So ein Sturm trifft Moçambique besonders hart

Trotz grosser Gas- und Kohlevorkommen ist das Land eines der ärmsten der Welt. Auf Katastrophen wie Wirbelsturm Idai ist es nicht vorbereitet.

Eine Folge des Klimawandels: Ein von der Flut abgeschnittenes Haus bei Beira in Moçambique. Foto: Themba Hadebe (AP)

Eine Folge des Klimawandels: Ein von der Flut abgeschnittenes Haus bei Beira in Moçambique. Foto: Themba Hadebe (AP)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Vergangenes Jahr war es eine Dürre, die Moçambique mürbe machte. Nun sind es die Überschwemmungen, die der Wirbelsturm Idai brachte und die eine Fläche fast so gross wie das Tessin unter sich begruben. Das Land ist nun auf Hilfe aus dem Ausland angewiesen. Trotz grosser Gas- und Kohlevorkommen ist Moçambique eines der ärmsten Länder der Welt.

Ein Cocktail aus politischen, wirtschaftlichen und sozialen Problemen ist der Grund, weshalb Moçambique trotz seines Ressourcenreichtums eines der am schlechtesten entwickelten Länder ist. Das sagt der Moçambique-Kenner und Politologe Aslak Jangard Orre. Der Grossteil der Bevölkerung lebt in ländlichen Gebieten mit schlechter Infrastruktur und betreibt Landwirtschaft nur für den eigenen Bedarf. Die Ernteausfälle können diese Menschen nun ihre Existenz kosten.

Praktisch bankrott

Ein armer Staat sei grundsätzlich anfälliger für Naturkatastrophen als westliche Industriestaaten, sagt Orre. Die Regierung habe sich zudem für eine Entwicklungsstrategie entschieden, die sich auf Megaprojekte, etwa im Kohleabbau, konzentriere. Von den Direktinvestitionen aus dem Ausland sei bei der breiten Bevölkerung kaum etwas angekommen, stattdessen habe sich eine kleine Gruppe bereichert.

Seit der Unabhängigkeit von Portugal 1975 ist Moçambique ein Einparteienstaat, in dem führende Mitglieder der Regierungspartei Frelimo die politische und wirtschaftliche Elite bilden. Die aus einer Befreiungsbewegung hervorgegangene Partei gewann seit der Staatsgründung jede Wahl. Sie profitiert davon, dass es keine echte Gewaltenteilung gibt und die demokratischen Institutionen schwach sind.

2016 war Moçambique praktisch bankrott: Die Regierung hatte geheime Kredite von mehr als zwei Milliarden Dollar an Unternehmen in Moçambique autorisiert. Die Darlehen waren nur möglich, weil Regierungsbeamte rechtswidrige Garantien unterzeichnet hatten, die sicherstellten, dass der Staat im Fall eines Konkurses die volle Verantwortung übernimmt. Daraufhin stoppten viele Länder ihre Unterstützung für Moçambique. Die grassierende Korruption hat auch nach der Flutkatastrophe im Ausland Zweifel hervorgerufen, ob der Staat in der Lage sei, die Hilfszahlungen fair zu verteilen.

Reiche Staaten tragen Verantwortung

Seit zwei Jahren terrorisieren zudem bewaffnete Islamisten im Norden die Bevölkerung. Genau dort, wo Erdgas entdeckt wurde und Offshoreprojekte die Hoffnung auf Wohlstand weckten, verübte die Gruppe al-Shabaab – die keine formellen Verbindungen zu der gleichnamigen Terrorgruppe in Somalia hat – immer wieder Anschläge. «Die Regierung versucht, sie zu bekämpfen, hat dabei allerdings keinen Erfolg», sagt Orre.

Zum Terrorismus kommen soziale Probleme, verursacht durch ein unzureichendes Bildungs- und Gesundheitssystem, und hohe Jugendarbeitslosigkeit. Konflikte und wirtschaftliche Fehlentwicklungen bedingen sich gegenseitig und führten Moçambique schliesslich in die Situation, in der es kaum auf die starken Überschwemmungen vorbereitet war. Allerdings kann die schwache Regierung allein kaum dafür verantwortlich gemacht werden. Der Zyklon ist eine Folge des Klimawandels und ging weit über das Ausmass früherer Naturkatastrophen hinaus, sagt Orre: «Die Verantwortung dafür tragen nicht die armen, sondern die reichen Staaten.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.04.2019, 20:24 Uhr

Artikel zum Thema

Ohne heroische Reporter

Kommentar Erst jetzt nimmt die Welt die Katastrophe in Moçambique wahr, obwohl sie vorhersehbar war. Mehr...

Wirbelsturm tötet über 100 Menschen im Süden Afrikas

Zahlreiche Tote und Vermisste, eine zerstörte Infrastruktur und grosse Schäden: Zyklon Idai hinterlässt in Moçambique, Malawi und Zimbabwe ein Chaos. Mehr...

«Eine der schlimmsten Katastrophen der Südhalbkugel»

Tagelang wütete der Zyklon Idai im Süden Afrikas. Diese Videos, Bilder und Grafiken zeigen das ganze Ausmass der Zerstörung. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Ganz in weiss: Josephine Skriver posiert vor der Vorführung des Films «Roubaix, une lumière» in Vannes auf dem roten Teppich. (22. Mai 2019)
(Bild: Stephane Mahe) Mehr...