Netanyahu steckt in einem Dilemma

Eine militärische Reaktion Israels auf den Raketenbeschuss durch Palästinenser würde den Eurovision Song Contest gefährden.

Israelische Reaktion: Ein Geschoss explodiert in Gaza City. Foto: Mohammed Saber (EPA)

Israelische Reaktion: Ein Geschoss explodiert in Gaza City. Foto: Mohammed Saber (EPA)

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Es kracht dreimal so laut, dass alle unwillkürlich zusammenrücken und sich noch enger in den Hauseingang in der David-Remez-Strasse in Ashqelon ducken. Die Zeit reicht nicht mehr, um in den Bunker zu laufen. Dann sind ein halbes Dutzend Explosionen zu hören und ein Einschlag. Weisse Kringel sind am blauen Himmel zu sehen – das Zeichen dafür, dass das israelische Raketenabwehrsystem Iron Dome (Eisenkuppel) mehrere Geschosse abgefangen hat.

Zwei Männer haben ihr Fahrzeug auf der anderen Strassenseite stehen gelassen und sind über den Grünstreifen in der Mitte Richtung Gebäude gelaufen; ein Busfahrer und seine vier Passagiere haben sich ebenfalls aus dem Fahrzeug in den Schutz der Hausmauern geflüchtet. Man drückt sich aneinander, die Frauen stellen sich hinter die Männer. Zuerst ist es ganz still. Als die Sirenen nach fünf Minuten zu heulen aufhören, beginnen alle durcheinanderzureden: «Warum wir?», fragt die russischstämmige Jüdin Swetlana David. «Das muss ein Ende haben», sagt Arye Ramon. Der Busfahrer reckt nur die Faust Richtung Himmel.

Flucht aus den Autos

Alle springen wieder in ihre Fahrzeuge, doch nach 300 Metern kommt der nächste Alarm. Wieder ein Hauseingang. Zwei Monteure lassen ihren Jeep stehen und sprinten unter das Vordach. Gemächlicher geht es nach drei Minuten zum Fahrzeug zurück. Als binnen sieben Minuten der nächste Raketenalarm auf dem Begin-Boulevard folgt, lassen die Fahrer ihre Autos selbst auf der Überholspur stehen und suchen Schutz hinter ihrem Fahrzeug auf jener Seite, die dem Gazastreifen abgewandt ist.

Drei Raketenalarme binnen fünfzehn Minuten gibt es am Sonntag gegen 13 Uhr. Eine Rakete trifft ein Fabrikgebäude in Ashqelon, drei Menschen werden verletzt, ein Mann stirbt später im Spital. Ein weiterer wird in seinem weissen Kombi mitten auf der Strasse in der Nähe von Yad Mordechai, das von Ashqelon zwölf Kilometer entfernt liegt, von einer Rakete tödlich getroffen.

Dikla Dayan hat grosse Angst, sich überhaupt noch auf die Strasse zu begeben, und man versteht schnell, warum: Sie erzählt davon, wie in der Nacht zum Sonntag der Grossvater ihrer Tochter in Ashqelon vom Schrapnell einer Rakete aus dem Gazastreifen tödlich getroffen worden ist. Das Projektil habe ein grosses Loch in seinen Brustkorb gerissen. «Er hat versucht, andere Leute zu wecken, damit sie sich in Sicherheit bringen können», erzählt die 27-Jährige.

Koordination von Hamas und Islamischem Jihad

Mosche Agadi, der einen Gemüseladen in Ashqelon betrieb, habe eine Zigarette im Freien geraucht, erzählt dessen Bruder Schmulik. Es war 2.45 Uhr in der Nacht zum Sonntag, als die Rakete einschlug. Der 58-Jährige sei mitten im Garten des Hauses getroffen worden, das im Süden von Ashqelon liegt. In der Erde ist jetzt ein Loch von etwas weniger als einem Meter Durchmesser zu sehen.

