Und ständig surrt die Klimaanlage

Im Ölstaat Kuwait könnte das Leben wegen des Klimawandels für alle unerträglich werden. Heute schon sind 53 Grad möglich.

Schwitzen muss nur, wer kein Geld für Kühlung hat: Eine Frau vor einem Restaurant in Kuwait. Über ihr sorgt verdampfendes Wasser für Abkühlung. Foto: Getty

Schwitzen muss nur, wer kein Geld für Kühlung hat: Eine Frau vor einem Restaurant in Kuwait. Über ihr sorgt verdampfendes Wasser für Abkühlung. Foto: Getty

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Hoda Abdallah kniet im Gras, sucht eine Steckdose. Aber eigentlich sucht sie etwas ganz anderes – den perfekten Garten: Wasserrauschen, Vogelgezwitscher, Blumen. Als sie die Steckdose endlich gefunden hat, taucht sie hinter dem Vogelkäfig wieder auf. Es plätschert leise. Hoda Abdallah lächelt.

Sie sitzt hier gerne, besonders morgens, mit einer Tasse Kaffee und arabischer Musik. Manchmal zieht sie ihre Hausschlappen aus, um mit ihren Füssen den Plastikrasen zu spüren. Wenn sie sich dann in ihrem Rattanstuhl zurücklehnt, nach oben blickt, sieht sie eine Lichtplatte aus Kunststoff. Wie im Gewächshaus. Das ist ihr Garten.

Vor einigen Jahren liess ihr Mann ein paar Wände in ihrer Villa einreissen. Seitdem ist der Garten mitten in der Stube. Warum auch nicht? Schon im Frühjahr erinnert der echte Garten draussen vor dem Haus an einen Heuhaufen.

In Kuwait, diesem schwerreichen Ministaat am Persischen Golf, hat es an diesem Tag 49 Grad, es ist kurz nach Mittag. Im Westen kennt man das Land aus den Neunzigern, als Saddam Husseins Panzer auf die Promenade der Hauptstadt rollten. Damals hatte es der irakische Diktator auf die kuwaitischen Ölfelder abgesehen.

Der Garten ist im Haus drin

Seitdem ist es ruhig geworden um den Wüstenstaat, eingepfercht zwischen dem Irak und Saudiarabien. Dabei bricht Kuwait Weltrekorde. Etwa am 21. Juli 2016, als die Wetterstation in Mitribah 53,9 Grad aufzeichnete. Die Weltwetterorganisation schickte Meteorologen in die Wüste westlich von Kuwait-Stadt und bestätigte die Zahlen: So heiss war es seit Beginn der offiziellen Aufzeichnungen vor 76 Jahren noch an keinem Ort der Welt.

In Hoda Abdallahs Indoor-Garten ist davon nichts zu spüren, es hat 18 Grad. Alle Storen im Haus sind zugezogen. Nur in den Garten fällt ein wenig Tageslicht. «Das ist jetzt mein Reich», sagt Hoda Abdallah und schaut über den Kunstrasen im Wohnzimmer, einen grünen Fleck zwischen cremefarbener Couch, Lampen, Fliesen. Tochter Lulu schlittert in Socken über den Boden.

«Jeder Schritt ist einer zu viel»

Die sechsfache Mutter ist eine schöne Frau, klein, weibliche Figur, sanfte Gesichtszüge. Nur ihr Blick ist müde. Mit Ende 40 wurde sie noch mal schwanger, das Kind kam mit einer geistigen Behinderung zur Welt. Hoda Abdallah wollte es nicht betreuen lassen. «Ich vertraue niemandem, wenn es um Lulu geht», sagt die 63-Jährige. Also gab sie damals ihren Job als Hauswirtschaftslehrerin auf und blieb zu Hause. Eigentlich würde sie ihre Tochter gerne mehr fördern, vielleicht mal ins Ballett bringen. «Aber hinbringen, abholen, wie soll ich das schaffen? Jeder Schritt vor die Haustür ist einer zu viel.»

