Impact Journalism

Mülltrennung trotz Müllkrise

Weil der Staat im Libanon den Müll kaum beseitigt, bietet ein Hilfsprojekt die kostenlose Abholung von Wiederverwertbarem an. Das schafft Arbeitsplätze für Flüchtlinge.

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Von Claire Grandchamps, «L’Órient-Le Jour», Libanon

Mit Helm, Knie- und Ellbogenschonern und leuchtend gelber Sicherheitsweste, auf der sich die Strahlen der Sonne nach einem verregneten Nachmittag spiegeln, fährt Ibrahim auf seinem E-Bike durch den chaotischen Verkehr von Beirut. Mag sein, dass der junge Mann wie ein Kurier gekleidet ist, aber er hat nichts auszuliefern – im Gegenteil, er sammelt ein. Ibrahim ist einer von 400 Sammlern von Live Love Recycle, einer Organisation, die den Einwohnern von Beirut einen kostenlosen Abholdienst für wiederverwertbaren Abfall bietet.

Live Love Recycle ist in der libanesischen Hauptstadt besonders willkommen, denn der gesamte Müll wird hier unsortiert in einem einzigen Plastiksack weggeworfen. Er landet entweder in einer Mülldeponie an der Küste – und damit früher oder später im Meer. Oder er wird am Strassenrand verbrannt. Bisher hat die libanesische Regierung kein System der Müllentsorgung zustande bringen können, das sowohl umweltschonend ist als auch Gesundheit und Wohlergehen der Bürger schützt.

Massive Proteste

Aber Libanesen geben nicht auf. Die Müllkrise 2015 löste massive Proteste aus und dauerte acht Monate, bis die Regierung endlich eine temporäre Lösung anbot. Gleichzeitig genehmigte sie die Gründung verschiedener alternativer Projekte, um das Problem in den Griff zu bekommen. Dazu gehört Live Love Recycle, das von Georges Bitar gegründet wurde, einem Mitglied von Live Love Lebanon, einer Organisation, die sich für die Umwelt, die Gemeinschaft und die Kultur im Libanon engagiert. «2015 protestierten Tausende gegen die Müllkrise. Das ist eine verständliche Reaktion», sagt der 30-Jährige. «Aber wir bei Live Love wollen nicht klagen, wir wollen handeln. Das ist unsere Art.»

Auf der Suche nach Unterstützung wandte er sich an die französische Nichtregierungsorganisation Acted (Agentur für technische Kooperation und Entwicklung), die ein Partner wurde. Auch das UN-Welternährungsprogramm WFP finanziert und unterstützt das Projekt.

Dieser Artikel ist Teil unserer Berichterstattung zum Impact Journalism Day 2018. Hier gehts zur Collection.

Nach monatelangen Vorbereitungen, Bewilligungen, Rekrutierung und Ausbildung von Sammlern nahm das Projekt in Beirut am 9. April 2018 die Arbeit auf. Um den Dienst zu nutzen, muss man die Live-Love-Recycle-App herunterladen. Nach zwei Klicks und einer halben Stunde steht ein E-Bike vor der Haustür, um die wiederverwertbaren Abfälle (Papier, Karton, Plastik, Metall und Dosen) abzuholen.

«Ich hatte meinen Müll schon vorher getrennt», sagt Zeinab Ajami, die den Dienst schon mehrfach genutzt hat. «Aber früher musste ich ihn selbst zur Sammelstelle bringen. Da habe ich mich nicht so genau damit beschäftigt. Jetzt, da ich Live Love Recycle nutze, trenne ich die Sachen sorgfältiger.»

Freiwillige Überstunden

«Mir gefällt an dieser Arbeit am meisten, dass wir zum Schutz der Umwelt beitragen», sagt der Müllsammler Ibrahim. Er und alle anderen 400 Sammer des verwertbaren Materials sind Syrer. Einige leisten freiwillig unbezahlte Überstunden, weil ihnen die freundliche, familiäre Atmosphäre am Sitz von Live Love Recycle so gut gefällt, einer Lagerhalle, in der mehr als 50 E-Motorräder und vier Tuk-Tuks stehen.

Mittags kochen etwa 20 Frauen, die von dem Projekt angestellt und ausgebildet wurden, eine warme Mahlzeit für die Mitarbeitenden. Sie treffen sich zu sechst oder siebt in der Wohnung einer Frau und bereiten mehr als 80 grosse Platten mit Essen vor.

Mirna Toutayo, eine Mutter von drei Teenagern, die für Live Love Recycle kocht, sagt, dass das Geld, das sie dabei verdient, eine riesige Hilfe für die Familie ist. «Indem wir Hunderte Jobs für Frauen und Menschen aus prekären Verhältnissen anbieten, wird Live Love Recycle zu einer 100-prozentig sozialen Initiative», sagt Bitar.

Er hat viele Ideen für die Zukunft. Aber er weiss auch, dass es Zeit brauchen wird, um dieses Projekt weiterzuentwickeln. In Kooperation mit der Stadtverwaltung von Beirut möchte er ein Dutzend Abfallkübel in der Stadt einrichten, in den Farben des Projektes. «Mit diesen Kübeln können wir die Zeit für das Einsammeln stark reduzieren und die Geschwindigkeit steigern, sodass wir irgendwann vielleicht 20'000 Säcke pro Tag schaffen werden», sagt er.

Aus dem Englischen übersetzt von Hans Brandt

(Claire Grandchamps/«L’Órient-Le Jour», Libanon)

Erstellt: 15.06.2018, 14:35 Uhr

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