Saudiarabien, die Quelle aller Probleme

Das Königreich gerät ins Kreuzfeuer der Kritik – zu Recht: Nichts radikalisiert mehr als Riads Version des Islam.

US-Präsident Barak Obama und der saudische König Salman bin Abdul Aziz al-Saud bei einem Treffen im Januar.

US-Präsident Barak Obama und der saudische König Salman bin Abdul Aziz al-Saud bei einem Treffen im Januar. Bild: Carolyn Kaster/Keystone

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König und Präsident taten freundlich, das gemeinsame Communiqué klang einträchtig. Sicherheit und Stabilität in der Region müssten aufrechterhalten werden, besonders aber gelte es, «Irans destabilisierenden Aktivitäten entgegenzutreten», erklärten Barack Obama und der saudische König Salman bei einem Besuch des Potentaten in Washington Anfang September.

Geflissentlich übersehen wurde dabei, dass der vermeintliche Verbündete in Riad selber zu einer destabilisierenden Kraft im Nahen Osten und darüber hinaus geworden ist: Die Saudis begehen sowohl im eigenen Land als auch bei ihrem Krieg im Jemen Menschenrechtsverletzungen in Serie, ihr wahhabitischer Brand des Islam bildet die ideologische Grundlage der Jihadisten des IS und der al-Qaida – und nach wie vor finanzieren saudische Spender nach Einschätzung von US-Geheimdiensten radikale islamistische Gruppen in Syrien und sonst wo.

Teil der Anti-IS-Koalition

Längst exportiert das Haus Saud nicht nur Erdöl in alle Welt, sondern auch eine von religiösem Fanatismus geprägte Ideologie. Nachdem der deutsche Geheimdienst BND die impulsive, weil zusehends interventionistische Aussenpolitik der Saudis bemängelt und Vizekanzler Sigmar Gabriel die saudische Unterstützung jihadistischer Gruppen beklagt hatte, versicherte die Botschaft des Königreichs in Berlin, man sei «wie Deutschland Teil der Anti-IS-Koalition».

Solche Beteuerungen aber stossen auf wachsenden Argwohn. «Der IS hat eine Mutter, die Intervention im Irak; aber er hat auch einen Vater, nämlich Saudiarabien und seinen religiös-industriellen Komplex», schrieb der algerische Journalist Kamel Daoud kürzlich in einem scharfen Meinungsbeitrag für die «New York Times». Schon am Urknall des militanten Islamismus waren die Saudis beteiligt: Zusammen mit Ronald Reagans CIA bewaffneten sie in den Achtzigerjahren die afghanischen Gotteskrieger beim Kampf gegen die sowjetische Marionettenregierung in Kabul und warben in der gesamten arabischen Welt Rekruten für den afghanischen Jihad an.

Nach dem Fall Kabuls zog die islamistische Kolonne dann weiter – unter anderem nach New York: 15 der 19 Massenmörder von 9/11 waren saudische Staatsbürger. Die wahhabitische Version des Islam, schrieb unlängst in der europäischen Ausgabe des Magazins «Politico» der Philosoph und Ökonom Nassim Nicholas Taleb, berühmt geworden durch sein Buch «Black Swan», sei «die Quelle aller Probleme». Dann schob Taleb ungewöhnlich scharf nach: Wer Gewalt beim Kampf gegen den jihadistischen Islam als unvermeidlich betrachte, solle diese Gewalt «gegen die saudischen und katarischen Financiers von Gewalt anwenden».

Folter und schlechte Behandlung

Befände sich der saudische Staat mit seinen extremen Menschenrechtsverletzungen im Orbit von Wladimir Putin, hätten Nationen wie die USA schon längst die diplomatischen Beziehungen gekappt. Denn wie eine Schauergeschichte aus den Annalen stalinistischer Menschenrechtsvergehen liest sich der jüngste Jahresreport der Menschenrechtsgruppe Human Rights Watch über Saudiarabien: «Festgenommene, darunter Kinder, werden systematischen Verletzungen von Rechten ausgesetzt, darunter sind willkürliche Festnahmen, Folter sowie schlechte Behandlung». Die Rechte von Frauen und Andersgläubigen werden ebenso mit Füssen getreten wie die freie Meinungsäusserung.

Nicht nur in Saudiarabien aber werden massive Menschenrechtsverletzungen begangen: Riads Krieg im Jemen ist zu einer humanitären Katastrophe ohne Rücksicht auf zivile Kollateralschäden geworden. Mehrmals bombardierten saudische Kampfjets in den vergangenen Wochen Krankenhäuser der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen, obschon die Hilfsgruppe nach eigenen Angaben den Saudis die Koordinaten der Hospitäler übermittelt hatte. Dass Riad beim Krieg gegen die schiitischen Huthi-Milizen im Nachbarland überdies zum Alliierten des brandgefährlichen jemenitischen Al-Qaida-Ablegers geworden ist, mag in Washington Anstoss erregen. Konsequenzen sind bislang jedoch nicht gezogen worden.

Der Westen, so Kamel Daoud in der «New York Times», führe Krieg gegen den Islamischen Staat, nicht aber gegen Saudiarabien – obschon Letzteres doch der bereits verwirklichte islamische Staat sei. Mit militärischen Einsätzen, wie sie derzeit von den republikanischen US-Präsidentschaftskandidaten mehr oder weniger lautstark gefordert werden, ist dem jihadistischen Problem nicht beizukommen: Der Terrorismus werde sich nach der Zerstörung des IS nicht verflüchtigen, da «radikalisierende Umgebungen» nicht einfach weggebombt werden könnten, mahnt der Nahostexperte Graham Fuller, ein ehemaliger hochrangiger CIA-Mitarbeiter.

Westliche Beziehungen mit Saudiarabien

Nichts aber radikalisiert mehr als die wahhabitische Version des Islam. Die bisherigen Beziehungen des Westens mit Saudiarabien sollten deshalb infrage gestellt werden. Und nicht nur müsste diskutiert werden, ob es den Saudis auch künftig erlaubt werden soll, wahhabitische Moscheen und Koranschulen im Ausland zu finanzieren. Wenn sich das Haus Saud oder private Spender aus Saudiarabien der direkten oder indirekten Unterstützung jihadistischer Gruppen und Organisationen, etwa in Syrien oder im Jemen, schuldig machen, muss dies Folgen haben – und nicht nur in Form einer deutlichen und unmissverständlichen Sprache.

Um noch einmal Kamel Daoud zu zitieren: «Das Leugnen des Westens ist bemerkenswert: Er begrüsst die saudische Theokratie als einen Alliierten, tut jedoch so, als bemerke er nicht, dass diese Theokratie der ideologische Hauptsponsor islamistischer Kultur ist.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.12.2015, 18:28 Uhr

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