«Kuwait ist die Achselhöhle auf dem Planeten. Bei uns sammelt sich der ganze Schweiss.»

Im Sommer gibt es für kuwaitische Familien kein Draussen. Denn draussen ist die Sonne. Man sieht sie meist nicht, Sandstürme legen einen grauen Schleier über die Stadt. Aber man spürt sie. Wer rausgeht, glaubt, in einen heissen Föhn zu laufen. Umrisse verschwinden in Sandwolken. Es gibt keine Farben, keine Kontraste. Selbst das Meer scheint nahtlos in die Stadt überzugehen – das gleiche sandige Grau.

Zur Mittagszeit sind die Trottoirs fast leer, nur ein paar Arbeiter warten auf den Bus, sie halten sich Zeitungen über den Kopf. Geländewagen rauschen an ihnen vorbei und Männer auf Motorrollern, die Essen ausliefern. Eigentlich ist es von Juni bis September verboten, zwischen 11 und 16 Uhr draussen zu arbeiten. Aber Lieferdienste sind gefragt in einem Land, in dem keiner vor die Haustür will. Essen gilt als Hobby, mehr als 70 Prozent der Kuwaiter sind übergewichtig. Pro Jahr lassen sich Tausende den Magen verkleinern.

«Delivery guys» wie Issam verdienen um die 700 Euro im Monat. Einheimische verdienen im Schnitt um die 4000 Euro.

Issam bringt den Kuwaitern ihr Essen bis an die Haustür. Gerade hat er Pommes und Burger geliefert, eine Viertelstunde war er dafür unterwegs. Bei 51 Grad. Sind die Schuhe nicht viel zu heiss? «Je dicker die Sohle», sagt Issam, «desto besser.» Es fühle sich ja sowieso schon so an, als tunke er seine Füsse jeden Tag in die Hölle. Dabei ist der 30-Jährige Hitze gewohnt – er kommt aus Südägypten. Aber das hier, sagt er, das sei nicht mehr normal.

Wenn Issam vom Roller steigt, torkelt er manchmal. Ab und zu drücken ihm Kunden eine Flasche Wasser in die Hand. «Wahrscheinlich, weil ich so unglaublich frisch aussehe», sagt Issam und lächelt. Schon zweimal hatte der Ägypter während seiner Arbeit einen Hitzschlag: Ihm wurde schwindlig und übel, er wusste nicht mehr, wie schnell er fuhr. Anhalten war trotzdem keine Option, die Zeit läuft, die Kunden sind ganz schön verwöhnt. «Hauptsache, das Essen bleibt frisch, oder?» Er sagt das, und nein, er will seinen echten Namen lieber nicht in der Zeitung lesen – wegen seines Aufenthaltsstatus.

Issam ist bei einem Dienstleister angestellt, der für unterschiedliche Lieferdienste arbeitet. Seit Monaten wird sein Gehalt nicht vollständig ausgezahlt, sagt er. «Delivery guys» verdienen um die 700 Euro im Monat. Einheimische verdienen im Schnitt um die 4000 Euro.

Kurz vor Mitternacht, 44 Grad

Am Abend sitzt Hoda Abdallah in der Villa ihrer Cousine. Zweimal in der Woche trifft sie sich mit ihren Verwandten. Ohne diese Abende wäre Kuwait nicht auszuhalten, sagt sie. Es ist kurz vor Mitternacht, draussen hat es 44 Grad, drinnen 17. Die Frauen tragen ärmellose Kleider und High Heels. Hausmädchen räumen die Pizza-Teller weg.

Und die Hitze, der Klimawandel? Machen sie sich da keine Sorgen? «Kuwait ist die Achselhöhle auf diesem Planeten. Bei uns sammelt sich der ganze Schweiss», sagt eine Cousine. Gelächter. «Aber ganz ehrlich», sagt sie und hebt die Augenbrauen, «in Europa schwitze ich viel mehr. Nicht mal die Züge sind klimatisiert.» Die Frauen nicken. Ihre Frisuren sitzen perfekt, keine einzige Schweissperle rinnt über die abgepuderte Haut. Die Hitze sei hier kein Thema, es gebe Klimaanlagen, Wassersprinkler, Ventilatoren. Nur dass die Kinder so lange Sommerferien haben, das nerve ein wenig. Aber Europa, kaum auszuhalten.

