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«Sie haben nichts im Dorf am Leben gelassen»

UNO-Beobachter haben erstmals den Schauplatz des jüngsten Massakers in Syrien besucht. Sie berichten von schrecklichen Bildern. In Damaskus und Homs kam es zu den heftigsten Gefechten seit Beginn des Aufstands.

Untersuchen immer neue Berichte über Gräueltaten: Robert Mood, Leiter der UN-Mission (Mitte), mit weiteren Beobachtern bei einem Besuch in Damaskus. (10. Mai 2012)
Untersuchen immer neue Berichte über Gräueltaten: Robert Mood, Leiter der UN-Mission (Mitte), mit weiteren Beobachtern bei einem Besuch in Damaskus. (10. Mai 2012)
AFP

Bei ihrem Besuch am Ort des jüngsten Massakers in Syrien haben die Beobachter der Vereinten Nationen ein Bild der Schreckens vorgefunden. In dem Dorf Al-Kubeir, wo syrische Regierungstruppen und Milizen nach Oppositionsangaben am Mittwoch dutzende Menschen getötet haben sollen, hätten sie blutige Hauswände gesehen und «einen starken Geruch von verbranntem Fleisch» wahrgenommen, teilte die UNO am späten Freitag in New York mit. Über die tatsächliche Zahl der Opfer könnten noch keine Angaben gemacht werden.

Die UN-Beobachter hatten am Freitag zunächst das nahe Dorf Maasaraf in der zentralsyrischen Provinz Hama, den zweiten Schauplatz des Massakers vom Mittwoch, besucht, bevor sie sich nach Al-Kubeir begaben. Am Donnerstag war die Mission unter anderem durch Beschuss daran gehindert worden, zu den Ortschaften vorzustossen.

Einschüsse von Raketen und grosskalibrigen Waffen

In dem Dorf kamen nach Angaben von Aktivisten 78 Menschen ums Leben, darunter Frauen und Kinder. Regierungsgegner machten Milizionäre der Shabiha verantwortlich, die der Regierung nahesteht. Die amtliche Nachrichtenagentur SANA berichtete dagegen, bewaffnete Terroristen hätten neun Frauen und Kinder getötet, bevor die Sicherheitskräfte eingegriffen und die Angreifer erschossen hätten.

Bei der Ankunft der mehr als 20 Beobachter in Al-Kubeir war das Dorf nach UN-Angaben verlassen. An manchen Stellen hätten in der Ortschaft noch Feuer gebrannt. Ausserdem seien an Häusern Einschüsse von Raketen und grosskalibrigen Waffen gefunden worden, teilte die UNO mit. Erst vor gut zwei Wochen waren in der Stadt Hula bei einem Massaker mindestens 108 Menschen getötet worden.

Erneuter Beschuss von Homs

Das Blutvergiessen in Syrien geht währenddessen weiter. Mindestens 20 Menschen seien am frühen Samstagmorgen beim Beschuss der südsyrischen Stadt Daraa getötet worden, berichtete der US-Fernsehsender CNN unter Berufung auf Oppositionelle. Dutzende seien verletzt worden. Frauen und Kinder seien unter den Opfern der Gefechte zwischen Regierungstruppen und Rebellen. Ein Aktivist sagte dem britischen Fernsehsender BBC am Samstagmorgen, die Kämpfe dauerten an.

Auch in der Hauptstadt Damaskus habe es in der Nacht Explosionen gegeben, berichtete die in Grossbritannien ansässige Syrische Beobachterstelle für Menschenrechte, die sich auf ein Netz von Beobachtern in Syrien stützt. Zuvor hätten sich Rebellen und Sicherheitskräfte in der Stadt schwere Gefechte geliefert. Die Hauptstrasse von Damaskus nach Daraa sei durch brennende Autoreifen blockiert.

Insgesamt seien am Freitag im gesamten Land 44 Zivilisten getötet worden, die Hälfte in der Provinz Homs und in Damaskus, erklärte die Beobachterstelle. In den Provinzen Idlib, Damaskus, Deir al-Sor, Homs und Daraa seien auch 25 Soldaten ums Leben gekommen.

Journalist klagt syrische Rebellen an

Der Syrien-Sondergesandte Kofi Annan traf am Freitag mit US-Aussenministerin Hillary Clinton zusammen, um Wege zu besprechen, wie sein Sechs-Punkte-Plan für einen Frieden in Syrien doch noch umgesetzt werden kann. Zuvor hatte er vor der UNO-Vollversammlung erklärt: «Wir dürfen nicht zulassen, dass Massentötungen Teil des täglichen Lebens in Syrien werden.»

Ein britischer Journalist erhob unterdessen schwere Vorwürfe gegen die syrischen Rebellen: Die Regierungsgegner hätten ihn in der Nähe der libanesischen Grenze in eine Falle gelockt, damit er von syrischen Regierungstruppen erschossen würde, erklärte der Chefkorrespondent von Channel 4 News, Alex Thomson, in seinem Blog. «Tote Journalisten sind nicht gut für Damaskus», schrieb er.

Zu dem Zwischenfall kam es nach Angaben von Thomson am Montag in der syrischen Stadt Kusair, etwa eine halbe Stunde Fahrt von Homs entfernt. Er, sein Fahrer, ein Dolmetscher und zwei weitere Journalisten wollten hinter die Regierungslinien zurückkehren, als die Rebellen sie in eine Sackgasse geführt hätten. Ein Schuss sei gefallen. Dies sei kein Versehen gewesen, erklärte Thomson. «Ich bin sicher, dass die Rebellen das bewusst arrangiert haben, damit wir von der syrischen Armee erschossen werden», schrieb er. Dem Wagen gelang die Flucht. Thomson hat Syrien inzwischen verlassen.

sda/AFP/kpn/fko

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