, sagte er am Vorabend der Gespräche. Ein Friedensplan müsse die Kämpfe beenden und zu einer Einheitsregierung führen. Und eine permanente Lösung müsse vom «Volk und von Gruppierungen in Syrien akzeptiert werden». Ähnlich wie Russland beharrt auch Teheran darauf, dass Assad bei allfälligen Wahlen erneut antreten darf.

Der Iran beschuldigt die Saudis, im Chaos um die Hadsch-Massenpanik mit vermutlich mehr als 2000 Toten den bis 2014 amtierenden ehemaligen Botschafter in Beirut, Ghazanfar Roknabadi, gekidnappt zu haben, der ein wichtiger Mann für die Syrienpolitik der Islamischen Republik ist. Unter den Todes­opfern waren mindestens 399 Iraner; 65 weitere werden bis heute vermisst, unter ihnen der ehemalige Botschafter. Die Saudis dagegen geben iranischen ­Pilgern die Schuld an der Katastrophe: Diese hätten gegen Anweisungen verstossen. Spätestens nach diesem Schlagabtausch um die tragische Katastrophe war klar, wie tief das Misstrauen zwischen den Vormächten der Sunniten und der Schiiten wirklich ist.

Erstellt: 30.10.2015, 22:59 Uhr

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