So zog sich die Schlinge um die Rebellen zu

Vor gut einem Jahr hatten die syrischen Aufständischen grosse Teile von Aleppo unter Kontrolle – dann kamen die Russen.

Gefahr von oben: Ein Aufständischer in Ost-Aleppo befürchtet einen weiteren Luftangriff.

Gefahr von oben: Ein Aufständischer in Ost-Aleppo befürchtet einen weiteren Luftangriff. Bild: Abdalrhman Ismail/Reuters

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Seit fünf Jahren kämpfen Rebellen und das Regime von Präsident Bashar al-Assad nun schon um die Vorherrschaft Aleppos. In den ersten Monaten nach Ausbruch der Antiregierungsproteste in Syrien im März 2011 blieb die damalige Wirtschaftsmetropole noch vom Krieg verschont. 2012 aber änderte sich das: Rebellen übernahmen in ländlichen Gebieten nordwestlich von Aleppo die Kontrolle, belagerten den Luftwaffenstützpunkt Menagh und die Städte Nubl und Zahra. Und im Juli, als Regierungstruppen erstmals Demonstranten in Aleppo selbst erschossen, fingen sie an, um die Stadt zu kämpfen.

Ärmere Viertel im Osten fielen schnell in die Hände der Aufständischen. 2013 konnten diese zudem die Hauptstrasse sperren, die von Süden her nach Aleppo führt. Die Regierungstruppen waren gezwungen, ihren Nachschub aus der Hauptstadt Damaskus über eine längere Alternativroute zu transportieren. Als die Rebellen zwischenzeitlich noch die Alternativroute abschnitten, fiel auch der westliche Teil Aleppos beinahe unter ihre Kontrolle. Doch das Regime konnte diesen behaupten.

Beide Seiten festigten 2014 ihre Positionen in der Stadt: Die Rebellen kontrollierten den Osten, die Regierungstruppen den Westen. Im Lauf des Jahres 2015 geriet das Regime jedoch immer stärker unter Druck, nachdem die Rebellen grosse Gebietsgewinne im ganzen Nordwesten Syriens, also im Gebiet rund um Aleppo, verzeichneten.

30. September 2015: Der Tag, an dem Russland seine Intervention ankündigt. (Quelle: liveuamap.com)

Russland sah sich als Verbündeter Bashar al-Assads gezwungen einzugreifen. Mitte August 2015 begann es mit dem Aufbau einer Basis in Latakia, welche es den Luftstreitkräften ermöglichen sollte, die Regierungstruppen zu unterstützen. Am 30. September 2015 schliesslich startete offiziell die russische Intervention – es war der Wendepunkt im Kampf um Aleppo.

«Ohne Moskaus Bomberflotte hätte Assad seinen Krieg längst verloren.»Tomas Avenarius, Korrespondent «Tages-Anzeiger»

Unter dem Schutz russischer Luftangriffe konnten die Regierungstruppen und ihre Verbündeten in kurzer Zeit verschiedene Rebellengruppen aus Gegenden nördlich von Aleppo vertreiben. Im Februar 2016 schnitten sie die direkteste Strasse von Norden nach Ost-Aleppo ab und damit auch den Nachschub der Rebellenkämpfer in der Stadt.

Ein Versuch des Regimes, den Gegner einzukreisen, scheiterte zunächst. Am 8. September 2016 aber wurde Ost-Aleppo nach heftigen Luftangriffen und dem Vorrücken von Regierungstruppen vom Rest des Rebellengebiets getrennt.

8. September 2016: Ost-Aleppo ist eingekreist. Das von den kurdischen Volksverteidigungseinheiten YPG kontrollierte Stadtviertel (gelb) grenzt noch an Rebellengebiet.

Knapp ein Jahr war da seit Beginn der russischen Militärintervention in Syrien vergangen, und das Regime wollte die Gunst der Stunde nutzen. Am 22. September kündigte die Assad-Regierung eine neue Offensive an: Ost-Aleppo wurde wochenlang aus der Luft bombardiert, viele Spitäler und andere zivile Infrastruktureinrichtungen fielen den Bomben zum Opfer.

Die Rebellen gerieten immer mehr in Rücklage. Ein Angebot des Regimes und Russlands, das Gebiet während der Waffenpause am 18. Oktober zu verlassen, schlugen sie aber aus. Ende des Monats starteten sie sogar noch einmal eine erfolglose Gegenoffensive – es sollte die letzte sein.

29. Oktober 2016: Das Rebellengebiet innerhalb der Stadt hat sich im Süden und vor allem im Norden verkleinert.

Ende November nahmen die Regierungstruppen in einem unerwarteten Vorstoss den nördlichen Teil des Rebellensektors ein und reduzierten diesen um mehr als ein Drittel. Von da an ging es plötzlich schnell. Am 5. Und 6. Dezember brachte das Regime weitere Quartiere und die mittlerweile zerstörte historische Altstadt Aleppos unter seine Kontrolle.

1. Dezember 2016: Das Rebellengebiet ist um ein weiteres Drittel kleiner.

In den vergangenen Tagen konnten die Regierungstruppen ihren Vormarsch fortsetzen. Stand heute haben sie die einstige Hochburg der Rebellen so gut wie eingenommen. Am Dienstagabend verkündeten Aufständische und Russland eine Feuerpause in Aleppo.

14. Dezember 2016: Die Rebellen sind in einem kleinen Gebiet gefangen.

Die Waffenruhe wurde inzwischen aber bereits wieder gebrochen. Noch immer fliegen Flugzeuge über die Stadt und lassen Bomben fallen. Der verbliebene Rest der Rebellen ist in einer kleinen Enklave gefangen.

*mit Material von Reuters

Erstellt: 14.12.2016, 19:00 Uhr

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