Terroristische Verlockung

Sexsklaverei ist eine Weise, wie der IS mit Frauen umgeht. Doch es gibt auch eine andere. Es geht um die Existenz des Kalifats.

Eckpfeiler des Terrors: Frauen verleihen dem Islamischen Staat Stabilität, nur wenige kämpfen wie diese Jihadistinnen in der Al-Khanssaa-Brigade.

Eckpfeiler des Terrors: Frauen verleihen dem Islamischen Staat Stabilität, nur wenige kämpfen wie diese Jihadistinnen in der Al-Khanssaa-Brigade. Bild: www.syriadeeply.org

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Das Verhältnis des Islamischen Staates (IS) zu Frauen ist zwiespältig – gelinde gesagt. Auf der einen Seite ist es brutal und menschenverachtend, auf der anderen pragmatisch und geprägt von Kalkül.

Die Milizionäre der jihadistischen Terrorgruppe missbrauchen Frauen und Mädchen, vergewaltigen sie und handeln sie wie Vieh auf Märkten. Gemäss «New York Times» werden vor allem «ungläubige» Frauen wie Jesidinnen aus dem Irak zu Opfern der Gewalt. Die Sexsklaverei ist im System des IS verankert. Die Milizionäre wollen im Koran eine Rechtfertigung für die Brutalität entdeckt haben (wir berichteten).

Sklavenmarkt: IS-Schergen handeln mit Frauen. (Quelle: Youtube/«New York Times»; Oktober 2014)

Doch die andere Seite des Verhältnisses zwischen dem IS und Frauen ist der komplette Gegensatz, wie die Islamforscherin und Sicherheitspolitologin Katherine Brown vom King's College London in einem Beitrag für die BBC schreibt. Der IS brauche Frauen, weil sie «der Eckpfeiler des neuen Staates sind». Das Kalifat benötige Einwohner, die der «utopischen Politik» des IS folgen.

Männer allein reichen für eine Staatsgründung nicht aus. Und das hat nicht nur mit der Fortpflanzung zu tun, sagt auch Aimen Dean. Das ehemalige Mitglied von al-Qaida indoktrinierte Rekruten und lief anschliessend zum britischen Geheimdienst über (wir berichteten). Dean sagt zur BBC: «Im Gegensatz zu al-Qaida versucht der IS, eine in seinem Territorium verwurzelte Gesellschaft zu etablieren.» Das Vorhaben scheint besonders schwierig, liegt die Lebenserwartung eines Jihadisten im Krieg, wie der Terrorexperte schätzt, tatsächlich bei «einem oder zwei Monaten».

Überläufer: Aimen Dean spionierte für den britischen Geheimdienst. (Foto: Screenshot, BBC Hard Talk)

Durch den Tod eines Kämpfers setze bei dessen Ehefrau eine Trauerphase von vier Monaten und zehn Tagen ein. Wenn sie schwanger ist, trauert sie länger. Danach heiratet sie wieder. Der Zyklus beginnt von vorn. «Das ist kein glückliches Leben, sondern ein miserables», urteilt Dean. Und der Zyklus geht an die Substanz einer jeden Gesellschaft.

Also versucht der IS, ganze Familien zu rekrutieren, um sein Territorium zu bevölkern. Nicht nur Paare mit Kindern aus Europa oder Amerika, was in den Medien für grosses Aufsehen sorgt, sondern vor allem aus Zentralasien.

Frauen stützen den IS, verleihen ihm Stabilität. Nur selten ziehen sie in den bewaffneten Kampf wie die Eliteeinheit al-Khanssaa. Die meisten werden früh verheiratet, wie der britische Thinktank Quilliam Foundation in der Übersetzung einer IS-Propagandaschrift schreibt: «Es wird als legitim betrachtet, wenn ein Mädchen mit neun Jahren verheiratet wird. Die meisten reinen Mädchen sollten bis 16 oder 17 verheiratet sein, solange sie jung und aktiv sind.» Männer seien nicht älter als 20 Jahre in diesen «glorreichen Generationen», heisst es in der IS-Schrift.

«Bleibt in euren Häusern»

Anders als im «fehlgeschlagenen Modell des Westens» sollen Frauen im Islamischen Staat verschleiert sein und zu Hause bleiben. In der IS-Schrift steht dazu: «Ja, sagen wir: ‹Bleibt in euren Häusern.› Aber das heisst in keinem Fall, dass wir Analphabetismus, Rückschritt oder Ignoranz unterstützen.»

Aussagen wie diese überzeugen laut Katherine Brown vor allem junge muslimische Frauen, die sich von der Gesellschaft und Politik im Westen marginalisiert fühlen. Die Politologin hat soziale Medien analysiert und festgestellt, dass viele Frauen das Leben im IS, unter dem Gesetz der Scharia, als romantisch ansehen. Sie ziehen nach Syrien oder in den Irak, um zu heiraten – aus persönlichen und politischen Motiven. Die Terrormiliz schlachtet dieses romantische Verlangen, diese Identitätskrise aus. Der IS spannt Frauen in seinen Propagandaapparat ein, um weitere Frauen anzulocken – als Eckpfeiler für sein Kalifat.

Erstellt: 20.08.2015, 13:14 Uhr

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