Partei im Kugelhagel

In Südafrika versinkt der einst stolze ANC im Chaos. Die Mitglieder der früheren Befreiungsbewegung tragen einen zunehmend blutigen Kampf um Macht und Pfründen aus.

Die Angehörigen des ermordeten ANC-Führers Sindiso Magaqa tragen Shirts mit seinem Foto – und den Farben der Partei. Foto: Bernd Dörries

Die Angehörigen des ermordeten ANC-Führers Sindiso Magaqa tragen Shirts mit seinem Foto – und den Farben der Partei. Foto: Bernd Dörries

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Irgendwann sind ihnen die Buchstaben ausgegangen, 26 hat das Alphabet, 43 Einschusslöcher hat das Auto von Sindiso Magaqa. Die Spurensicherer haben damit angefangen, die einzelnen Durchschüsse mit Buchstaben zu markieren, bis sie keine Buchstaben mehr hatten. Es sieht so aus, als habe jemand auf dem Mercedes-Geländewagen Scrabble gespielt und dann aufgegeben, weil es keinen Sinn ergibt, das ganze Durcheinander. Ein paar Meter weiter sitzt Gugu Magaqa in ihrem Wohnzimmer und versucht, Worte für etwas zu finden, für das es nicht einmal genügend Buchstaben gab. Für das durchlöcherte Auto im Vorgarten. Für den Mord an ihrem Mann.

«Manchmal hasse ich den ANC. Aber es bleibt der ANC, den wir lieben», sagt Gugu Magaqa. Neben ihr sitzen die Verwandten auf dem Sofa, sie tragen T-Shirts mit dem Foto ihres Mannes und den Farben des African National Congress. Der ANC und die Politik waren das Leben von Sindiso Magaqa – und auch sein Tod mit 35 Jahren. Er war Generalsekretär der Jugendliga, einer der kommenden Stars, bekannt im ganzen Land. Er war jung, sah gut aus und konnte reden, was seinen Aufstieg beschleunigte. Magaqa war aber auch ein Mann mit einem moralischen Kompass und ein Sturkopf, was im ANC nicht so gerne gesehen wird. Das kostete ihn letztlich das Leben, getötet wurde er wohl von den eigenen Leuten.Vor 25 Jahren begann in Südafrika das Ende der Apartheid.

Damals war der ANC eine stolze Befreiungsbewegung, der moralische Sieger nach Jahrzehnten der Unterdrückung. Heute ist er eine tief gespaltene Bewegung, zerfressen von Gier und Korruption, mit dem gierigen und korrupten Staatspräsidenten Jacob Zuma an der Spitze, dessen Haltung letztlich ist: Jetzt sind wir dran, jetzt dürfen wir an die Fleischtöpfe. Eine Partei plündert das Land, auf allen Ebenen. In der Hauptstadt Pretoria, wo Zuma und seine Banditen sich den Staat zur Beute gemacht haben, wo sie Millionen verdienen an der Korruption. Und hier in der Provinz, in Umzimkhulu, wo die lokalen ANC-Fürsten auch ihr Stück vom Kuchen haben wollten.

In der «Schweiz von Südafrika»

Die «Schweiz von Südafrika» haben sie die Landschaft genannt, weil jedes Land der Welt offenbar seine Schweiz haben muss und sie hier eben am besten hinpasst, in die grünen Berge KwaZulu-Natals, die Heimat der stolzen Zulus. Heimat des stolzen Sindiso Magaqa, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, gegen die Korruption zu kämpfen, auch in der Öffentlichkeit. Seine Familie wusste, was das bedeuten kann. «Wir haben versucht, ihn zum Aufhören zu bewegen», sagt seine Witwe.

Gugu Magaqa ist eine grosse und schöne Frau, die trotz allem mit fester Stimme redet und dabei lächelt. Sie sitzt auf einem Sofa, hinter ihr läuft der Fernseher, neben ihr brummt der Kühlschrank. Es sind die Symbole einer schwarzen Mittelschicht, die sich in den vergangenen Jahren entwickelt hat. Auch, weil die ANC-Regierung in Infrastruktur und Bildung investiert hat. Gugu Magaqa hat einen Abschluss in Augenheilkunde und mehrere kleine Praxen. Ihr Mann war ein erfolgreicher Politiker, Kinder kamen, sie hätten so weitermachen können, wie so viele andere auch.