Wenn Issam abends heimkommt, reicht seine Kraft gerade noch für ein kurzes Telefonat mit seiner Frau in Kairo. Die beschwere sich zwar immer, dass er so wenig erzähle, sagt Issam. «Aber ich vertröste sie jeden Tag auf den nächsten.» Er bittet sie nur noch schnell, die Handykamera anzuschalten, damit er seine Tochter sieht. Sie ist vier Monate alt. Er hat sie noch nie gesehen, kennt sie nur vom Videochat. «Meine Madame ist schon in der Hochzeitsnacht schwanger geworden. Das ist ein Segen, ich weiss, aber ich habe weder Schwangerschaft noch Geburt erlebt», sagt Issam. So ist das eben. In Kuwait leben 3,3 Millionen Arbeitsmigranten; die Mehrheit kommt aus Indien, Pakistan und Ägypten. Sie schicken ihr Geld in die Heimat, kennen ihre Familie nur noch vom Urlaub, höchstens einmal im Jahr. Wann Issam seine Familie wiedersehen wird, weiss er nicht.

Wer es sich von den Kuwaitern leisten kann, der verlässt im Sommer das Land. Die meisten fahren nach Europa. Zu Hause laufen die Klimaanlagen einfach weiter, Hoda Abdallah hat ein Dutzend davon auf dem Dach. Warum laufen die Anlagen weiter, wenn sie nicht da sind? «Die Hitze zieht sonst die ganzen Insekten an», sagt Hoda Abdallah. Machen doch alle so. Was soll die Frage. Und die Kosten? Der Staat übernimmt den Grossteil der Energiekosten für seine rund 1 Million Staatsbürger – jährlich sind das etwa 4,5 Milliarden Euro. Und das ist längst nicht das Einzige, was der Staat springen lässt: Da sind noch eine kostenlose Gesundheitsversorgung, die Schul- und Universitätsbildung, Stipendien für Auslandsstudien und ein günstiges Grundstück. Ganz abgesehen von den jährlichen Auszahlungen aus den Ölverkäufen. Und: In Kuwait gibt es weder Einkommens- noch Mehrwertsteuer.

«Ihr würdet nicht überleben»

Dass die Klimaanlagen zusätzlich das Klima aufheizen, sagt Essa Ramadan den Kuwaitern morgens im Radio und abends im Fernsehen. Er ist der prominenteste Meteorologe des Landes. 1 Million Menschen folgen ihm auf Twitter. Er redet ihnen ins Gewissen, warnt vor einer «neuen Radikalität des Wetters». «Stellt euch Kuwait einen Tag ohne Klimaanlagen vor. Ihr würdet nicht überleben!» Und einfach abhauen, wenns zu heiss wird, wird irgendwann schwierig, sagt Ramadan. Bei extremen Temperaturen haben die Triebwerke von Flugzeugen nicht mehr den nötigen Schub, die Maschinen bleiben auf dem Boden.

Schon heute verbrauchen Klimaanlagen rund ein Zehntel des weltweit benutzten Stroms, schätzt die Internationale Energieagentur. Bis 2050 könnte sich diese Menge verdreifachen. Das könnte für Kuwait drastische Folgen haben. Die Temperaturen könnten bis 2090 weitere fünf Grad durchschnittlich steigen. Ramadan lehnt sich vor. Jedes Jahr gebe es Hitzetote im Sommer, flüstert er. «Aber man nennt es einfach anders. Herzinfarkt statt Hitzetod.» Aber das dürfe man ja nicht laut sagen.

Erstellt: 07.11.2019, 21:23 Uhr

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