USA erkennen Israels Souveränität über Golan-Höhen an

Premier Netanyahu gerät kurz vor den Wahlen unter Handlungsdruck. Raketen aus dem Gazastreifen treffen Israel in einer heiklen Lage.

Trümmer und Zerstörung: Aufräumarbeiten nach dem Raketeneinschlag nördlich von Tel Aviv. Foto: Ammar Awad (Reuters)

Trümmer und Zerstörung: Aufräumarbeiten nach dem Raketeneinschlag nördlich von Tel Aviv. Foto: Ammar Awad (Reuters)

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Das Gitterbett ragt noch aus den Trümmern im Kinderzimmer, das Dach ist eingestürzt, der wolkenverhangene Himmel ist zu sehen. Die zerfetzten Ziegel und Dämmstoffe bedecken den Boden, da und dort sind noch Spielsachen zu erkennen. Einzig ein hellbrauner Schrank in der Ecke ist heil geblieben.

Hier in Mishmeret, etwa dreissig Kilometer nördlich von Tel Aviv, lebte Familie Wolf. Die Grosseltern Robert und Susan Wolf, die aus Grossbritannien nach Israel eingewandert waren, ihre Tochter, ihr Sohn mit seiner Frau, dem sechs Monate alten Baby und einem dreijährigen Kind. Sohn Daniel hatte am Montag gegen 5.20 Uhr die Sirenen gehört, seine Eltern und den Rest der Familie geweckt. Bis auf die Grossmutter waren alle schon im Schutzraum, als die Rakete einschlug. «Wenn wir es nicht rechtzeitig dorthin geschafft hätten, wäre unsere Familie ausgelöscht worden», sagt Wolf.

Nachbarn berichten, dass sie erst durch die Explosion wach geworden seien, nicht durch den Raketenalarm. Am Morgen gab es heftige Gewitter in der Region. Durch den Raketeneinschlag wurden auch Fahrzeuge und Häuser in der weiteren Umgebung beschädigt. Das israelische Raketenabwehrsystem Iron Dome (Eisenkuppel) hat nicht reagiert. Nicht nur die Bevölkerung wurde von dem Raketenbeschuss überrascht, sondern auch Israels Militär.

Die Hamas sieht sich mit Protesten konfrontiert, möglicherweise soll die Rakete davon ablenken.

Für diese Woche war eine Intensivierung der Auseinandersetzungen erwartet worden – aber an der Grenze zum Gazastreifen. Vor einem Jahr, am 30. März 2018, hatten die Proteste begonnen, bei denen nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Gaza mehr als 260 Palästinenser von israelischen Soldaten getötet und Tausende verletzt worden sind.

Netanyahu im Weissen Haus

Nun sind aber zum zweiten Mal innerhalb von zehn Tagen Raketen auf zentral gelegene Gebiete in Israel abgefeuert worden. So weit war eine Rakete seit dem Ende des Gazakriegs 2014 nicht mehr über israelisches Gebiet geflogen. Mishmeret liegt ungefähr 80 Kilometer vom Gazastreifen entfernt. Wie schon nach dem Raketenbeschuss von Tel Aviv behauptete die Hamas auch diesmal, die Rakete sei irrtümlich losgegangen – wegen des schlechten Wetters. Die auf Tel Aviv gerichtete Rakete war eine Fajr-5, die aus iranischer Produktion stammt und in einem Feld im benachbarten Holon einschlug. Die andere landete im Meer. Diesmal soll es eine von der Hamas in Eigenbau hergestellte Rakete J80 gewesen sein. Nach Angaben des israelischen Militärs wurde die Rakete im Süden des Gazastreifens bei Rafah von einem Posten der Hamas aus abgeschossen und hatte bis zum Einschlag eine Entfernung von 120 Kilometern zurückgelegt.

Hamas-Funktionäre beteuerten, sie hätten kein Interesse an einer Eskalation. Ausserdem würde weiter über einen Waffenstillstand mit den ägyptischen Vermittlern verhandelt, die auch am Montag im Gazastreifen erwartet wurden. Nach Einschätzung von israelischen Sicherheitsexperten könnte eine Gruppe innerhalb der Hamas dafür verantwortlich sein, die ohne Wissen der Führung agiert. Das hiesse, dass die seit 2007 im Gazastreifen regierende Hamas, die von der EU als Terrororganisation eingestuft wird, die Lage nicht mehr unter Kontrolle hat. Die Hamas sieht sich derzeit mit breiten Protesten der Bevölkerung in der abgeschlossenen Küstenenklave konfrontiert. Mög­licherweise will sie mit einem Raketenbeschuss von ihren Problemen ablenken.

US-Dekret zum Golan

Premier Benjamin Netanyahu ereilte die Nachricht vom Raketeneinschlag im Zentrum Israels am späten Abend in Washington. «Wir werden mit Nachdruck reagieren», kündigte er in einer Videobotschaft an. Sein Treffen mit US-Präsident Donald Trump wenige Stunden später wollte er unbedingt wahrnehmen. Trump anerkannte dabei Israels Souveränität über die Golanhöhen. Der US-Präsident unterschrieb im Beisein Netanyahus ein entsprechendes Dekret. Die Golanhöhen waren von Israel 1967 von Syrien erobert und 1981 annektiert worden – was bisher international nicht anerkannt wurde.

Für Netanyahu war Trumps Erklärung eine willkommene Unterstützung vor den Parlamentswahlen am 9. April, die er nach Israel mitnahm. Dort war er mit Kritik konfrontiert. Opposition und rechte Parteien warfen Netanyahu vor, zu milde auf den Beschuss von Tel Aviv reagiert zu haben. Nach dem Angriff hatte die israelische Armee etwa hundert Ziele im Gazastreifen bombardiert – vor allem leer stehende Gebäude und Anlagen.

Weitere tausend Soldaten

Auch Benny Gantz vom blau-weissen Bündnis, der in Umfragen knapp vor Netanyahu liegt, warf dem Premierminister kurz nach dem Raketeneinschlag eine zu lasche Reaktion vor. Gantz, der derzeit ebenfalls in Washington ist, reagierte auf den Beschuss rascher als Netanyahu. Der Ex-Generalstabschef präsentierte sich auch vor dem proisraelischen Lobbyistenforum der Aipac in Washington als Politiker, der bereit wäre, das Land notfalls in eine militärische Auseinandersetzung mit der Hamas zu führen. Netanyahu, der auch Verteidigungsminister ist, verzichtete auf seinen Auftritt, um rasch zu Beratungen mit der Armee nach Israel zurückzukehren.

Noch vor seinem Eintreffen gab die Armee bekannt, dass zwei zusätzliche Brigaden – Infanterie und Panzer – mit tausend Soldaten an die Grenze zum Gazastreifen verlegt würden. Ausserdem wurden Reservisten über eine mögliche Mobilisierung informiert. Sie sollen vor allem beim Raketenabwehrsystem Iron Dome eingesetzt werden.

Erstellt: 26.03.2019, 07:18 Uhr

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