Trump verzichtet vorerst auf militärische Vergeltung

Beim Raketenangriff auf zwei Militärbasen im Irak habe es keine Todesopfer gegeben. Der US-Präsident kündigte neue Sanktionen gegen den Iran an.

Ansprache in Washington: Trump äussert sich zum Raketenangriff. (Video: Tamedia)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Nach dem iranischen Vergeltungsangriff auf US-Soldaten im Irak blieb US-Präsident Donald Trump zuerst erstaunlich ruhig, nachdem er Teheran zuvor für diesen Fall heftigst gedroht hatte. «Alles ist gut!», twitterte er nach den Attacken auf zwei vom US-Militär genutzte Stützpunkte (hier geht's zum News-Ticker).

Die auf 17 Uhr MEZ angesagte Pressekonferenz begann mit 30 Minuten Verspätung. Donald Trump bestätigte gleich zu Beginn, dass es beim Raketenangriff auf zwei US-Militärbasen im Irak weder amerikanische noch irakische Opfer gegeben habe. Aus Regierungskreisen in den USA und Europa verlautete zuvor übereinstimmend, dass der Iran bei seinen Angriffen auf Militärstützpunkte im Irak bewusst Opfer innerhalb des US-Militärs vermieden haben könnte. «Es scheint so, als ob sich der Iran zurückhält», sagte Trump vor den versammelten Medienschaffenden.

In der mit Spannung erwarteten Reaktion verzichtete Trump auf eine Ankündigung militärischer Vergeltung. Die USA hätten zwar ein grossartiges Militär, das bedeute aber nicht, dass man es auch einsetzen wolle, sagte er. Seine kurze Ansprache im Weissen Haus liess sich als Botschaft der Deeskalation in dem Konflikt verstehen.

Trump kündigte gleichwohl weitere Sanktionen gegen Iran an. Diese würden hart ausfallen und solange aufrechterhalten, bis die Regierung in Teheran ihr Verhalten ändere. Er bekräftigte, Iran müsse alle nuklearen Ambitionen aufgeben. «Solange ich Präsident der Vereinigten Staaten bin, wird es Iran nicht gestattet werden, nukleare Waffen zu haben.»

Iran spricht von «Ohrfeige»

Irans geistliches Oberhaupt Ayatollah Ali Khamenei hatte zuvor in seiner Reaktion deutlich gemacht, dass die eigentliche «Rache» des Iran für die Tötung Soleimanis noch bevorstehe.

Mit den Raketenangriffen «wurde den Amerikanern eine Ohrfeige gegeben», sagte Khamenei in einer im Fernsehen übertragenen Rede. Das «Thema Rache» für den Tod Soleimanis sei jedoch «eine andere Sache». «Militärische Aktionen dieser Art sind nicht ausreichend» dafür, sagte er.

Die iranischen Revolutionsgarden teilten mit, bei der «Operation Märtyrer Soleimani» sei der mit 35 Raketen attackierte Luftwaffenstützpunkt Ain al-Assad «vollständig zerstört» worden. Der Angriff mit ballistischen Boden-Boden-Raketen auf die «von den Amerikanern besetzte» Basis sei «in jeder Hinsicht ein voller Erfolg» gewesen.

Die Aufnahmen sollen die vom Iran auf US-Ziele im Irak abgefeuerten Raketen zeigen. Video: AP

«Massnahmen zur Selbstverteidigung»

Im Irak sind auf mehren Stützpunkten rund 5000 US-Soldaten stationiert, die das internationale Militärbündnis gegen die Terrormiliz IS anführen. «Diese Stützpunkte sind wegen Hinweisen auf geplante Angriffe des iranischen Regimes auf unsere Truppen und Interessen in der Region in hoher Alarmbereitschaft gewesen», hiess es aus dem US-Verteidigungsministerium.

Die erste offizielle Stellungnahme der iranischen Regierung nach den Angriffen kam von Aussenminister Mohammed Dschawad Sarif. «Wir streben nicht nach einer Eskalation oder Krieg, aber wir werden uns gegen jede Aggression verteidigen», schrieb er auf Twitter. Der Iran habe «verhältnismässige Massnahmen zur Selbstverteidigung ergriffen und abgeschlossen».

Sarif bezog sich dabei auf Artikel 51 der UN-Charta – dieser beschreibt das Recht auf Selbstverteidigung im Falle eines bewaffneten Angriffs auf ein Mitgliedsland der Vereinten Nationen.

Zwar hatten vom Iran unterstützte schiitische Milizen die US-Stützpunkte im Irak zuletzt häufiger mit technisch einfacheren Raketen angegriffen. Ein direkter Angriff aus dem Iran markiert jedoch eine neue Eskalationsstufe im Konflikt mit den USA.

Abzug von US-Truppen gefordert

Die Revolutionsgarden warnten direkt nach den Attacken den «grossen Satan» USA vor Gegenangriffen. Jede US-Reaktion werde mit einer härteren Reaktion erwidert, teilte die Eliteeinheit der iranischen Streitkräfte in einer Presseerklärung mit. Ausserdem sollten die Verbündeten der USA wissen, dass auch ihre den Amerikanern zur Verfügung gestellten Stützpunkte Ziel iranischer Angriffe werden könnten, falls von dort aus Angriffe auf den Iran erfolgen sollten, hiess es in der Erklärung weiter. Die USA sollten ihre Truppen abziehen, damit deren Leben nicht gefährdet werde.

