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Tage des Zorns

In Jerusalem und im Westjordanland protestieren nach den Freitagsgebeten Tausende gegen die Nahostpolitik von US-Präsident Trump. Im Gazastreifen stirbt der erste Demonstrant.

Das israelische Parlament hat am Dienstag ein Gesetzesvorhaben gebilligt, das die Übergabe von Teilen Jerusalems an die Palästinenser erschwert. Die Vorlage bedeutet einen weiteren Dämpfer für die Hoffnung auf eine Zwei-Staaten-Lösung. (Archivbild)
Das israelische Parlament hat am Dienstag ein Gesetzesvorhaben gebilligt, das die Übergabe von Teilen Jerusalems an die Palästinenser erschwert. Die Vorlage bedeutet einen weiteren Dämpfer für die Hoffnung auf eine Zwei-Staaten-Lösung. (Archivbild)
Oded Balilty/AP, Keystone
Ausgearbeitet wurde die Gesetzesvorlage von einer Abgeordneten der nationalreligiösen Siedlerpartei Jüdisches Heim. Das Gesetz schreibt vor, dass für jegliche Abgabe von Land, das Israel als Teil von Jerusalem ansieht, eine Zwei-Drittel-Mehrheit im Parlament zustimmen muss. (Archivbild)
Ausgearbeitet wurde die Gesetzesvorlage von einer Abgeordneten der nationalreligiösen Siedlerpartei Jüdisches Heim. Das Gesetz schreibt vor, dass für jegliche Abgabe von Land, das Israel als Teil von Jerusalem ansieht, eine Zwei-Drittel-Mehrheit im Parlament zustimmen muss. (Archivbild)
Abir Sultan/EPA, Keystone
Palästinenserpräsident Abbas sagt, es werde keinen Palästinenserstaat ohne Ost-Jerusalem als Hauptstadt geben: Muslimische Touristen besuchen Jerusalem. (Archivbild)
Palästinenserpräsident Abbas sagt, es werde keinen Palästinenserstaat ohne Ost-Jerusalem als Hauptstadt geben: Muslimische Touristen besuchen Jerusalem. (Archivbild)
Jim Hollander, Keystone
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Ahmed Khan Aslan erzählt gerade von den 67 Büchern, die er in seinem Leben geschrieben hat. Das erste habe von Indien gehandelt, das letzte von Pakistan, dazwischen habe er sich mit dem Zusammenhang zwischen Zivilisation und Traditionen beschäftigt. Da prasseln plötzlich Steine nieder, eine kleine Wasserflasche prallt direkt neben dem 77-Jährigen auf. Er zieht den Kopf ein und versucht in Richtung Damaskustor zu gelangen, so schnell er auf den Stock gestützt gehen kann.

Von dort verfolgt der in einen schwarzen Mantel gehüllte Mann mit dem Palästinensertuch und dem weissen Bart das Geschehen weiter. Er sucht Schutz hinter einem Dutzend israelischer Soldaten, die in Kampfmontur Aufstellung genommen haben vor dem Tor, das in die Altstadt von Jerusalem führt – ins Herz jener Stadt also, deren arabische Bevölkerung in Aufruhr ist, seit US-Präsident Donald Trump ihren Wohnort zur Hauptstadt Israels erklärte. «Das ist nicht gut, das ist gar nicht gut», murmelt der ehemalige Lehrer mit Blick auf das, was sich vor ihm abspielt. «Aber was sollten sie denn tun? Man hat ihnen die Hoffnung und die Zukunft genommen.»

Nur rasch weg

Es sind vor allem Jugendliche, die hier die Konfrontation mit den israelischen Soldaten suchen. Immer wieder kommt es zu Handgreiflichkeiten, Männer werden abgeführt. Ein Mann wird am Kopf verletzt, er blutet. Männer des Roten Halbmondes versorgen die Wunde und bringen ihn auf einer orangen Bahre weg. Frauen, davon viele mit Kopftuch, fangen zu schreien an, wenn sich Soldaten nähern. Sie versuchen, die Uniformierten wegzuschubsen, die ihre Waffe im Anschlag haben. Ein Israeli mit schwarzer Uniform versucht zu vermitteln und mit Handgesten zu beruhigen. Immer wieder erschallen Rufe wie «Jerusalem wird immer eine arabische Stadt sein», «Die USA werden dafür bezahlen» und «Gott ist gross». Auch Ahmed Khan Aslan schreit mit.

