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Mit dem Sturmgewehr auf den Gemüsemarkt

In der aufgeheizten Stimmung in Jerusalem fordert Bürgermeister Barkat zum Tragen von Waffen auf – und provoziert, indem er bewaffnet in einem palästinensischen Viertel unterwegs ist.

Bewaffnet auf den Markt: Viele junge Männer befolgen die Aufforderung des Burgermeisters und tragen ihre Gewehre. (9. Oktober 2015)
Bewaffnet auf den Markt: Viele junge Männer befolgen die Aufforderung des Burgermeisters und tragen ihre Gewehre. (9. Oktober 2015)
Gali Tibbon, AFP
Auf dem Markt Mahne Yehuda trifft man die bewaffnete Männer an. (9. Oktober 2015)
Auf dem Markt Mahne Yehuda trifft man die bewaffnete Männer an. (9. Oktober 2015)
Gali Tibbon, AFP
Die Waffe wird zusammen mit der Gitarre umgebunden. (9. Oktober 2015)
Die Waffe wird zusammen mit der Gitarre umgebunden. (9. Oktober 2015)
Gali Tibbon, AFP
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Das Bild brachte die aktuelle Lage in Jerusalem auf den Punkt: Als Jerusalems Bürgermeister Nir Barkat diese Woche ein palästinensisches Viertel besuchte, trug er eine Waffe. Er hatte auch kein Problem damit, dies zu zeigen. Kritik an dem provokanten Auftritt weist er in einem Interview mit der Nachrichtenagentur AP entschieden zurück. Er leiste damit einen Beitrag für mehr Sicherheit in der Stadt, sagt Barkat - und fordert andere Israelis auf, sich ebenfalls zu bewaffnen.

Fernsehbilder zeigten diese Woche, wie er beim Besuch eines palästinensischen Stadtteils persönlich eine Pistole trug.

Ein grosser Teil der israelischen Bevölkerung habe eigene militärische Erfahrung - angesichts der jüngsten Welle der Gewalt könne dies ein entscheidender Vorteil sein, sagt der Bürgermeister. Wer über einen Waffenschein verfüge, solle daher seinem Beispiel folgen.

«Glücklicherweise haben wir in Israel viele professionell ausgebildete Reservisten sowie ehemalige Mitglieder der Streitkräfte», sagt Barkat. «Sie wissen, wie man kämpft. Sie wissen, wie man Waffen benutzt.»

Zusätzlicher Sicherheitsfaktor

Nach Einschätzung Barkats, der früher selbst Offizier bei den israelischen Fallschirmjägern war, befindet sich das Land derzeit in einer ganz neuen Art von Konflikt - und die Stadt Jerusalem stehe im Fokus dieses Konflikts. Die Wachsamkeit gut ausgebildeter und bewaffneter Bürger sei dabei ein zusätzlicher Sicherheitsfaktor, den es in dieser Weise nirgendwo sonst auf der Welt gebe.

Seit Wochen kommt es rund um den Tempelberg, auf dem sich wichtige heilige Stätten sowohl der Juden als auch der Muslime befinden, immer wieder zu gewaltsamen Auseinandersetzungen. In den vergangenen Tagen gab es aber auch in anderen Teilen des Landes Zwischenfälle. Als Reaktion auf das harte Vorgehen der israelischen Sicherheitskräfte haben palästinensische Extremisten in einigen Fällen auf offener Strasse jüdische Zivilisten mit Messern angegriffen. Mehrere Palästinenser und Israelis wurden getötet. Auf beiden Seiten gab es zudem Dutzende Verletzte.

Auslöser war - wieder einmal - der uralte Streit um die Nutzung des Tempelbergs. Nach bisheriger Vereinbarung darf der heilige Ort zwar von Mitgliedern aller Religionen besucht werden. Während bestimmter Zeiten dürfen Nichtmuslime dort aber nicht beten. In zunehmender Weise zeigten nun zuletzt aber ultraorthodoxe Juden Präsenz auf dem Gelände. Unter den Palästinensern nährte dies den Verdacht, dass die Israelis die Absicht hätten, die bisherige Vereinbarung zu brechen.

«Das ist etwas, was Israelis verstehen»

Barkat dagegen wirft palästinensischen und muslimischen Führern vor, «Aufwiegelung und Lügen» zu betreiben und zu verbreiten. Im Einklang mit anderen israelischen Politikern beteuert er, dass es im Hinblick auf den Tempelberg keine Pläne gebe, den Status quo zu ändern. Israel müsse sein Möglichstes tun, um die Missverständnisse aus dem Weg zu räumen, sagt er. In der Zwischenzeit gelte es aber, die Angriffe in den Strassen der Stadt mit allen Mitteln zu verhindern.

Gerade in solchen Fällen, in denen keine Polizisten in der Nähe seien, um schnell einzugreifen, komme gut bewaffneten Bürgern eine wichtige Rolle zu, sagt Barkat. Das habe sich in dieser Woche in Jerusalem und in Tel Aviv bestätigt, als Angreifer mit Messern in der Hand durch Schüsse schnell gestoppt worden seien. Daher sei es für ihn auch selbstverständlich gewesen, bei dem Besuch in einem regelmässig von Unruhen geplagten Palästinenserviertel selbst eine Waffe zu tragen.

Dass Bilder von einem offen mit einer Waffe herumlaufenden Bürgermeister die Bevölkerung der Stadt beunruhigen könnten, bezweifelt Barkat. «Das ist etwas, was Israelis verstehen. Sie schätzen es und sie fühlen sich dadurch sicher», sagt er. «Wenn in Europa oder in den USA normale Bürger Waffen tragen, wirkt das beängstigend. In Israel ist das Gegenteil der Fall.»

«Eine Kriegserklärung» des Bürgermeisters

Kritiker werfen dem Bürgermeister jedoch vor, mit seinem Auftreten die ohnehin angespannte Lage weiter zu verschärfen. Sarit Michaeli von der israelischen Menschenrechtsorganisation B'Tselem warnt etwa vor einem allzu leichtfertigen Einsatz von Waffen. Ein kürzlich aufgetauchtes Video scheint ihre Sorge zu bestätigen - die Aufnahmen zeigen, wie Polizisten einen palästinensischen Angreifer aus einiger Entfernung niederschiessen. Möglicherweise hätte der Angreifer auch friedlich gestoppt und festgenommen werden können, sagt Michaeli.

Sehr viel deutlichere Worte findet Adnan Husseini in seiner Kritik. Barkats Zurschaustellung einer Waffe sei für die Bewohner des Viertels «eine Kriegserklärung» gewesen, sagt der palästinensische Gouverneur von Ostjerusalem. «Es ist eine Aufforderung an andere Israelis, das Gleiche zu tun», sagt Husseini. Barkat sieht eine höhere Waffenpräsenz aber nicht als Problem. Wer nicht gewalttätig sei, der habe auch nichts zu befürchten. «Wir sind hier, um dafür zu sorgen, dass die Stadt sicherer wird», sagt er.

(SDA)

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