Das steckt hinter den Attacken auf Saudiarabien

Welche Folgen hat der Jemen-Krieg und warum mischt sich Trump jetzt ein? Eine Erklärung der «schlimmsten humanitären Krise der Welt».

Für die globale Energieversorgung von Bedeutung: Die Brände in der Raffinerie von Abqaiq in Saudiarabien (14. September 2019). Video: Shagul Tamil via Storyful

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Der Ölpreis explodiert, Donald Trump droht mit Vergeltung, und die UNO warnt vor einer Eskalation: Die Angriffe auf Erdölanlagen in Saudiarabien haben weitreichende wirtschaftliche und politische Auswirkungen. Was sind die Gründe dafür? Und warum mischt sich der US-Präsident persönlich in den Konflikt ein? Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

Was ist passiert?

Am Wochenende ist es in Saudiarabien zu Drohnenangriffen auf die grösste Erdölraffinerie der Welt gekommen. Mehrere Explosionen erschütterten die Anlagen des staatlichen Konzerns Saudi Aramco in Khurais und Abqaiq. Daraufhin brach die Ölproduktion im Königreich dramatisch ein, was Panik am weltweiten Rohstoffmarkt verursachte: Der Preis für die Ölsorte Brent verzeichnete den grössten Kurssprung seit dem Golfkrieg von 1992.

Zu den Angriffen bekannten sich die Huthi-Rebellen im benachbarten Jemen. Die saudische Regierung und die USA vermuten aber, dass der Iran dafür verantwortlich sein könnte, der die Rebellen unterstützt. Es gebe Hinweise, dass die Flugkörper aus west-nordwestlicher Richtung und damit aus dem Iran gekommen seien – und nicht aus südlicher Richtung aus dem Jemen, sagte ein US-Regierungsvertreter. Teheran bestreitet jegliche Beteiligung.

Was steckt hinter den Anschlägen?

Auslöser der Angriffe ist der Krieg im Jemen, der nun schon seit Jahren andauert und schwer durchschaubar ist. Handelt es sich nun um einen Bürgerkrieg, einen Stellvertreterkrieg oder doch um einen Religionskrieg? Schwierig zu sagen. Denn es sind zahlreiche Parteien in den Konflikt involviert.

Feiern vier Jahre Widerstand gegen die grosse Allianz: Anhänger der Huthi-Rebellen im März 2019 in Sanaa. Foto: Reuters

Eskaliert war der Konflikt im Jahr 2015, als die schiitischen Huthi-Rebellen aus dem Norden weite Teile des Landes inklusive der Hauptstadt Sanaa eroberten. Der jemenitische Präsident Mansur al-Hadi musste ins Exil flüchten. Das passte dem sunnitischen Nachbarn Saudiarabien gar nicht. Zusammen mit den Vereinigten Arabischen Emiraten und anderen Golfstaaten startete er eine Offensive gegen die Huthis.

Mithilfe der Militärallianz konnten die Regierungstruppen und Hadi-Anhänger (rot) grosse Teile des Jemen wieder unter ihre Kontrolle bringen. Doch die Huthi-Rebellen (grün) halten weiterhin den Nordwesten des Landes. Zudem ist der Einfluss des Terrornetzwerks al-Qaida (grau) nach wie vor gross.

Erschwert wird die Lage durch das Erstarken der sogenannten Südlichen Bewegung (gelb) an der Küste. Dabei handelt es sich um Separatisten, die sich für die Unabhängigkeit des Südens einsetzen und damit für den Status, wie er bis zum Jahr 1990 bestand. Die Separatisten kämpfen auch gegen die Regierungstruppen von Hadi und werden dabei von den Vereinigten Arabischen Emiraten unterstützt – die ja eigentlich Teil der von Saudiarabien geführten Anti-Huthi-Allianz sind.

Darin zeigt sich deutlich, dass verschiedene Kriegsparteien ihre eigenen Interessen verfolgen. Der sich abzeichnende Bruch zwischen den Emiraten und den Saudis dürfte einer anderen Regionalmacht in die Hände spielen: dem Iran. Er unterstützt die Huthi-Rebellen, weil sie schiitisch sind, und liefert sich mit seinem Erzfeind Saudiarabien einen blutigen Stellvertreterkrieg im Jemen. Wie stark Teheran tatsächlich selbst in den Konflikt eingreift, ist aber umstritten.

Welche Rolle spielen die USA?

Die von Saudiarabien angeführte Militärallianz gegen die Huthi-Miliz wird von den USA logistisch und aufklärerisch unterstützt. Das heisst, dass saudische Kampfflugzeuge für Einsätze über dem Jemen mit amerikanischem Benzin betankt und mit amerikanischer Luftaufklärung und Munition versorgt werden.

Verbündete: US-Präsident Trump und der saudische Kronprinz Muhammad bin Salman präsentieren einen Waffendeal ihrer beiden Länder. Foto: Keystone

Nennenswerte Erfolge konnte die Allianz aber bislang nicht verzeichnen. Aus diesem Grund haben die USA inzwischen direkten Kontakt zu den Huthis gesucht. Diese Geheimgespräche dürften nun gefährdet sein. Donald Trump sicherte dem saudischen Kronprinzen nach den Angriffen auf die Erdölanlagen volle Unterstützung zu. Der US-Präsident vermutet den Iran als Urheber, dessen Expansion er bekämpfen will. «Wir haben Anlass, zu glauben, dass wir den Täter kennen, und warten mit geladener Waffe auf die Bestätigung», schrieb US-Präsident Donald Trump.

Welche Folgen hat der Krieg?

Der Jemen war schon vor dem Ausbruch des Konflikts eines der ärmsten Länder der Welt. Jetzt hat sich die Lage für die Zivilbevölkerung noch einmal drastisch verschärft. Durch die Bombardierungen wurden viele Spitäler und andere medizinische Einrichtungen zerstört. Etwa die Hälfte der Menschen hat keinen Zugang zu medizinischer Grundversorgung. Eine Cholera-Epidemie forderte deshalb Tausende Opfer.

Ist vielen Jemeniten vorenthalten: Dieses Mädchen in Sanaa erhält eine Cholera-Impfung. Foto: Reuters

Zudem breitet sich trotz internationaler Hilfsmassnahmen eine Hungersnot aus. Laut der UNO sind 80 Prozent der Jemeniten – das entspricht 24 Millionen Menschen – auf humanitäre Hilfe angewiesen. Fast die Hälfte davon sei akut vom Hungertod bedroht, darunter viele Kinder. UNO-Generalsekretär António Guterres bezeichnete die Zustände in dem Land als «die weltweit schlimmste humanitäre Krise». Zehntausende Jemeniten sind in den letzten Jahren durch Luftangriffe, Kämpfe am Boden, Hungersnöte und Krankheiten getötet worden.

Erstellt: 16.09.2019, 16:49 Uhr

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