Um Himmels willen

Israels Siedler vertrauen auf Gott – und jetzt auch auf Donald Trump, der heute den israelischen Premier empfängt. Die Palästinenser befürchten das Schlimmste.

«Trump – mach Israel wieder gross!»: Trump spendete in der Vergangenheit nicht nur Motto, sondern auch Geld für die israelischen Siedler. Foto: Baz Ratner (Reuters)

«Trump – mach Israel wieder gross!»: Trump spendete in der Vergangenheit nicht nur Motto, sondern auch Geld für die israelischen Siedler. Foto: Baz Ratner (Reuters)

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Es ist schon eine ganze Weile her, da hatte Jakob, der Enkel Abrahams und der Sohn des Isaak, einen Traum. Ausgestreckt lag er nach Sonnenuntergang auf einer Hügelkuppe, den Kopf auf einen Fels gebettet, da erschien ihm Gott im Schlaf, und er sprach: «Das Land, auf dem du ruhst, will ich dir und deinen Nachkommen geben. Du sollst dich nach West und Ost, nach Nord und Süd ausbreiten. Ich will dich überall behüten, wohin du gehst, und dich in dieses Land zurückführen.»

So steht es in der Bibel, Genesis 28, 11–15. Und so steht es auch auf einer Tafel neben dem heiligen Felsen, der heute in Bet El die Gläubigen anzieht. Bet El heisst übersetzt «Haus Gottes», und ihm zu Ehren haben die Bewohner einen Aussichtsturm errichtet, auf der höchsten Stelle des Ortes, 915 Meter über dem Meeresspiegel. Von oben kann man sehen, wie sich Jakobs Nachkommen ausgebreitet haben, nach West und Ost, nach Nord und Süd. «Es ist unser Land, und wir lieben es», sagt Shulamit Melamed. «Wenn jemand sagt, wir haben das den Arabern weggenommen, dann ist das Unsinn.»

Shulamit Melamed ist 78 Jahre alt, Mutter von sieben Kindern, Grossmutter von mehr als 40 Enkeln. Bis heute führt sie den früheren Radio- und heutigen Internetsender Arutz Sheva (Kanal 7), der von Bet El aus die Welt der jüdischen Siedler mit Informationen versorgt. Im Jahr 1977, vor 40 Jahren, war sie schon dabei, als Bet El im besetzten palästinensischen Westjordanland genau an jener Stelle gegründet wurde, an der Jakob seinen Traum gehabt haben soll. 17 Familien waren es am Anfang, in Containern ohne Strom und Wasser. «Wir wollten zurück auf unser Land», sagt Shulamit Melamed.

Spielregeln ausser Kraft gesetzt

Jakobs Verheissung zum Trotz gehörte dieses Land damals allerdings zu fast hundert Prozent palästinensischen Privatleuten, völkerrechtlich gehört es nicht zu Israel. Es ist das Land, auf dem die Palästinenser ihren Staat errichten wollen. Seit Jahrzehnten wird erbittert darum gekämpft, die Siedler stehen dabei immer an vorderster Front.

Bet El ist ja nur eine von mehr als 130 jüdischen Siedlungen, in denen inzwischen mehr als 400'000 Israelis unter 2,6 Millionen Palästinensern im Westjordanland wohnen. Dazu leben noch einmal 200'000 Siedler im von Israel annektierten arabischen Ostteil von Jerusalem. Die Siedler durften sich des Schutzes und der Förderung durch die eigene Regierung fast immer sicher sein. Doch international kam Druck von allen Seiten – bislang. Denn nun gibt es für die Siedler womöglich eine neue Hoffnung.

Die Präsidentschaft von Donald Trump hat auch im ältesten nahöstlichen Konflikt fürs Erste alle Spielregeln ausser Kraft gesetzt. Was genau Trump tun will, kann allerdings niemand vorhersagen. Zu sprunghaft und widersprüchlich sind bisher seine Aussagen. In Israel warten sie nun also auf den heutigen Mittwoch, wenn Israels Premierminister Benjamin Netanyahu in Washington seinen alten Freund Donald Trump treffen wird, seinen Freund, der jetzt plötzlich Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika ist.