Den in Erbil stationierten deutschen Bundeswehr-Kräften ist einem Sprecher zufolge nichts passiert. «Den Soldaten geht es gut», sagte ein Sprecher des Einsatzführungskommandos in Potsdam der Deutschen Presse-Agentur. Zu den weiteren Folgen der Raketenangriffe konnte der Bundeswehrsprecher keine Angaben machen. Im Zentral-Irak sind nach dem jüngsten Abzug keine deutschen Soldaten mehr stationiert. Im nordirakischen Kurdengebiet sind noch mehr als 100 deutsche Soldaten im Einsatz. Sie haben ihre Sicherheitsmassnahmen verschärft.

Beim Angriff auf den Militärstützpunkt al-Asad seien auch keine dänischen Soldaten verletzt oder getötet worden, teilte die dänische Armee mit, die 130 Soldaten dort stationiert hat. Das norwegische Militär erklärte, es gebe unter seinen Soldaten in al-Asad weder Verletzte noch Tote.

US-Reaktionen auf Angriffe

Der einflussreiche US-Senator und Trump-Verbündete Lindsey Graham sprach direkt nach dem Angriff von einem «kriegerischen Akt» des Irans. Die demokratische Sprecherin des Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, warnte vor einer kriegerischen Eskalation: «Amerika und die Welt können sich keinen Krieg leisten», mahnte die ranghöchste Trump-Kritikerin in der Kongresskammer.

In Sorge um die US-Truppen aber auch mit Zurückhaltung meldete sich der frühere Vizepräsident und Präsidentschaftsbewerber Joe Biden. Auf Twitter sagte er, dass er abwarten werde, die Angriffe zu kommentieren. Seine Frau und er würden für die US-Truppen beten.

Und die Präsidentschaftskandidatin Elizabeth Warren schrieb, dass die Angriffe eine Erinnerung daran seien, die Lage im Nahen Osten zu deeskalieren und beendete ihren Tweet mit den Worten «Das amerikanische Volk will keinen Krieg mit dem Iran.»

«Amerikaner im Irak unter Beschuss», twitterte Präsidentschaftskandidat Pete Buttigieg. Auch er bete für die Soldaten und deren Familien.

Börsen reagieren

Kurz nach den iranischen Raketenangriffen hatte die amerikanische Luftverkehrsaufsicht FAA US-Flugzeugen die Nutzung des Luftraums über dem Persischen Golf, dem Golf vom Oman, dem Irak und dem Iran untersagt. Die Behörde begründete ihre Anweisung für in den USA registrierte Flugzeuge mit «erhöhten militärischen Aktivitäten und steigenden politischen Spannungen». Es gebe ein erhöhtes Risiko, dass ein Flugobjekt falsch identifiziert werde.

Die dramatisch zunehmenden Spannungen zwischen den USA und Iran machen auch Börsianern Sorgen. Nach der militärischen Eskalation in der Nacht - und möglicherweise auch infolge des Flugzeugabsturzes - reagierte die asiatische Leitbörse in Tokio mit Verlusten. Die Kurse waren aber nur kurzzeitig belastet. Die Märkte gingen davon aus, dass die Sache damit erledigt sei, sagte Ulas Akincilar, Chef-Händler des Online-Brokers Infinox. Die Kriegsgefahr sei zwar nicht gebannt, die rasche Kurserholung deute aber darauf hin, dass der allgemeine Optimismus der Anleger ungebrochen sei. Sie sähen Rücksetzer vor allem als Chance zum Einstieg.

General Qassim Soleimani war in der Nacht zum Freitag von US-Drohnen in der irakischen Hauptstadt Bagdad getötet worden. Washington erklärte danach, der Chef der Al-Quds-Brigaden habe Angriffe auf US-Bürger geplant. Soleimani war der wichtigste Vertreter des iranischen Militärs im Ausland. Er galt als Architekt der iranischen Militärstrategie in den Nachbarländern. Im Iran wird er nun als Märtyrer verehrt. (anf/nag/step/reuters/sda)

Erstellt: 08.01.2020, 18:34 Uhr

Artikel zum Thema

Angriff des Iran könnte die Lage beruhigt haben

Kommentar Der US-Präsident deutet an, den Raketenbeschuss von US-Zielen nicht mit militärischen Aktionen zu kontern. Damit wäre die Kriegsgefahr vorerst gebannt. Mehr...

Trump warnt Khamenei auf Twitter

Irans geistliches Oberhaupt Ayatollah Ali Khamenei bezeichnete Trump als einen «Clown». Der US-Präsident hat nun reagiert. Die News im Ticker. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Kunst-Blumen: Zum Valentinstag schenkt Banksy der Stadt Bristol eine neues Werk. Das Blumen werfende Mädchen schmückt eine Wand im Stadtteil Barton Hill. (14. Februar 2020)
(Bild: Finnbarr Webster) Mehr...