Ihr Mann habe aber für seine Prinzipien gelebt, sagt Gugu Magaqa. Es klingt, als sei sie manchmal wütend auf ihn. Und manchmal stolz. Es gab Drohungen, dann einen Kugelhagel. «Wir bringen uns einfach gegenseitig um, es wird immer weitergehen», sagt die Witwe. Im Frühjahr wurde auch ihr Onkel erschossen. Fast einhundert ANC-Mitglieder wurden seit 2014 in der Region KwaZulu-Natal umgebracht. Weil sie gegen die Korruption waren oder weil sie zu korrupt waren und den anderen nichts abgeben wollten.

Von Dutzenden von Kugeln durchsiebt: Einschusslöcher in Magaqas Auto. Foto: Bernd Dörries

Die Mitglieder des einst so stolzen ANC, sie bringen sich gegenseitig um. Mal geht es um Geld, mal um Macht, mal um beides. Aus der Befreiungsbewegung ist in Teilen Südafrikas eine mafiöse Struktur geworden, die mehr dem organisierten Verbrechen gleicht als einer Partei. Am schlimmsten tobt der Kampf in Kwa­Zulu-Natal, der Heimat von Präsident Jacob Zuma. Es ist ein Kampf, der immer blutiger wird, je näher die ANC-Konferenz Ende Dezember rückt; dann soll ein Nachfolger gefunden werden für Zuma, der bei den nächsten Präsidentschaftswahlen 2019 nach zwei Amtszeiten nicht mehr antreten darf.

Zuma hat seine Ex-Frau Nkosazana Dlamini-Zuma in Stellung gebracht, die dafür sorgen soll, dass sein korruptes System weiterläuft. Die Reformer im ANC hoffen auf Cyril Ramaphosa, der als Unternehmer mit umstrittenen Deals in Staatsnähe auch Millionen verdient hat, aber nicht ganz so gefrässig ist wie die Zumas. Es ist ein enger Zweikampf, der nicht mit Argumenten ausgetragen wird. Sondern mit Versprechen, mit Drohungen und vor Gerichten. Und nicht zuletzt auch: mit Gewalt. Im ganzen Land nominieren in diesen Tagen die Ortsverbände ihre Delegierten und geben ihnen mit, für wen sie stimmen sollen bei dieser Wahl.

Nur hundert Meter vom Haus von Gugu Magaqa entfernt trifft sich an diesem Sonntag der ANC-Ortsverband. Um zehn sollte es losgehen mit der Versammlung, sechs Stunden später ist immer noch nicht abgestimmt. Es ist wie überall, Versammlungen werden verzögert und verschoben, es ist viel Geld im Umlauf. Der ANC versinkt im Chaos. «Sie haben es auf uns alle abgesehen», sagt eine Frau vor der Versammlungshalle. Sie geht an Krücken, im Oberschenkel steckt noch eine Kugel, abgefeuert von den eigenen Leuten. Die Waffe ersetzt das Argument.

Es gibt im ANC eine starke Fraktion, die ein anderes Südafrika möchte, die den alten ANC zurückhaben will. Jenen ANC, der dem Land die Freiheit gab und eine starke Verfassung, bis heute ein Bollwerk gegen die schlimmsten Exzesse. Es geht darum, das Erbe Nelson Mandelas zu erhalten, der für Zuma und seine Clique nur noch ein nettes Souvenir ist, das sich zu Geld machen lässt. Als Mandela Ende 2013 beerdigt wurde, sollen Politik und Verwaltung in seiner Heimatregion etwa 20 Millionen Euro veruntreut haben, Geld, das wohl in die Taschen der ANC-Elite floss. Wie immer verspricht die Partei eine Untersuchung; wie immer ist das Ergebnis schon vorher klar. Keiner der Morde in KwaZulu-Natal wurde bisher aufgeklärt, kein grosser Korruptionsfall vor Gericht gebracht.

