Sie kämpfen, um nicht kämpfen zu müssen

Der Protest gegen die Militärdienstpflicht treibt in Jerusalem derzeit ultra-orthodoxe Juden auf die Strasse. Das führt zu denkwürdigen Szenen.

Die Gewaltbereitschaft steigt: Israelischer Polizist wird von ultra-orthodoxen Juden attackiert.

Die Gewaltbereitschaft steigt: Israelischer Polizist wird von ultra-orthodoxen Juden attackiert. Bild: Keystone

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Es ist ein Konflikt, der schon lange schwelt: orthodoxe Juden in Israel, die sich dagegen wehren, Militärdienst zu leisten. In den letzten Tagen hat der Protest jedoch ein bedenkliches Ausmass angenommen, ist zusehends gewalttätiger geworden. Vor allem in Jerusalem, wo die meisten streng-orthodoxen Juden leben, spielten sich denkwürdige Szenen ab: Junge orthodoxe Männer im Kampf gegen Fussballfans, Polizisten oder Verkehrsteilnehmer – solche, die sich ob der Strassenblockaden der Protestierenden nerven.

Ein Vorfall zog bisher am meisten Aufmerksamkeit auf sich. Dies wohl deshalb, weil er eine Besonderheit Israels zum Ausdruck bringt: Frauen sind verpflichtet, Militärdienst zu leisten, während gewisse Männer – orthodoxe Juden – bis anhin davon befreit waren. So stand sie da. Eine einzelne Frau in Kampfmontur, umringt von 50 schwarz-weiss gekleideten Männern. Die Stimmung ist aufgeheizt, immer schubsen die Männer die Frau. Diese hält die Angreifer auf Distanz, mit Kampfsport.

Israelische Soldatin hält orthodoxe Juden mit Kampfbewegungen auf Distanz. (Quelle: Youtube / The Jewish Songs)

«Sie haben mich angegriffen, deshalb habe ich mich verteidigt», sagte die Frau, die Nomi Golan heisst, nach dem Vorfall zu einer hebräischen Regionalzeitung. Sie habe die Aufgabe gehabt, ein Auto durch eine Gruppe protestierender ultra-orthodoxer Juden zu lotsen. Stattdessen stellten sich die jungen Männer in den Weg. Sie pöbelten die Frau an, beschimpften und bespuckten sie. Die ausgebildete Kämpferin wehrte sich so gut es ging: «Egal ob Soldatin, Zivilist, eine junge oder alte Frau – ich hätte es in jeder anderen Situation genauso gemacht.»

Wer verweigert, kommt in Haft

Es ist vielleicht der prominenteste, aber nicht der einzige Vorfall der vergangenen Tage und Wochen. Im September hatte das oberste Gericht beschlossen, dass die Wehrpflicht für sämtliche Frauen und Männer Israels gelten soll. Anfang Oktober eskalierte die Situation in der Heiligen Stadt und anderen Orten Israels. Zwei Talmudstudenten wurden damals zu 20 Tagen Militärgefängnis verurteilt. Dies, weil sie nicht zur militärischen Aushebung erschienen. Mittlerweile kam es in ähnlichen Fällen zu weiteren Verhaftungen. Mit jeder Verhaftung steigt auch die Gewaltbereitschaft der Protestierenden.

Bis anhin waren die jungen Männer von der Wehrpflicht befreit. Die Ausnahmeregelung existiert seit der Staatsgründung Israels, also seit 1948. Die orthodoxen Juden waren damals eine kleine Minderheit. Viele hatten den Holocaust nicht überlebt. Statt sich der Landesverteidigung zu widmen, sollten sie sich in den religiösen Schulen in den Talmud vertiefen können. Beten statt schiessen. Staatsgründer David Ben-Gurion kam den jungen Männern damals entgegen und befreite sie vom Dienst an der Waffe.

Die orthodoxe Gemeinde ist inzwischen angewachsen. Waren es damals mehrere Hundert, sind es jetzt Zehntausende junge Männer geworden. Längst nicht alle sind so begabt, dass sie sich dem Talmudstudium widmen könnten. Doch viele nutzten bis anhin genau diese Lücke im Gesetz.

Kommt dazu, dass der militärische Alltag ein Leben nach streng religiösen Regeln erschwert, wenn nicht verunmöglicht. So ist der Alltag der streng-orthodoxen Juden durch zahlreiche Verpflichtungen und Einschränkungen geprägt. Unter anderem: Essen nach streng koscheren Vorschriften, häufige Betzeiten oder die strikte Ruheverordnung am Sabbat. Streng-orthodoxe Juden sind der Meinung, dass sie mit dem Talmudstudium bereits einen Dienst am Volk erweisen. Das befreie sie von der Dienstpflicht. (mrs)

Erstellt: 31.10.2017, 15:17 Uhr

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