Timbuktu tanzt wieder

Lange Zeit war die Stadt in Mali ein Zentrum der islamischen Kultur. Dann kamen die Jihadisten. Heute fassen die Menschen wieder Lebensmut, trotz Terrorgefahr.

Beim «Festival du Vivre Ensemble» treten Musiker, Schriftsteller und Politaktivisten aus ganz Mali auf, das Publikum geht begeistert mit. Foto: Jonathan Fischer

Beim «Festival du Vivre Ensemble» treten Musiker, Schriftsteller und Politaktivisten aus ganz Mali auf, das Publikum geht begeistert mit. Foto: Jonathan Fischer

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Das Fussballstadion von Timbuktu ist ein Ort der Hoffnung. Hinter einer Lehmmauer leuchtet es grellgrün: der einzige Kunstrasenplatz weit und breit, ein bunter Fleck inmitten einer in weissgelbem Sand schwimmenden Stadt. Daneben stehen dreireihige Tribünen – genug für die Fussballspiele, die örtliche Mannschaften hier austragen. Heute aber soll das Stadion richtig voll werden. Eine grosse Bühne mit Lichtmasten steht hinter dem Fussballtor. Techniker verlegen Kabel. «Festival du Vivre Ensemble» verkündet ein Banner.

Es ist das dritte Jahr, in dem das Festival für ein paar Tage Musiker, Schriftsteller, Politaktivisten aus ganz Mali eingeladen hat: «Timbuktu muss endlich aufhören, sich wie ein Gefängnis anzufühlen», erklärt Mohamed Ag Al Moctar, ein Tuareg, der früher als einer von rund 70 englischsprachigen Tourguides arbeitete. «Die Stadt soll wieder leben.» Lokale Handwerker haben auf dem Gelände bereits ihre Waren ausgebreitet: silberne Tuareg-Kreuze, Lederbörsen und Kalligrafien. «Ich bin glücklich», sagt einer von ihnen. «Endlich kommen wieder Besucher.»

2012 hatten Tuareg-Separatisten und die Gruppe al-Qaida im islamischen Maghreb (AQIM) Timbuktu besetzt. Die Jihadisten erliessen drakonische Gesetze: Frauen durften nur noch verschleiert ausser Haus, Männer nur noch mit langen Hosen Fussball spielen. Wer Parfum trug, wurde ausgepeitscht. Bevor sie ein Jahr später vor einer französischen Militärintervention flohen, machten sich die «Gotteskrieger» daran, das jahrtausendealte Kulturerbe der Stadt zu zerstören: Die berühmten Heiligengräber wurden mit Hacken und Schaufeln eingerissen, Tausende Manuskripte aus den berühmten Bibliotheken der Stadt verbrannt. Besonders aber hatten sie es auf die Musiker abgesehen, erklärt El Hadj Djitteye: «Sie verbaten uns, weltliche Musik zu hören. Das war kein Zufall – denn Musik ist unser Lebenssaft.»

«Radikale Prediger aus dem Ausland werben um unsere arbeitslosen Jugendlichen. Die Regierung tut nichts für sie.»El Hadj Djitteye, Journalist und Bürgerrechtsaktivist

Djitteye ist Blogger, Journalist und Bürgerrechtsaktivist. Der 32-Jährige hat während der Zeit der Besatzung heimlich für internationale Nachrichtenagenturen aus seiner Heimatstadt berichtet: «Musiker wurden bedroht und flohen, ihre Instrumente wurden verbrannt. Eines Tages kamen die Jihadisten mit Reissäcken und plünderten das Archiv der örtlichen Radiostation.» Inzwischen hat sich der Krieg verlagert, in die Wüste, deren Dünen am Stadtrand anfangen und die ein paar Tausend Meilen nach Norden bis Algerien und Libyen reichen. Timbuktu sei immer noch gelegentlich Ziel von Anschlägen der Jihadisten und habe sich von der Krise noch lange nicht erholt, sagt Djitteye: «Radikale Prediger aus dem Ausland werben um unsere arbeitslosen Jugendlichen. Die Regierung in Bamako tut nichts für sie. Und wer will schon in einer Stadt leben, die wieder das Ende der Welt darstellt?»

Fotos erinnern an bessere Zeiten

Wegen seiner Lage zwischen der Sahara und dem nördlichsten Punkt des Nigerbogens war Timbuktu einst ein bedeutender Umschlagplatz für Salz und Gold, aber auch schwer zugänglich. Timbuktu steht sprichwörtlich für: sehr weit weg. Heute ist die Stadt leichter zu erreichen, doch Salz und Gold gibt es nicht mehr, die Besucher aus Bamako decken sich mit H-Milch ein. In der Auberge du Desert, dem einzigen noch intakten Hotel der Stadt, erinnern Fotos an bessere Zeiten: François Mitterrand, Ban Ki-moon oder Rockmusiker wie Robert Plant stiegen hier ab. Heute stehen vor dem Eingang ein paar Männer in traditionellen Jellabas zusammen, Zigaretten im Mundwinkel, den Blick auf ihre Smartphone-Displays. Ab und zu hört man einen dieser nasalen Tuareg-Gesänge. Ein Klingelton. Dann kehrt wieder Stille ein.

«Die Schönheit tritt erst im Augenblick des Verlusts hervor», sagt der alte Schriftsteller.

