Teherans Kehrtwende ist kein Zufall

Ausgerechnet die Revolutionsgarden haben Iraner, exzellente Studenten und Forscher auf dem Weg nach Kanada getötet.

Der Abschuss von Flug PS 752: Ein Überblick über die Ereignisse. Video: Tamedia

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Es war kein Zufall, dass der Iran am frühen Samstagmorgen zugab, was Militär und höchstwahrscheinlich auch die iranische Führung schon kurz nach dem Absturz von Flug PS 752 am Mittwochmorgen wussten: Dass die iranische Flugabwehr das Passagierflugzeug von Ukraine International Airways abschoss, nachdem es den Flughafen von Teheran verlassen hatte.

Schon öffentlich sprach die Kette von Indizien – Fotos und Videos, die mutige Iraner aufnahmen und öffentlich machten – am Freitagabend eindeutig für einen Abschuss von Flug PS 752. Dazu kamen das Material der amerikanischen Spionagesatelliten und Informationen der Geheimdienste in den USA, Kanada und England einschliesslich abgefangener iranischer Funksprüche oder E-Mails über den Abschuss.

Die Amerikaner hatten zumindest einen Teil dieses Materials am Freitag dem ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenski übergeben.

Und last but not least stellte sich am Freitag heraus, dass sowohl Flugschreiber wie Cockpitrecorder entgegen ersten Behauptungen der Iraner unversehrt waren und nun in Frankreich ausgewertet werden sollen: Spätestens in diesem Moment hätte sich zweifelsfrei herausgestellt, dass der Iran konsequent gelogen hatte.

Genugtuung und Desaster

Für die Ukrainer bedeutet die Wahrheit über den Abschuss bittere Genugtuung: Immerhin hat sich erwiesen, dass nicht, wie oft zuvor in der Ukraine, eigene Schlamperei oder Unfähigkeit Schuld waren, dass 176 Menschen ihr Leben verloren, sondern desaströse Unfähigkeit des iranischen Militärs. Auch Präsident Selenski hat in den vergangenen Tagen mit reifem Auftreten an Statur gewonnen.

Für die iranische Führung ist die Wahrheit ein Desaster. Ihre ohnehin geringe Glaubwürdigkeit schrumpft weiter; Entschädigungen für die Toten werden Teheran teuer zu stehen kommen. Gefährlicher für das unpopuläre Regime sind die innenpolitischen Konsequenzen: Die nationale Einheit nach dem Tod von General Soleimani dürfte damit tiefe Risse bekommen, die Fehler des Regimes wieder in den Vordergrund treten.

Ausgerechnet die Revolutionsgarden

Nur wenige Monate ist es her, dass Iraner auf die Strassen gingen, um gegen ihre Führung zu protestieren – mindestens 600 Iraner wurden bei der Unterdrückung der Proteste von den ihrem Namen Hohn sprechenden Sicherheitskräften getötet. Jetzt töteten ausgerechnet die Revolutionsgarden, die selbst ernannte Elite des Landes, etliche ihrer Besten, Schönsten, Klügsten: Die grosse Mehrheit der 176 toten Passagiere waren in Kanada lebende Iraner oder exzellente Studenten oder Forscher auf dem Weg zu Studium oder Doktorarbeit in Kanada.

Der Iran wählt am 21. Februar ein neues Parlament: Es wäre zu hoffen, dass das Desaster des Flugzeugabschusses zumindest dazu dient, dass nach dem Tod von General Soleimani in die Defensive getriebene iranische Reformer wieder leichten Aufwind spüren.

Unter den 176 toten Passagieren waren exzellente Studenten und Forscher. Bei der Absturzstelle nahe Teheran werden Leichen geborgen. Bild: Ebrahim Noroozi/AP

Der zumindest nicht zu den Hardlinern zählende iranische Präsident Hassan Rohani entschuldigte sich in einer Erklärung für den «desaströsen Fehler» und fuhr fort: «Dieser schmerzhafte Unfall ist nicht etwas, was einfach übersehen werden kann. Wir brauchen weitere Untersuchungen, um alle Gründe und Wurzeln dieser Tragödie zu identifizieren und die Täter dieses unverzeihlichen Fehlers vor Gericht zu stellen.»

Der iranische Generalstaatsanwalt Mohammad Montazari und Justizchef Ebrahim Raisi befahlen der iranischen Militärstaatsanwalt eine umfassende Strafermittlung. Ob diese freilich tatsächlich alle Verantwortlichen benennt, ist fraglich.

Wer informierte wen und wann?

Schliesslich müsste nicht nur festgestellt werden, wer das Abfeuern der Raketen auf welcher Ebene gebilligt hat, sondern auch, wer wann die iranische Führung einschliesslich des Obersten Führers des Iran, Ayatollah Ali Khamenei, über den Abschuss informiert hat.

Wenn auch im Iran die Logik militärischen Gehorsams gilt, dürfte der Oberkommandierende Khamenei Minuten, höchstens Stunden nach dem tödlichen Absturz die Wahrheit gekannt und entschieden haben, sowohl die Welt als auch die Iraner zu belügen. Bis die Wahrheit nicht mehr zu unterdrücken war.

Erstellt: 11.01.2020, 11:53 Uhr

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