Wer in den Tagen vor diesem Besuch durch das sogenannte Heilige Land reist, spürt die von Trump ausgelöste ­Erschütterung überall. Inmitten all der neuen Unsicherheit konzentrieren sich die Siedler aufs Wesentliche: Sie wollen bauen, bauen, bauen. «Wir hoffen sehr auf Präsident Trump», sagt Shulamit Melamed, «er kann viel für uns tun.»

In Bet El wissen sie das wohl besser als irgendwo sonst im Siedlerland. Aus den 17 Containern von einst ist mittlerweile eine Gemeinde mit 7000 Einwohnern geworden. Zwanzig Kilometer sind es bis Jerusalem, wo die meisten der Bewohner arbeiten. Ramallah, die Hauptstadt der palästinensischen Autonomiegebiete, liegt gleich nebenan, doch die Stadt wird auf Abstand gehalten, durch Mauern und Zäune.

Dahinter haben sie in Bet El eine Idylle geschaffen, rote Ziegeldächer, eine enorme Dichte an israelischen Flaggen, gepflegte Vorgärten, Fruchtskulpturen im Kreisverkehr. Es gibt ein Schwimmbad, viele Schulen und noch mehr Kindergärten. Und es gibt mitten im Ortszentrum eine wuchtige Jeshiwa, eine Religionsschule, die von Rabbi Zalman Melamed geleitet wird, dem Ehemann von Shulamit. Überall im Land ist er bekannt als Rabbiner der ganz Rechten. Bet El gilt als ideologische Hochburg der radikalen Siedlerbewegung – und sie gilt auch als Lieblingssiedlung von Trump und seinem Umfeld.

Die schicke Jeshiwa und noch vieles mehr sind von einem Freundeskreis in den USA finanziert worden. Überall an den öffentlichen Gebäuden finden sich die Tafeln mit den Namen der Spender. «Für die tapferen Menschen in Bet El, die sich mutig den Herausforderungen dieser Zeit stellen», steht zum Beispiel auf dem spendierten Gebäude des privaten Sicherheitsdienstes. Drinnen sitzen kernige Kerle mit Schnellfeuerwaffen.

Ungefähr 10 Millionen Dollar sind in den vergangenen Jahren über eine Or­ganisation mit dem Namen «American Friends of Bet El Institutions» in die Siedlung geflossen. Unter den Spendern war zum Beispiel die Familienstiftung von Trumps Schwiegersohn Jared Kushner, die «Charles und Seryl Kushner Charitable Foundation». Sie liess einer Recherche der israelischen Tagezeitung «Haaretz» zufolge 2013 der Jeshiwa in Bet El 20'000 Dollar zukommen. Auch Donald Trump selbst steht auf der Spenderliste: 2003 hat er nach Angaben der «Jerusalem Post» 10'000 Dollar an die amerikanischen Freunde von Bet El überwiesen. Und das, so heisst es in Bet El, sei aus Dankbarkeit gegenüber einem Mann namens David Friedman geschehen. Friedman hat für Trump viele Jahre lang als Anwalt gearbeitet. Vor allem bei der Pleite von Trumps Casinos in Atlantic City soll er ihm gute Dienste geleistet haben. Friedman gilt als gewiefter Insolvenzanwalt – und er ist Vorsitzender der amerikanischen Bet-El-Freunde.

Im Sinne der Siedler

David Friedman hat die Dollar-Millionen zu den Siedlern gebracht. Und nach der Wahl ist er von Trump zum Botschafter in Israel ernannt worden. «Er ist ein wunderbarer Mann», sagt Shulamit Melamed. «Seine Ideen und unsere Ideen sind gleich.»

Jared Kushner als Chefberater im Weissen Haus und Friedman als Botschafter in Israel – der rechten Regierung in Jerusalem und der Siedlerbewegung muss das nach den steinharten Jahren unter US-Präsident Barack Obama wie ein Geschenk des Himmels erscheinen. Shulamit Melamed erwartet jetzt einen Bauboom in Bet El.