Auch am späten Sonntagnachmittag gehen die Raketenangriffe in den Gemeinden rund um den Gazastreifen unvermindert weiter. Seit Samstag um zehn Uhr feuern militante Palästinenser fast ununterbrochen Raketen auf israelische Gebiete. Allein bis zum Sonntagnachmittag sind es insgesamt rund 600 Angriffe. Nach Angaben von Armeesprecher Jonathan Conricus seien etwa 70 Prozent der Raketen auf offenem Feld gelandet. Der Grossteil der restlichen Geschosse wurde von der Raketenabwehr abgefangen. Die israelische Armee griff daraufhin mehr als 260 Ziele im Gazastreifen an. Unter anderem wurden ein grenzüberschreitender Tunnel bei Rafah sowie militärische Anlagen der im Gazastreifen regierenden radikalislamischen Hamas und des Islamischen Jihad, der zweitgrössten Gruppe, attackiert. 15 Menschen sollen getötet worden sein.

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Nach Einschätzung der israelischen Armee steckt eine koordinierte Aktion von Hamas und Islamischem Jihad hinter dem Raketenhagel. Es ist der intensivste Beschuss seit dem vergangenen November. Vor allem der Islamische Jihad soll über den schleppenden Fortgang der Verhandlungen über einen längerfristigen Waffenstillstand unter ägyptischer Vermittlung verärgert sein. Laut palästinensischen Angaben setzt Israel seine Zusagen nicht um, zum Beispiel jene, die Blockade von Gütern aufzuheben. Der Islamische Jihad fühle sich deshalb nicht mehr an die von der Hamas ausgerufene Zurückhaltung gebunden, die Israel als Zugeständnis gefordert hatte. Zuletzt hatte es kurz vor den Wahlen in Israel am 9. April eine militärische Konfrontation gegeben, seither hatte relative Ruhe geherrscht.

Bald beginnt Song Contest

Nach Angaben der israelischen Armee versucht der Islamische Jihad seit etwa zwei Wochen, mit Aktionen die Verhandlungen zu sabotieren. Dazu gehört nach Ansicht von Militärexperten ein Angriff auf zwei israelische Soldaten an der Grenze am Freitag. Sie wurden durch Schüsse verletzt. Darauf griff die israelische Armee im Gazastreifen an und tötete vier Palästinenser. Anschliessend soll die Hamas Vergeltung geschworen und sich mit dem Islamischen Jihad zur gemeinsamen Angriffswelle entschlossen haben.

Seit Samstag war Raketenalarm nicht nur in den Gebieten rund um den Gazastreifen zu hören, sondern auch im Zentralraum, etwa in der Stadt Rechovot oder in Bet Shemesh. Die militanten Palästinenser wollen offensichtlich die Zeit vor dem Eurovision Song Contest in zwei Wochen nutzen, um Druck auf Israel auszuüben. Die israelische Zeitung «Haaretz» zitierte einen Hamas-Funktionär mit den Worten: «Es kann nicht sein, dass man singt und sich freut, während wir leiden.» Die Sicherheitsvorkehrungen vor dem Wettbewerb, der vom 14. bis 18. Mai in Tel Aviv ausgetragen wird, wurden massiv verstärkt.

Militante Palästinenser wollen Israels Premier Benjamin Netanyahu in eine Zwickmühle bringen. Denn eine massive Militäroperation würde die Austragung des prestigeträchtigen Wettbewerbs gefährden. Ein Militärexperte vertrat die Einschätzung, dass eine Ausweitung der Angriffe auf Tel Aviv zu befürchten sei. Netanyahu steckt auch mitten in Verhandlungen zur Bildung einer neuen Koalition mit sechs Parteien. Ausserdem ist am 9. Mai Unabhängigkeitstag. Auf die Frage, was Netanyahu nun machen solle, sagt Dikla Dayan in Ashqelon nur: «Angreifen.» Ein neuer Krieg? Sie nickt.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 05.05.2019, 22:57 Uhr

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