Schlag gegen den Schattenmann

Die US-Armee hat in Syrien einen der gefährlichsten Terroristen getötet. Mohsen al-Fadhli versuchte, ausländische Kämpfer für Selbstmordattentate gegen Ziele im Westen zu rekrutieren.

Ganz in der Nähe starb al-Fadhli: IS-Kämpfer im Nordwesten Syriens an der Grenze zur Türkei.

Ganz in der Nähe starb al-Fadhli: IS-Kämpfer im Nordwesten Syriens an der Grenze zur Türkei. Bild: Yaser al-Khodor/Reuters

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Der Mann war eine Schattenfigur, aber längst kein Unbekannter. Mohsen al-Fadhli soll zu den wenigen Menschen gezählt haben, die der frühere Al-Qaida-Chef Osama Bin Laden in die Pläne für die Anschläge des 11. September 2001 einweihte. Die US-Geheimdienste verfolgten in den folgenden Jahren al-Fadhlis Weg in den Diensten des Terrornetzwerks. Mal hielt er sich in der Golf­region auf und versuchte, in seiner Heimat Kuwait Spenden für den Jihad einzuwerben. Mal versteckte er sich im Iran – laut den dortigen Behörden unter Hausarrest. Gekommen war er wohl über die Grenze von Afghanistan. Mitte des Jahres 2013 tauchte er dann in Syrien auf.

Als die Amerikaner im September dort ihren Luftkrieg gegen die Miliz Islamischer Staat (IS) begannen, schlugen westlich von Aleppo acht Marschflugkörper ein. Sie galten al-Fadhli und seinen Männern; die US-Dienste nannten sie Khorasan-Gruppe. Sie sei für die USA und den Westen mindestens genauso gefährlich wie die Terrormiliz Islamischer Staat, sagte Generalleutnant James R. Clapper, der Chef der 17 US-Geheimdienste, dem Kongress. Am 8. Juli nun soll der 34 Jahre alte al-Fadhli laut dem Pentagon bei einem Luftangriff einer Drohne nahe Sarmada im äussersten Nordwesten Syriens getötet worden sein.

Die Khorasan-Gruppe ist benannt nach einer historischen Bezeichnung für Zentralasien, die unter Jihadisten gebräuchlich ist. Sie soll aus 25 bis 100 erfahrenen Al-Qaida-Kadern bestehen. Sie gingen auf Befehl Aiman al-Zawahiris nach Syrien, des Nachfolgers Bin Ladens an der Spitze des Terrornetzwerks, der in Pakistans Stammesgebieten vermutet wird. Zwar schlossen sie sich der Nusra-Front an, dem Ableger al-Qaidas, der gegen Syriens Staatschef Bashar al-Assad kämpft. Doch ihr Ziel war nicht sein Sturz. Sie sahen in Nordsyrien ein neues, sicheres Rückzugsgebiet, um den Kampf gegen den «fernen Feind» zu planen, wie Bin Laden den Westen nannte.

Die Khorasan-Gruppe versucht, unter den vielen ausländischen Kämpfern Staatsangehörige westlicher Länder für Selbstmordattentate gegen Ziele im Westen zu rekrutieren. Sie können, sofern die Sicherheitsbehörden ihre Reise nach Syrien nicht bemerkt haben, mit ihren Pässen leichter an Bord von Flugzeugen in Europa oder mit Ziel in den USA gelangen. Zugleich soll die Gruppe in Kooperation mit Ibrahim al-Asiri, dem Chef-Bombenbauer des Al-Qaida-Ablegers im Jemen, an neuartigen Sprengkörpern gearbeitet haben, die von den herkömmlichen Scannern an den Flughäfen nicht erkannt werden.

Netzwerk nicht geschwächt

Asiri gilt als Mastermind hinter dem «Unterhosenbomber» Umar Farouk Abdulmutallab, der an Weihnachten 2009 versuchte, ein Flugzeug über Detroit zur Explosion zu bringen – mit Flüssigspreng­stoff, den er in seiner Unterwäsche an Bord geschmuggelt hatte. Auch soll Asiri die Kartuschen von Laserdruckern präpariert haben, mit denen die al-Qaida im Oktober 2010 versuchte, zwei Frachtflugzeuge auf dem Weg in die USA in der Luft zur Explosion zu bringen. Aus Sorge vor Anschlägen mit solchen neuartigen Bomben sind seit vergangenem Sommer ungeladene Mobiltelefone und Laptops bei USA-Flügen verboten.

Der Tod al-Fadhlis gilt Terrorexperten in den USA zwar als schwerer Schlag gegen die Führungsstruktur der al-Qaida. Dass damit die Bedrohung durch die Khorasan-Gruppe gebannt wäre, ist dennoch unwahrscheinlich. Zwar soll al-Fadhli 2002 am Anschlag auf den französischen Tanker MV Limbourg im Golf von Aden beteiligt gewesen sein und auch an einer Attacke auf eine US-Militäreinheit auf der kuwaitischen Insel Failaka. Doch ist nicht klar, ob er zuletzt als Militärkommandant direkt Einfluss auf Operationen hatte oder sich seine Rolle eher auf die eines Predigers beschränkte.

Zudem hat sich die lose Netzwerkstruktur der al-Qaida als widerstandsfähig gegen die von den USA angewandte Taktik der gezielten Tötungen von Kadern erwiesen – die völkerrechtlich zweifelhaft ist und von Menschenrechtlern kritisiert wird. Im Jemen wurde die al-Qaida so zwar in den Untergrund gezwungen. Mit Ausbruch des Bürgerkriegs aber fand sie schnell zu alter Stärke zurück. Im Irak verschwanden mit der al-Qaida verbundene Gruppen von der Bildfläche, um Jahre später als IS mit grösserer Durchschlagskraft zurückzukehren.

Der Anführer der inzwischen auch in Syrien aktiven Terrormiliz, Abu Bakr al-Baghdadi, passt laut «New York Times» inzwischen deren Führungsstruktur so an, dass der Kampf nahtlos weitergehen würde, sollten er oder andere Anführer getötet werden. Er habe Kompetenzen auf Mitglieder des Schura-Rates delegiert, einer Art Kabinett des IS, wie irakische und amerikanische Geheimdienstler unter Berufung auf Unterlagen der Miliz sagten, die ein US-Kommando kürzlich in Syrien sicherstellte.

Im Irak hielten sich lange Gerüchte, Baghdadi sei im März bei einem Luftangriff verletzt worden und habe die Tagesgeschäfte an seine Stellvertreter übergeben. Er soll aber auch auf die US-Drohnenangriffe reagiert haben. Regionalen Kommandanten würden zwar Leitlinien vorgegeben, bei Operationen hätten sie aber grosse Freiheiten. Damit solle sichergestellt werden, dass nur wenige Kader die Organisationsstruktur kennen. Das soll das Risiko verringern, sollten regionale Befehlshaber in Haft geraten.

Erstellt: 22.07.2015, 19:44 Uhr

Mohsen al-Fadhli

Chef der Khorasan-Terrorgruppe

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