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Nie, nie allein in die Schule

Der «Teilungsplan für Palästina» der UNO wurde nie umgesetzt. Nirgends zeigen sich die Folgen so klar wie in der Stadt Hebron.

Manchmal dauert es drei Minuten, mal eine halbe Stunde: Palästinensische Schulkinder an einem Checkpoint in der geteilten Stadt Hebron. Foto: Mussa Qawasma (Reuters)
Manchmal dauert es drei Minuten, mal eine halbe Stunde: Palästinensische Schulkinder an einem Checkpoint in der geteilten Stadt Hebron. Foto: Mussa Qawasma (Reuters)

Jeden Morgen um kurz nach halb sieben macht sich Shirin Abu Sheneh in der Qob-Al-Janeb-Strasse in Hebron auf den Schulweg. Immer mehr Kinder stossen dazu, bis sie zu siebt sind, Mädchen und Jungen. «Ich gehe nie, nie allein», sagt die 13-Jährige. Nach zehn Minuten hat die Gruppe den Checkpoint Beit Romano erreicht, an dem zwei israelische Soldaten sitzen. Die Kinder dürfen nur einzeln in das Drehkreuz eintreten. Sei müssen Metalldetektoren passieren und einen Sicherheitscheck absolvieren. Mal dauert die Prozedur drei Minuten, mal eine halbe Stunde.

Der schwierigste Teil, sagen die Kinder, liegt noch vor ihnen: der Weg durch den von jüdischen Siedlern bewohnten Bereich. Immer wieder komme es vor, dass sie beschimpft oder angerempelt werden. Manchmal bedrohen die Hunde sie. «Vor denen habe ich am meisten Angst», sagt die 15-jährige Shatha Ramadan. «Gelegentlich halten uns auch Soldaten zurück und blockieren den Weg.» Sie wohnt nur wenige Hundert Meter von ihrer Schule in der Al-Shuhada-Strasse entfernt, aber auch sie geht nie alleine.

Wachtürme in der Altstadt

Für Millionen Palästinenserinnen und Palästinenser wie Shatha und Shirin hat sich bis heute ein Versprechen nicht erfüllt: das eines eigenen Staates, ohne Checkpoints auf dem Schulweg. Dabei hatten die Vereinten Nationen genau vor 70 Jahren, am 29. November 1947, eine Resolution auf den Weg gebracht, die Juden, aber auch Palästinensern einen eigenen Staat versprach.

Für Shatha Ramadan und Shirin Abu Sheneh ist das Geschichte, sie kämpfen mit dem Alltag. Um in das Schulgebäude zu kommen, müssen alle Schüler den Checkpoint Nummer 55 passieren, an dem zwei israelische Soldaten stehen. Einer hat ein langes Seil in der Hand. Es öffnet und schliesst ein vergittertes Tor, zu dem eine steile Treppe führt. Manchmal lässt sich der Soldat Zeit mit dem Öffnen. Die resolute Direktorin der Cordoba-Schule, Nora Nasar, hat Videos und Fotos aus den vergangenen Monaten auf ihrer Facebook-Seite veröffentlicht, die zeigen, wie Kinder von Siedlern bedroht oder von Soldaten schikanierten werden.

Die 1972 gegründete Schule liegt auf einem Hügel, von dem man ganz Hebron überblickt. Nirgendwo sonst treffen Juden und Palästinenser so unmittelbar aufeinander. Mit mehr als 202 000 Einwohnern ist Hebron die bevölkerungsreichste Stadt im Westjordanland, nur hier leben jüdische Siedler im Stadtzentrum. Die Stadt ist seit 1997 geteilt: H1 wird von den Palästinensern kontrolliert, H2 von den Israelis – hier leben rund 30 000 Palästinenser und 800 Juden –, zu deren Schutz etwa 2000 israelische Soldaten abgestellt sind.

In der Altstadt stehen Wachtürme, mannshohe Mauern und Strassensperren. Dazwischen patrouillieren Männer und Frauen, ausgestattet mit Westen, auf denen auf Englisch «Beobachter» steht; internationale Freiwillige, die Zwischenfälle verhindern sollen. Manchmal begleiten sie auch die Kinder auf ihrem Schulweg.