Mandela, so sagt man heute, soll sich damals für Cyril Ramaphosa ausgesprochen haben als seinen Nachfolger. Mit etwas Verspätung könnte sein Wunsch nun doch noch in Erfüllung gehen. Für den ANC ist der Wechsel an der Spitze womöglich die letzte Chance, sich selbst zu reformieren. Die Wähler laufen der Partei davon, in den einstigen Hochburgen von Johannesburg und Nelson Mandela Bay regiert mittlerweile die Konkurrenz. Am Leben erhalten die Partei der Rückhalt in den armen ländlichen Gebieten und das Gefühl vieler Schwarzer, dass man den eigenen Leuten nicht den Rücken kehrt. Aber was ist, wenn einen die eigenen Leute im Stich lassen?

Er starb, weil er zu ehrlich war

«Um den ANC zu verändern, muss man im ANC sein», sagt Les Stuta. Er sitzt in einem dunklen Wohnzimmer, in der Hose steckt eine Pistole. Vor dem Haus stehen zwei seiner Cousins, die er als Bodyguards angeheuert hat. Will man sich mit ihm treffen, wartet ein dunkler Dreier-BMW irgendwo am Strassenrand und fährt dann in hohem Tempo davon. «Die Drohungen haben zugenommen, die Leute stehen vor dem Haus und fragen, wann ich komme. Die Situation ist nicht normal.»

Stuta ist 44 Jahre alt und trägt das grün-gelb-schwarze Trikot des ANC, um gleich gar keine Zweifel daran aufkommen zu lassen, dass er der Partei die Treue hält, trotz allem. Vor etwa 20 Jahren hat er Sindiso Magaqa kennen gelernt. Sie haben zusammen Ortsverbände der Jugendliga aufgebaut und davon geträumt, etwas erreichen zu können. Für den Freund Sindiso Magaqa ging es steil nach oben, er wurde Generalsekretär der Jugendliga. Und manchem in der Partei zu radikal. Zuma und seine Leute haben den Status quo bisher nicht angetastet, das Geld und der Boden befinden sich weiterhin zum grössten Teil in der Hand einer weissen Elite.

Der Unterschied zur Apartheid ist, dass nun auch einige Schwarze Zugang bekommen haben. Zu den Staatsaufträgen, zu den Fleischtöpfen.«Er war ehrlich, er ist dem ANC nicht beigetreten, um einen Posten zu bekommen», sagt Les Stuta über den Freund, der vielen anderen in der Partei so unbequem wurde, dass man ihn 2012 schon einmal für einige Zeit ausschloss aus dem ANC und wieder ganz unten anfangen liess – eine letzte Warnung. Neuanfang im Gemeinderat von Umzimkhulu, einem Kaff in der Provinz. «Nach dem ersten Treffen hat er mich angerufen und gesagt, dass es schwierig werde, dass hier viele Projekte nicht so gema­nagt würden, wie sie sollten. Die Zahlen stimmten nicht.» So erzählt es der Freund. Magaqa machte sich daran, die Sache zu untersuchen.

Es ist ein Fall von Hunderten, ein Beispiel für die Korruption des ANC, der sich nicht einmal die Mühe macht, die Diebstähle zu verschleiern. In Umzimkhulu steht direkt vor der Gemeindeverwaltung ein altes Kolonialgebäude, das schon etwas heruntergekommen ist. In der Stadtverwaltung kam nun jemand auf die Idee, daraus eine kleine Versammlungshalle zu machen; nicht, weil man dringend eine brauchte, sondern weil sich mit den Aufträgen gut Geld abzweigen liess. Ein Klassiker: Aufträge werden zu überhöhten Preisen vergeben, den Aufschlag teilt man sich brüderlich. In Umzimkhulu soll es um eine Summe von 230 000 Franken gegangen sein. Sindiso Magaqa wollte die Sache untersuchen lassen, dann wurde er erschossen. «Memorial Hall» steht gross auf dem Gebäude, das immer noch eine Baustelle ist. An wen es ursprünglich erinnern sollte, kann im Ort niemand mehr sagen. Es ist jetzt das Symbol des einst stolzen ANC, einer Partei, in der sie sich jetzt gegenseitig umbringen.

Erstellt: 05.12.2017, 20:46 Uhr

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