Scharfschützen und Schläfer

Die irakische Armee stösst bei der Rückeroberung der IS-Hochburg Mosul auf harten Widerstand von Terroristen – und auf Tausende Flüchtlinge.

Ein Stammeskämpfer auf einem Aussenposten südlich von Mosul. Foto: Chris McGrat (Getty Images)

Ein Stammeskämpfer auf einem Aussenposten südlich von Mosul. Foto: Chris McGrat (Getty Images)

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Die Truppen der irakischen Regierung haben bei ihrer Offensive zur Befreiung von Mosul eine Pause eingelegt, wie der Sprecher des Militärs in Bagdad sagte. Dies solle den Einheiten erlauben, ihre Geländegewinne zu konsolidieren und bereits von der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) eingenommene Viertel am östlichen Rand der zweitgrössten Stadt auf Kämpfer zu durchsuchen sowie den weiteren Vormarsch vorzubereiten. Im Süden hat die Armee die Stadtgrenze noch nicht erreicht. Mit jedem Tag wird aber deutlicher, dass der IS versucht, Mosul mit allen Mitteln zu verteidigen.

Die Armee hat sieben Stadtbezirke als befreit gemeldet, kontrolliert aber nur zwei wirklich. In allen anderen Gebieten kommt es immer wieder zu schweren Gefechten. Kleine, sehr mobile Gruppen von IS-Kämpfern greifen mit Selbstmordautobombern, Scharfschützen und Mörsergranaten an und ziehen sich dann schnell wieder zurück. Teils starten sie ihre Attacken aus Tunnelsystemen, die sie in den zwei Jahren gegraben haben, in denen sie die Stadt beherrschten. Mehr als 70 solcher Tunnel seien bislang zerstört worden, sagte ein Sprecher des US-Militärs im Irak. Die Taktik der Jihadisten zielt darauf, die weniger beweglichen Armee-Einheiten in Kämpfen in den engen Strassen aufzureiben, ihnen immer wieder Verluste zuzufügen. Mosul ist zu gross, als dass es allein von den speziell ausgebildeten Anti­terroreinheiten der Goldenen Division befreit werden könnte.

Zugleich müssen die Soldaten Rücksicht auf Zivilisten nehmen, die aus Mosul fliehen. Laut der Hilfsorganisation Oxfam hat sich die Zahl der Flüchtenden binnen einer Woche von 875 auf mindestens 3362 Familien mehr als verdreifacht. Viele der Überlebenden seien schwer verletzt und traumatisiert. Sie berichteten von zahlreichen Toten und Verletzten in der umkämpften Stadt. Einige der Flüchtlingslager in der Umgebung seien bereits voll belegt. Sorge bereitet den Hilfsorganisationen auch der nahende Winter, der Kälte und Regen mit sich bringt, in den Bergregionen Kurdistans auch Schnee.

Für die Armee und andere Einheiten stellt sich zudem das Problem, wonach sich IS-Kämpfer unter die Flüchtenden mischen können, um dann die Truppen hinter den Linien anzugreifen. In Lagern in Kurdistan sind schon mehrmals solche Schläfer enttarnt worden. Menschenrechtsorganisationen erheben nun Vorwürfe, irakische Einheiten hätten Menschen gefoltert und getötet, die aus dem IS-Gebiet geflohen seien. Laut Amnesty International wurden bis zu sechs Leichen von Männern bei den Orten Qayyarah und al-Shura im Süden von Mosul gefunden. Nach Zeugenaussagen waren sie von Männern festgenommen worden, die Uniformen der paramilitärischen Bundespolizei trugen – aber auch zu anderen Gruppen bis hin zum IS selbst gehört haben könnten. Human Rights Watch berichtete, mindestens 37 IS-Verdächtige seien von kurdischen und irakischen Einheiten an Kontrollpunkten festgesetzt worden. In vielen Fällen wüssten die Familien nichts über den Verbleib ihrer Angehörigen. Die kurdische Regionalregierung in Arbil machte fehlende Ressourcen dafür verantwortlich und stellte klar, es gebe keine geheimen Gefängnisse. Die Zentralregierung in Bagdad teilte mit, ihre Truppen hielten sich an internationales Recht.

119 Zivilisten getötet

Die USA haben unterdessen die Zahl ­ziviler Opfer bei Luftschlägen gegen den IS deutlich nach oben korrigiert. Bei Untersuchungen von insgesamt 257 Angriffen, bei denen das US-Militär seit Sommer 2014 beschuldigt worden war, Zivilisten getötet zu haben, seien 31 Fälle als glaubhaft eingestuft worden. Nachprüfungen hätten ergeben, dass dabei nicht wie bislang angegeben 55, sondern bis zu 119 Zivilisten getötet worden seien, sagte Oberst John Thomas, der Sprecher des für den Irak zuständigen Territorialkommandos des US-Militärs.

Amnesty hatte der von den USA geführten Anti-IS-Koalition vorgeworfen, bei elf Luftangriffen in Syrien mehr als 300 Zivilisten getötet zu haben, viele davon beim Versuch, die Stadt Manbij zu befreien. Daraufhin hatte das US-Militär eine neue Untersuchung aller bekannten Vorfälle angeordnet.

Erstellt: 11.11.2016, 21:39 Uhr

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