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Sklavenarbeit für den Fisch auf den Tellern Europas

Vor der Küste Westafrikas fangen Zwangsarbeiter Fisch für Europa. Eine Umweltorganisation spricht von massiven Menschenrechtsverletzungen.

Die Arbeiter sind teilweise monatelang weit draussen auf dem Meer, ohne Kontakt zur Aussenwelt: Ein Ausschnitt aus einem Film zum Thema von der Umweltorganisation EJF.
Die Arbeiter sind teilweise monatelang weit draussen auf dem Meer, ohne Kontakt zur Aussenwelt: Ein Ausschnitt aus einem Film zum Thema von der Umweltorganisation EJF.

Die Umweltorganisation Environmental Justice Foundation (EJF) wollte ursprünglich Beweise über die illegale Fischerei vor Westafrika finden. Was sie entdeckt hatte, war etwas anderes. Die moderne Form der Sklaverei: Zwangsarbeit und Menschenrechtsverletzungen.

Ein Aktivist bei EJF war von dem, was er gesehen hatte, schockiert. «Die Männer arbeiteten ohne Belüftung bei Temperaturen bis zu 45 Grad im Fischfrachtraum. Es war rostig, glitschig, heiss und feucht», sagte Duncan Copeland. Überall seien Kakerlaken rumgelaufen. Um sich zu waschen, hätten die Arbeiter nur etwas Salzwasser zur Verfügung gehabt, so Copeland. «Es brach mir das Herz.»

Schlafquartiere nur ein Meter hoch

Fotos und Filme von EJF zeigen Schlafzellen, die weniger als ein Meter hoch sind. Fenster haben die Kojen nicht, schlafen müssen die Männer auf Karton. Weil der Schlafraum knapp ist, benutzen die Arbeiter die Schlafkoje im Akkord. Vier Männer schlafen, gehen anschliessend zur Arbeit und machen damit in der Koje Platz für die nächsten vier. Diese haben bis eben den Fisch sortiert und für den europäischen Markt abgepackt.

Die 36 Crew-Mitglieder auf dem Schiff, das Copeland kontrollierte, kamen aus China, Vietnam, Indonesien und Sierra Leone. Ein Crew-Mitglied aus Sierra Leone erzählte, sie würden nicht mit Geld bezahlt, sondern mit sogenanntem «schlechtem» Fisch, also dem Beifang, der auf dem europäischen Markt nicht verkauft werden kann. Diesen Fisch erhalten die Männer, um ihn auf einem westafrikanischen Markt selbst zu verkaufen. Wenn sich jemand beklage, werde er vom Kapitän am nächsten Strand ausgesetzt.

18 Stunden arbeiten

Die Bedingungen seien nicht gut, sagte ein Arbeiter auf einem anderen unter südkoreanischer Flagge laufenden Schiff den Ermittlern. «Es ist so schwierig, Arbeit zu finden, dass wir damit leben müssen. Wenn dir jemand 200 Dollar anbietet, um deine Familie zu unterstützen, ist es nicht genug, aber wir müssen damit klarkommen.»

Dafür müssen die Männer viel leisten und auf praktisch alles verzichten. Zahlreiche Fischdampfer verbringen mehrere Monate weit draussen auf dem Meer. Ab und zu kommen Boote vorbei, um den Fischfang abzuholen und neue Essensreserven zu bringen. Die Schiffscrew ist eingesperrt, die meisten können nicht schwimmen. Zahlreiche Crew-Mitglieder haben dadurch schon ein Jahr lang keine Nachrichten mehr im Radio gehört oder einen Arzt besucht.

Lizenz für Import nach Europa

Die Bedingungen der Arbeiter entsprechen so klar der Uno-Definition von Zwangsarbeit. Da viele Schiffe in abgelegenen Gewässern fischen, können sie Ermittlungen lange verhindern. Aber nicht immer.

Zahlreiche der Fischdampfer, die von der Umweltorganisation EJF kontrolliert wurden, verfügen über eine Importlizenz für die EU. Sie fangen hochwertigen Fisch wie Shrimps, Hummer und Thunfisch – alles, was den heiklen Europäern nicht mundet, wird wieder über Bord geworfen. So seien auf einem Fischkutter schon über 70 Prozent des Fangs über Bord geworfen worden.

Herkunft für Konsumenten schwierig festzustellen

Für Konsumenten bleibt es indes schwierig, abzuschätzen, ob der Fisch auf dem Teller aus einem illegalen Fang vor der Küste Westafrikas stammt, für den viele Menschen unter so schlimmen Bedingungen arbeiten. Laut EU-Regeln ist es verboten, Fisch aus illegalen Fängen in Mitgliedstaaten abzusetzen. Jeder Staat trägt dafür aber selbst die Verantwortung. Das heisst, wenn ein Schiff unter spanischer Flagge reist, muss Spanien den Fischfang als legal zertifizieren und steht dafür ein, dass der Fisch auch legal gefangen wurde und die Arbeits- und Hygienestandards eingehalten werden. Aktivisten sehen die Probleme aber vor allem darin, dass verschiedene Länder nicht gegen Fischdampfer vorgehen, die illegale Tätigkeiten bewerkstelligen und unter der Flagge des Landes segeln.

Auf Fischmärkten in London fand die Organisation EFJ bei Kontrollen im Jahr 2006 und 2007 westafrikanische Fischfänge auf Fischmärkten in London. Sie entdeckten auch gefrorenen Fisch mit dem Logo der chinesischen Firma, die viele der illegalen Fischdampfer betreibt, die EJF beobachtet hatte. Im Süden Europas ist die Gefahr sogar noch grösser, dass unter illegalen Umständen gefischte Meerestiere auf dem Teller landen.

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