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Tod eines Arztes

Wer als Schwarzer an Universitäten in Südafrika lehrt, muss fürchten, zwischen den Fronten zerrieben zu werden – so wie der weltberühmte Mediziner Bongani Mayosi.

Bei ­seinen weissen Studenten und Kollegen blieb Bongani Mayosi ein Schwarzer. Foto: Graeme Williams (Ullstein)
Bei ­seinen weissen Studenten und Kollegen blieb Bongani Mayosi ein Schwarzer. Foto: Graeme Williams (Ullstein)

Bongani Mayosi wurde 1967 geboren, in jenem Jahr, in dem in Südafrika das erste Mal ein Herz transplantiert wurde. Ein weisser Arzt setzte einem Weissen das Herz einer anderen Weissen ein. Schwarze waren in dieser Welt der Medizin nicht vorgesehen. Ein halbes Jahrhundert ­später war Bongani Mayosi selbst ein weltberühmter Mediziner, der am selben Spital arbeitete, am Groote Schuur in Kapstadt, an dem damals die erste Herztransplantation gelang.

Mayosi schrieb Hunderte Artikel in Fachzeitschriften, warb viele Millionen Franken an Forschungsgeldern ein und wurde der erste schwarze Dekan der ­Fakultät für Gesundheitswissenschaften der Universität Kapstadt. Er war Südafrikas berühmtester Mediziner, seine Biografie las sich wie der Beleg, wie sehr sich das Land nach dem Ende der Apartheid verändert hat.

Die alten Geister sind noch da

Vor gut zwei Wochen nahm sich Professor Mayosi das Leben. Seitdem diskutiert Südafrika ­darüber, wie es zu seinem Tod kommen konnte, ob Schwarze in diesem Land überhaupt erfolgreich sein können und vor allem dürfen. Das Land spricht über die alten Geister, die immer noch da sind, den Hass und den Rassismus der Apartheid – und das, was darauf folgte. Als Mayosi, der nur 51 Jahre alt wurde, vor einigen Tagen beerdigt wurde, sagte die Vizekanzlerin Mamokgethi Phakeng: «Wir haben uns ­gefragt, ob er schon früher an Depressionen erkrankt war, und seine Familie sagte uns, nicht bis zum Jahr 2016, nicht bis er zum ersten Mal ‹Kokosnuss› genannt wurde.»

«Kokosnuss» ist so ziemlich das Schlimmste, was man zu einem Schwarzen in Südafrika sagen kann: Man beschuldigt ihn damit, nur aussen schwarz zu sein, innen aber weiss, ein Überläufer und Verräter also.

Bongani Mayosi war zwei Wochen in seinem neuen Amt als Dekan, als eine Gruppe aus überwiegend schwarzen Studenten sein Büro besetzte und ihn als «Kokosnuss» beschimpfte. Es war der Höhepunkt der Proteste für ein gebührenfreies und dekolonialisiertes Studium. Sie begannen kreativ und endeten in roher Gewalt. Mayosi war durchaus auf der Seite der Studenten, er demonstrierte, er marschierte mit ihnen zum Parlament. Er warb aber um Mässigung, war nicht damit einverstanden, wenn Bilder verbrannt wurden oder Menschen zu Schaden kamen. Das machte ihn in den Augen vieler Schwarzer zum Verräter.

«Das Gegenteil von dem, wofür er steht»

«Die vergiftete Atmosphäre und ihre Friss-oder-stirb-Haltung haben seine Seele verwüstet. Ihre persönlichen Beleidigungen und Beschimpfungen haben ihn aufs Tiefste erschüttert, widersprechen seinen Werten und waren das Gegenteil von dem, wofür er steht», sagt seine Witwe. Mayosis Tod zeigte dem Land, wie hoch der Preis für viele Schwarze ist, wenn sie erfolgreich sind. In den Zeitungen meldeten sich viele, die aus ihrem Innersten ­berichteten, von den Depressionen, die sie plagen, und dem Tabu, darüber zu sprechen.

Für sehr viele Weisse ist ein erfolgreicher Schwarzer oft nur korrupt, hat von zugeschanzten Aufträgen der Regierung profitiert – oder ist durch die Quoten zu seinem Job gekommen, die es für Unternehmen und Institutionen gibt. International gesehen war Mayosi ein Star seiner Zunft, er war an der Entdeckung eines Gens beteiligt, das Herzinfarkte bei Jugendlichen auslöst. Bei ­seinen weissen Studenten und Kollegen blieb er oft ein Schwarzer, mit dem es nicht weit her sein könne. Das gaben manche seiner Studenten in diesen Tagen auch verschämt zu.

Schwarz und gebildet, das passt noch immer nicht zusammen an Südafrikas Universitäten, deren Lehrpersonal nach wie vor überwiegend weiss ist und nicht sonderlich an Veränderung interessiert. In den Fluren hängen die Bilder der Dekane aus der Apartheid-Zeit, in den Lehrplänen finden sich viele europäische Ideen und Geschichte und nicht besonders viel afrikanische.

Bongani Mayosi setzte sich für den Wandel ein wie kaum ein ­anderer – für viele Schwarze war er einfach ein Verräter, der mit den Weissen gemeinsame Sache machte, anstatt sie zu bekämpfen. Auch nach seinem Tod ist bei denen, die ihn beleidigten, kaum Reflexion oder gar Reue zu spüren. Lydia Cairncross, eine Medizinerin und Aktivistin, sagte nach dem Suizid, sie könne sich an keine Beleidigungen gegenüber dem Verstorbenen erinnern. Sie befand vielmehr: «Selten habe ich einen so demokratischen, spontanen und respektvollen Protest gesehen.»

Viele an der Universität Kapstadt haben eine deutlich abweichende Erinnerung an diese Zeit, in der der Campus einem Kriegsgebiet glich, auf dem Autos und Bilder angezündet wurden und jede Stimme der Mässigung ­niedergebrüllt wurde. «Es hatte etwas Faschistisches», erinnert sich ein schwarzes Fakultätsmitglied. Die Demonstranten, sie wüteten fast zwei Jahre lang und führten sich zuletzt in etwa so auf wie jene, deren schlimmes Erbe sie bekämpfen wollten. ­Anfangs bekam der Protest viel Zulauf, erreichte aber überhaupt nichts, als er wegen seiner Radikalität und Selbstgerechtigkeit an sich selbst erstickte.

Nach Bongani Mayosis Tod wird in Südafrika über die Folgen gesprochen, über die toxische Atmosphäre an vielen Universitäten. Professoren erzählen von Depressionen, die sie plagen, von Ängsten, die sie durchleben. Die schwarze Vizekanzlerin Mamokgethi Phakeng berichtete davon, wie sie sich wochenlang nur noch unter Tabletten auf den Campus traute, so schockiert war sie über die Ereignisse und den Umgang untereinander.

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