Reporterin lässt sich vom IS anwerben

«Kauf ein Billett nach Istanbul. Dort sage ich dir, was zu tun ist»: Eine Journalistin begibt sich auf eine Reise, die schon viele westliche Jihadistinnen vor ihr gemacht haben.

Gibt sich als heiratswillige Anhängerin des IS aus: eine französische Undercover-Reporterin.

Gibt sich als heiratswillige Anhängerin des IS aus: eine französische Undercover-Reporterin.

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Der sogenannte Islamische Staat ist stets auf Nachwuchssuche und wirbt junge westliche Menschen online an – auch Frauen und Mädchen. Propagandaseiten im Internet beschreiben den Krieg in Syrien als Erfüllung eines Traumes. IS-Kämpfer posieren auf Bildern vor Luxusvillen mit Pools, teuren Autos oder Geschäften. Gerade in Frankreich scheint diese Art der Rekrutierung erfolgreich zu sein: Unter den europäischen Jihadisten des IS bilden die Franzosen die grösste Gruppe. Eine französische Reporterin wollte wissen, wie eine Reise in den Jihad nach Syrien funktioniert und hat sich für eine Reportage des Senders N-TV als heiratswillige Anhängerin des IS ausgegeben.

3 Tage, 273 neue Freunde

Dazu nimmt die Journalistin auf Facebook eine gefälschte Identität an und gibt vor, die «Hijra», die Flucht in ein islamisches Land, machen zu wollen. Drei Tage nach Erstellung ihres Accounts hat sie bereits 273 neue Freunde, unter ihnen 70 Franzosen. Es sind vornehmlich Männer, die für den IS in den sogenannten heiligen Krieg nach Syrien oder den Irak ziehen wollen oder dies bereits getan haben. Die Reporterin gibt an, einen solchen Kämpfer heiraten zu wollen, und wird sofort kontaktiert. Schnell stellt sich heraus, dass der IS ein eigentliches Online-Rekrutierungssystem für das weibliche Geschlecht betreibt. Auf Facebook gibt es eine Gruppe, die gezielt Frauen für IS-Kämpfer sucht.

Online-Heirat: Ein Team rekrutiert für IS-Kämpfer zukünftige Ehefrauen. (Screenshot N-TV)

Alles wird arrangiert. Aufpasser kümmern sich gemäss Angaben um die Frauen, die zum IS gehen wollen. Der Betreiber der Gruppe fragt die Journalistin, ob sie Geld und einen Reisepass habe. Als sie dies bejaht, werden ihr folgende Anweisungen gegeben: «Kauf ein Billett nach Istanbul. Dort sage ich dir dann, was weiter zu tun ist.» Dieselben Instruktionen erhält die Undercover-Reporterin von einem ihrer neuen Facebook-Freunde, einem Mann, der bereits für den IS in Syrien kämpft und sie per Facebook fragt, ob sie heiraten möchte. Sie stimmt zu, informiert sich vor ihrem Abflug aber noch genauer über die Reise in den Jihad. Ihr zukünftiger Ehemann gibt Tipps, wie Anhänger anreisen können, ohne Verdacht zu erwecken.

Empfehlungen für die Reise: IS-Kämpfer erklären, wie man ungehindert nach Syrien kommt. (Screenshot N-TV)

Laut dem IS-Kämpfer sollen Jihadistinnen und Jihadisten beispielsweise so wenig Gepäck wie möglich mitnehmen. Frauen empfiehlt er, keinen Gesichtsschleier (Nikab), höchstens ein Kopftuch (Hidschab) zu tragen und sich sonst in türkischer Mode zu kleiden. Die Männer sollen sich ihren Bart abrasieren und sich wie Touristen geben.

Über die Türkei nach Syrien

Die Reporterin befolgt die Anweisungen ihres Anwerbers und bucht einen Flug von Paris nach Istanbul – ein Touristenziel, das ihre Spur verschleiern soll. Die Passkontrolle am Zoll der Flughafenpolizei dauert ganze acht Sekunden, keine Fragen, reine Formalität. Dabei ist längst bekannt, dass die Türkei von französischen Jihadisten als Transitland nach Syrien dient. Nach dreieinhalb Stunden ist die Journalistin in der türkischen Metropole. Die dortigen Zollbehörden machen ebenfalls keine Umstände.

Nur acht Sekunden: Dem Zoll fällt nichts Aussergewöhnliches auf. (Screenshot N-TV)

Direkt nach ihrer Ankunft in Istanbul reist sie weiter nach Gaziantep, eine türkische Stadt nur 40 Kilometer von der syrischen Grenze entfernt. Es ist eine Route wie sie schon viele Jihadisten vor ihr genommen haben. In Gaziantep, wo auf den ersten Blick alles friedlich ist, hat der IS bereits überall seine Augen und Ohren. Die Reporterin erfährt von einem anderen französischen Journalisten, der nur Tage zuvor knapp einer Entführung durch den IS entkommen ist.

Erst 15-jährig

Im Hotel schreibt sie ihrem zukünftigen Ehemann auf Facebook und erhält die Nummern zweier Männer, die sie über die Grenze bringen sollen. Im Telefongespräch erfährt sie, dass diese unverheiratete Frauen nicht allein treffen wollen. Deshalb wird für sie der Kontakt zu einer weiteren Jihad-Kandidatin hergestellt. «In einem Hotel in Gaziantep ist eine Schwester. Ihr geht zusammen nach Urfa», sagt der Mann am anderen Ende der Leitung. Die verdeckte Reporterin trifft sich mit ihr, muss aber mit Schrecken feststellen, dass sie erst 15 Jahre alt ist und mit dem Pass ihrer älteren Schwester aus Frankreich ausreiste.

Glaubt an einen Traum: Eine 15-jährige Französin auf dem Weg zum IS. (Screenshot N-TV)

Im Gespräch versucht die Journalistin, die Jihad-Kandidatin von ihrem Plan abzubringen, nach Syrien weiterzureisen. Sie erzählt ihr, dass dort Krieg herrsche und dass sie keine Wahl habe, wenn der Ehemann nicht ihren Vorstellungen entspreche. Aber die 15-Jährige hat ihren Entschluss längst gefasst. Sie glaubt an einen Traum, so wie sie es im Internet gesehen hat. Die Reporterin will sich noch einmal mit ihr treffen, zwei Stunden später. Als sie zum Hotel zurückkehrt, ist das Mädchen aber weg. Es hat den Bus von Gaziantep nach Urfa genommen und von dort weiter nach Akçakale, der letzten türkischen Stadt vor der Grenze. Dort nehmen die Anwerber des IS direkten Kontakt zu den neuen Rekrutinnen und Rekruten auf und schmuggeln sie über die Grenze nach Syrien. Die Undercover-Reporterin reist ebenfalls nach Akçakale. Für sie ist die Reise hier zu Ende. Ein Grenzübertritt wäre zu gefährlich. Später erfährt sie, dass sich die 15-jährige Jihadistin zusammen mit einer Gruppe von 300 anderen Franzosen dem IS angeschlossen hat und jetzt in Syrien ist. Für sie gibt es kein Zurück mehr.

Erstellt: 26.11.2015, 09:52 Uhr

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