Die Ibrahim-Moschee dominiert die Altstadt

In der Al-Shuhada-Strasse, vor der Teilung eine der Hauptstrassen von Hebron, herrscht auf palästinensischer Seite reges Treiben an den Gemüseständen. In dem von Israelis kontrollierten Teil ist nur eine Frau mit zwei Kindern auf der Strasse. Rund tausend Wohnungen mussten die Palästinenser räumen und mindestens 1800 Geschäfte im Zentrum aufgeben. Viele hätten ohnehin Juden gehört, sagen die Israelis. Schilder erinnern an das Jahr 1929, als Araber 67 Juden in Hebron ermordeten.

Dass der rechtsextreme Siedler Baruch Goldstein 1994 in der Abraham-Moschee 29 Muslime erschoss, wird nicht erwähnt. Die Altstadt dominiert eine riesige Anlage: Die Ibrahim-Moschee erhebt sich über dem Grab der Patriarchen, wo nach biblischer Überlieferung Abraham, Isaak und Jakob sowie ihre Frauen Sara, Rebecca und Lea begraben sein sollen – für Juden, Muslime und Christen ein heiliger Ort. Die Juden dürfen rechts hineingehen, die Muslime links.

Hebron zum Weltkulturerbe ernannt

Weil die Unesco im Juni die Altstadt von Hebron zum «palästinensischen Weltkulturerbe» ernannt hat, kündigten die USA und Israel aus Protest den Austritt aus der UNO-Organisation an. Die Palästinenser haben in den vergangenen Jahren mit gehäuft eingebrachten Anträgen immer wieder erreicht, dass Israel in diversen UNO-Gremien kritisiert und gerügt wurde.

33 Pro- und 13 Kontrastimmen bei 10 Enthaltungen gab es 1947 in der UNO-Generalversammlung für Resolution 181. Darin wurde gefordert, dass das Mandat der Briten zum nächstmöglichen Zeitpunkt beendet, Palästina geteilt und zu einer Wirtschaftsunion zusammengefasst werden sollte. Jerusalem sollte unter internationale Verwaltung gestellt werden.

«Ich habe versucht, Ideen zusammen­zubringen, die eigentlich unvereinbar sind: die Hoffnungen auf jüdisch-arabische Kooperation und die Angst vor jüdisch-arabischer Animosität», schrieb Paul Mohn in sein Tagebuch. Der schwedische Diplomat hatte nach eigenem Gutdünken die Grenzen durch Palästina gezogen. Doch die arabischen Staaten lehnten einen «Judenstaat» vehement ab. Sie verhinderten die Umsetzung des UNO-Teilungsplans – aber so auch den eigenen Staat für die Palästinenser. Israel wurde am 14. Mai 1948 gegründet, zählt inzwischen 8,5 Millionen Einwohner. 4,7 Millionen Palästinenser leben derzeit aufgeteilt auf das Westjordanland und den Gazastreifen.

Provokation auf Provokation

In zahlreichen Kriegen wurden in den vergangenen 70 Jahren Grenzen verschoben, Pläne entworfen und nicht umgesetzt. Auch jetzt herrscht kein Friede, Provokation folgt auf Provokation. Sonntag und Montag wurden zwei palästinensische Jugendliche bei dem Versuch festgenommen, ein Messer in die heilige Stätte des Grabes der Patriarchen in Hebron zu schmuggeln. Von Oktober 2015 an verübten immer wieder Palästinenser Attacken mit Messern, in den vergangen Monaten sind die Angriffe zurückgegangen.

Über Messerstechereien und Steinwürfe will der Händler Mohammed Sakari nicht reden. Er zeigt nach oben. Wer im Suk von Hebron den Blick hebt, sieht faustgrosse Steine, verdorbenes Obst und Gemüse und Kinderschuhe in einem Netz baumeln. Das hätten die Siedler, die gleich nebenan wohnen, aus dem Fenster geworfen, erzählt er. Welche Träume haben Kinder, die in so einer Umgebung aufwachsen? Die 13-jährige Shirin Abu Sheneh will reisen, «weit weg von hier». Die zwei Jahre ältere Shatha Ramadan will «wohin, wo man keine Angst haben muss».

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