Schwer vorzustellen, dass hier im Mittelalter ein auf ganz Afrika und Arabien ausstrahlendes Zentrum der Wissenschaft blühte. Dass Timbuktus Universitäten berühmt für Werke der Astronomie, Medizin, Geschichte, Geografie und Rechtswissenschaften waren. Eine «Fattash» genannte, bis zum Ende des 16. Jahrhundert reichende Chronik beschrieb Timbuktu in den höchsten Tönen: «Von der Provinz Mali bis zu den äussersten Grenzen des Maghreb war keine Stadt so bekannt für ihre herrlichen Institute, ihre politischen Freiheiten, ihre grosse Moral, die Sicherheit ihrer Einwohner und ihres Besitzes, ihre Güte und ihr Mitgefühl gegenüber Armen und Fremden, ihre Zuvorkommenheit gegenüber Studenten und Männern der Wissenschaft, von Schülern und Gelehrten.» Zur Blütezeit Timbuktus zwischen dem 14. und 16. Jahrhundert sollen sich mehr als 150 Koranschulen mit ungefähr 5000 Schülern in der Stadt befunden haben. Ganz zu schweigen von den Privatbibliotheken, die Werke aus Europa besassen und Hunderte Kopisten anstellten. Dass Afrika angeblich keine geschriebene Historie habe – war das nicht lange das Argument der Kolonialisten für die Überlegenheit der eigenen Kultur?

Zusammen reden, feiern und tanzen

Man muss diese grosse Geschichte eines toleranten, weltoffenen Islam vor Auge haben, um zu ermessen, was das «Festival du Vivre Ensemble» für die Bewohner der Stadt bedeutet. «Lasst euch nicht instrumentalisieren von denen, die euch spalten wollen», sagt Bürgermeister Aboubacrime Cissé bei der Eröffnung. «Timbuktu wurde siebenmal kolonisiert, besetzt von den Marokkanern, den Franzosen, den Fulani und den Bambara. Wir haben alle integriert und gelernt, mit ihnen zusammenzuleben.» Man müsse den Menschen der verschiedenen Ethnien einen Ort geben, an dem sie zusammen reden, feiern und tanzen.

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An der Lehmmauer vor dem Stadion reihen sich Hunderte Mofas, eine Traube junger Männer und Frauen in bunten Turbans, mit und ohne Kopftücher, drängt sich vor dem Eisentor. Drinnen spielt sich eine Art Familienfeier ab: Tuareg reiten auf ihren Kamelen durch das Stadion, Männer, Frauen und Jugendliche in wallenden Gewändern drängen sich auf Teppichen und Sofas vor der Bühne. Nicht alle hier sprechen Tamashek, die Sprache der Tuareg. Aber alle verstehen die fast schmerzvolle Sehnsucht des Wüsten-Blues, den Kader Tarhanin in seinen Gesang legt: Es geht um jahrhundertealte Nomadenbräuche, der Wille, sich von keiner Regierung seine Grenzen diktieren zu lassen. Und ja, natürlich die Schönheit der henna- und goldschmuckverzierten Tuareg-Frauen. Als Mylmo, ein Hip-Hop-Star aus Bamako, seinen Song «Histoire de Mali» auf die Bühne bringt, leuchten Hunderte Handys auf. Es ist eine Abrechnung mit der Geschichte des Vielvölkerstaats, die auch die Tuareg-Aufstände und blutigen Racheaktionen der malischen Armee nicht auslässt. Für Touristen aber ist es auch sechs Jahre nach der Befreiung noch zu früh. Der Landweg nach Timbuktu führt über Schlaglochpisten durch unsicheres Gebiet. Die meisten Festivalbesucher von ausserhalb haben sich in Militärmaschinen der örtlichen UNO-Mission einfliegen lassen.

In einem Anbau der Auberge du Desert leitet El Hadj Djitteye einen Workshop: «Führungstraining in der Zivilgesellschaft». Djitteye, nach der Krise an der University of Washington zum Konfliktmanager ausgebildet, unterrichtet zwei Dutzend junge Männer und Frauen, die ihr Wissen später an lokale Organisationen weitervermitteln sollen: Was sind unsere traditionellen Methoden der Konfliktlösung? Wie können sich junge Leute selbst ermächtigen, um gehört zu werden? «Wir müssen die traditionellen Autoritäten in die moderne Rechtsprechung einbeziehen», steht auf einem Flipchart und: «Mit Klarheit und Struktur reden, wie es schon der Prophet Mohammed gefordert hat.» Man kann Timbuktu heute als Vorbild für die Entwicklung einer wehrhaften Zivilgesellschaft sehen. Eine Stadt, die zwischen Globalisierung, Jihadismus und staatlicher Vernachlässigung versucht, ihre Kultur am Leben zu erhalten.

200'000 Manuskripte versteckt

Der Schriftsteller und Historiker Salem Ould El Hadj führt die Gäste des «Festivals du Vivre Ensemble» durch «seine» Stadt: Zu einem Literaturclub, in dem junge Schülerinnen sich für Victor Hugo und Voltaire begeistern – und zur Imam-Ben-Essayouti-Bibliothek, deren vielfarbige Kalligrafien zum Teil aus dem 15. und 16. Jahrhundert stammen. In einem lokalen Versteck entgingen sie der Vernichtung durch die Jihadisten.

«Über zweihunderttausend Manuskripte haben wir während der Besatzung nach Bamako herausgeschmuggelt», sagt Ould El Hadj. «Auf Eselskarren, Lastwagen und Booten, unter Gemüse und Brennholz versteckt. Wir haben sie ausgetrickst.» Erst nach der Besatzung durch die Gotteskrieger sei den Menschen in Timbuktu wirklich klar geworden, auf welchen Schätzen sie sitzen. Dass sie etwas zu verteidigen haben: «Die Schönheit tritt erst im Augenblick des Verlusts hervor.» Der alte Mann grinst, während drei junge Frauen in Leggins auf einem Mofa vorbeirauschen.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 21.05.2019, 18:25 Uhr

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