«Schlimmste Mittelmeerkatastrophe des Jahres»

Vor der libyschen Küste werden nach dem Untergang eines Flüchtlingsbootes mehr als 110 Menschen vermisst.

In Seenot: Flüchtlinge in einem überfüllten Boot im Mittelmeer. (AP/Keystone/Patrick Bar/Symbolbild)

In Seenot: Flüchtlinge in einem überfüllten Boot im Mittelmeer. (AP/Keystone/Patrick Bar/Symbolbild)

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Vor der Küste Libyens hat sich möglicherweise die bislang schwerste Flüchtlingstragödie dieses Jahres abgespielt: Nach dem Untergang eines Flüchtlingsbootes werden nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) mehr als 110 Menschen vermisst. 145 Insassen des Boots seien von der libyschen Küstenwache gerettet worden, sagte IOM-Sprecherin Safa Msehli am Donnerstag. Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen ging allerdings von mehr als 250 Vermissten aus.

IOM und Küstenwache machten unterschiedliche Angaben. Dem Sprecher der Küstenwache, General Ajub Kacem, zufolge wurden nach dem Kentern des Holzbootes 134 Insassen gerettet, eine Leiche sei geborgen worden; 115 weitere Menschen würden vermisst. Nach Angaben von Überlebenden der Tragödie waren demnach insgesamt rund 250 Menschen an Bord des Holzbootes, als es rund neun Kilometer vor Choms sank. Unter den Insassen seien Kinder gewesen.

Die geretteten Migranten seien in die libysche Hafenstadt Choms 120 Kilometer östlich von Tripolis zurückgebracht worden, sagte IOM-Sprecherin Msehli. Es handelte sich laut Kacem mehrheitlich um Eritreer, aber auch Sudanesen und Palästinenser.

Eine ganze Familie verschwunden

Die in der Seenotrettung aktive Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) gab an, ihr Team in Libyen habe 135 gerettete Insassen medizinisch betreut. Nach Angaben von Überlebenden seien am Mittwochabend drei hintereinander vertaute Boote mit insgesamt rund 400 Flüchtlingen aufgebrochen. Die Zahl der Vermissten würde sich demnach auf gut 260 belaufen.

«Offensichtlich sind noch Menschen im Meer», sagte der in Tunis ansässige MSF-Einsatzleiter für Libyen, Julien Raickman, der Nachrichtenagentur AFP. Die Überlebenden befänden sich in einem extremen Schockzustand. Ein Überlebender etwa habe mit ansehen müssen, «wie eine ganze Familie verschwindet».

Laut Raickman suchte die libysche Küstenwache am Donnerstagabend noch nach den Vermissten. Die Überlebenden seien aber nicht von der Küstenwache, sondern von Fischern gerettet worden. Der MSF-Vertreter kritisierte «die mangelnde internationale unabhängige und objektive Präsenz» in den Ländern, aus denen die Flüchtlinge sich auf den Weg nach Europa machten.

UNO-Flüchtlingskommissar Filippo Grandi schrieb beim Kurzbotschaftendienst Twitter, dass gerade die «schlimmste Mittelmeertragödie dieses Jahres» ihren Lauf nehme. Er forderte eine «Wiederaufnahme der Seenotrettung», ein Ende der «Inhaftierung von Flüchtlingen und Migranten in Libyen» und sichere Fluchtrouten aus Libyen. Es sei höchste Zeit, damit nicht noch mehr verzweifelte Menschen ums Leben kämen.

Libyen ist eine zentrale Drehscheibe

Vor dem Unglück vom Donnerstag hatten IOM und das UNO-Flüchtlingshilfswerk UNHCR mitgeteilt, dass seit Jahresbeginn mindestens 426 Flüchtlinge beim Versuch, das Mittelmeer zu überwinden, ums Leben gekommen seien. Erst Anfang Juli ertranken 68 Migranten, als ihr Boot vor Tunesien unterging. Raickman sagte zu den Zahlen von IOM und UNHCR, die Opferbilanz berücksichtige nicht die Flüchtlingsboote, auf denen niemand überlebte.

Libyen ist eine zentrale Drehscheibe für Flüchtlinge und Migranten, die über das Mittelmeer nach Europa gelangen wollen. In dem nordafrikanischen Land herrscht jedoch Bürgerkrieg, weite Teile des Landes werden von Milizen kontrolliert. Dennoch unterstützt die EU die libysche Küstenwache, um die Zahl der auf ihrem Gebiet ankommenden Flüchtlinge zu verringern.

In der EU ist der Umgang mit den Bootsflüchtlingen heftig umstritten. Bei Beratungen der europäischen Aussen- sowie der Innenminister in Paris gab es am Montag erneut keine Einigung auf einen Verteilmechanismus für die Flüchtlinge. (fal/afp)

Erstellt: 25.07.2019, 22:18 Uhr

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