Die Sprechchöre erheben sich zu einem Geschrei, das über den Platz hallt, als Palästinenser den israelischen Soldaten davonlaufen. Es sind an die hundert, die nach dem Freitagsgebet in der Nähe des Damaskustors geblieben sind. Die meisten wollten aber nur rasch weg, in der Hoffnung, nicht in die Aus­einandersetzungen hineingezogen zu werden. Viele wollen nicht gefragt werden, nur einige bleiben stehen und wiederholen fast wortgleich: «Jerusalem ist unsere Hauptstadt.» Andere sind extra hierhergekommen, sogar aus den USA. Aus Wyoming kommt Osama Zeitawi. Er ist eigentlich als Tourist hier, aber die Rede des US-Präsidenten am Mittwoch hat ihn wütend gemacht. So ist er zum Damaskustor geeilt, um allen, die es wissen wollen, zu sagen: «Nicht ganz Amerika steht hinter dieser Entscheidung.»

Video: Der Nahost-Konflikt spitzt sich wieder zu

Trumps Entscheid zur Verlegung der US-Botschaft nach Jerusalem hat neue Ausschreitungen provoziert. (Video: Reuters)

Auch Ahmad Tibi nutzt die Bühne: «Die US-Entscheidung ist der ultimative Schlag ins Gesicht der Palästinenser, nicht der ultimative Deal», sagt der arabische Knesset-Abgeordnete mit Bezug auf die von Trump angepeilten Friedensverhandlungen. In die Altstadt geht am frühen Nachmittag kaum mehr jemand. Bis zum Mittag haben auch orthodoxe Juden dieses Tor benutzt, das grösste zur Altstadt. Es führt sowohl ins muslimische als auch ins christliche Viertel. Man muss mehr als dreissig Stufen hinuntersteigen, ehe man durch die Öffnung gehen und den kürzesten Weg zur Klagemauer, zur Al-Aqsa-Moschee und zum Felsendom nehmen kann. Wer vor dem Tor steht und durch eine Spalte in der Mauer schaut, sieht, wie sich die Sonne auf der goldenen Kuppel spiegelt.

Diese Lage nützen viele Steinewerfer aus, weil sie von dort aus auf die Soldaten zielen und dann rasch weglaufen können. So verlagert sich am Nachmittag die Jagd zwischen Palästinensern und Soldaten auf die umliegenden Strassen. Berittene Polizei verfolgt die Gruppen von Jugendlichen.

Mit scharfer Munition

Im Westjordanland gehen die israelischen Streitkräfte mit Gummigeschossen, aber auch scharfer Munition vor. Die Palästinenser verzeichnen vier Tote und rund 80 Verletzte durch israelische Militär-Interventionen. Bei einem Raketenangriff der israelischen Armee seien heute im Gazastreifen zwei Hamas-Kämpfer getötet worden, teilten die dortigen Behörden mit. Am Freitag, als tausende Palästinenser gegen Trumps Entscheidung zur Anerkennung Jerusalems als israelische Hauptstadt protestierten, hatten die Palästinenserbehörden bereits zwei Tote gemeldet.

Auch Ahmed Khan Aslan will weiterkämpfen, aber auf seine Weise – mit Büchern und Schriften. Sein Zimmer in der Sheikh-Raihan-Strasse gleich hinter dem Damaskustor ist fast bis an die Decke mit Papier und Zetteln gefüllt. Er muss einen Sessel erst freiräumen, auf dem Manuskripte liegen. Geboren wurde er in Nablus, aber seit zwölf Jahren lebt er hier in der Altstadt, wo auch sein berühmter Grossvater begraben ist. Der sei ein Scheich gewesen, fünf Orte seien nach ihm benannt und hundert Strassen, behauptet der alte Mann und zeigt auf das gerahmte Porträt. Was er in seinem Leben noch erreichen möchte? «Dass Jerusalem die Hauptstadt des Islam wird.» Also nicht nur jene der Palästinenser? «Nein, das reicht nicht.» Denn Jerusalem, sagt Ahmed Khan Aslan, sei viel wichtiger als Mekka und Medina. «Aber das haben noch nicht alle Araber erkannt. Sonst würden sie uns Palästinensern mehr helfen.»

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