Tatsächlich hat die Regierung in Jerusalem ganz im Sinne der Siedler losgelegt: Fast atemlos wurde seit der Amtsübernahme Trumps der Bau von 6000 neuen Wohneinheiten in den Siedlungen angekündigt. «Wir können bauen, wo wir wollen und so viel wir wollen», sagte Netanyahu triumphierend, als die ersten neuen Bauvorhaben in Ostjerusalem durchgewinkt wurden. Die Euphorie wurde dann allerdings gleich wieder etwas gedämpft. Erst warnte Sean Spicer, der Pressesprecher des Weissen Hauses, wie aus dem Nichts heraus, dass der Bau neuer Siedlungen «vielleicht nicht hilfreich sei». Dann erklärte der Präsident persönlich in einem Interview mit der Netanyahu sehr nahestehenden Zeitung «Israel Hajom», dass «das Fortschreiten von Siedlungen nicht gut für den Frieden ist».

«Es wird Gewalt geben»

Ist der neue amerikanische Präsident also womöglich doch nicht der Anti-Obama? Will auch er dem israelischen Siedlungsbau Grenzen setzen? Darüber wird zu reden sein, wenn sich Trump und Netanyahu nun endlich zusammensetzen, nachdem sie sich in den vergangenen Wochen immer nur freundlich zugetwittert haben. Und Marc Zell, das sagt er ganz ernst, wäre allzu gern dabei «als Fliege an der Wand». Am Revers seines Jacketts trägt der Jerusalemer Anwalt Zell eine kleine Anstecknadel, sie zeigt das amerikanische Sternenbanner zusammen mit der israelischen Davidstern-Flagge. Zell gehört zu beiden Welten, und er führt sie zusammen, als Vorsitzender der «Republicans Overseas Israel». Das ist die Vertretung der US-Republikaner im jüdischen Staat. Nun setzt Marc Zell darauf, dass Trump neben den USA auch Israel wieder gross machen wird.

Vom Mittelmeer bis zum Jordan, um genau zu sein. Denn von der Gründung eines Palästinenserstaats hält der Jurist nichts. «Die Zweistaatenlösung ist ein Hirngespinst», sagt er. «Die Juden haben nur einen Staat, und die Araber haben hier in der Region 21 oder 22.» Trump, so glaubt Zell, werde sich «umschauen und die Realität sehen». Marc Zell ist so begeistert vom neuen US-Präsidenten, dass er sogar die jüngsten amerikanischen Erklärungen zum Siedlungsbau ins Positive umzudeuten versucht. Sein Textstudium nämlich hat ergeben, dass allerhöchstens vor dem Bau «neuer Siedlungen» gewarnt wird. Er hält daher einen interessanten Rat bereit für Israels Regierung: «Geht so weit wie möglich. Jetzt. Es wird niemals besser.»

Dass alles immer nur noch schlimmer werden kann, weiss auch Hani al-Masri, der einen Steinwurf von Bet El entfernt in Ramallah eine palästinensische Denkfabrik mit dem Namen Masarat («Wege») betreibt. Er kommt gerade aus Katar; in seinem aufgeräumten Büro sitzt er im Schatten eines Gummibaums und spricht über den «grossen Wandel», der sich im Nahen Osten anbahnt. «Für Israel ist dies jetzt eine historische Gelegenheit, das zu erreichen, was vorher unerreichbar war», sagt Hani al-Masri. «Trump akzeptiert, was Israel macht.» Für Masri führt der Wandel direkt zu den schlimmsten Schreckensszenarien: «Es wird Gewalt geben», sagt er. «Die Tür ist jetzt offen für alle Arten des Widerstands.» Am Ende könne sogar die gesamte Palästinensische Autonomiebehörde kollabieren. «Vielleicht haben wir dann bald den IS in Palästina.»

Erstellt: 14.02.2017, 23:27 Uhr

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