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Unsicherheit auf biblischem Boden

Die Lage der Christen in Ägypten verschlechtert sich. Heute besucht Franziskus das Land.

Die Kopten – ein Zehntel der ägyptischen Bevölkerung – sind im Visier der Jihadisten: 29 Menschen starben beim Anschlag auf die Kirche in Tanta. Foto: Mohamed Abd El Ghany (Reuters)
Die Kopten – ein Zehntel der ägyptischen Bevölkerung – sind im Visier der Jihadisten: 29 Menschen starben beim Anschlag auf die Kirche in Tanta. Foto: Mohamed Abd El Ghany (Reuters)

Der Weg zum Gottesdienst führt die Kopten von Tanta auf einem schmalen Weg vorbei an ihrer Kathedrale. Die ­Gemeinde in der Stadt im Nildelta, 130 Kilometer nördlich von Kairo, muss sich am Freitag nach Ostern unter Zeltbahnen im Garten versammeln und in einer kleineren Kirche auf dem Gelände. Im Kirchenschiff bauen Arbeiter Gerüste auf, die Ikonen sind abgehängt, die Kirchenbänke nach draussen geräumt. Die Säule, neben der einst der Bischofsstuhl stand, ist dunkelrot gefärbt von Blut und schwarz vom Sprengstoff. Bis hinauf ins weisse Deckengewölbe hat die Bombe des Selbstmordattentäters Schrapnelle geschleudert und Überreste von Menschen. 29 starben beim Anschlag am Palmsonntag.

Sie sind bestattet in einem Gebäude neben der Kathedrale, in dem einst Büros untergebracht waren. Auf einem Schild aus Holz stehen ihre Namen. Die Gläubigen halten inne, streuen Weihrauch in die Glut. Die Fenster sind unten zugemauert und oben mit einem Kreuz aus weissen Blumen geschmückt.

Eine Serie von Gewalt

Am Palmsonntag starben 17 weitere Menschen, Christen und Muslime, als sich ein zweiter Angreifer an einem Metalldetektor vor der Kathedrale in Alexandria in die Luft sprengte; der koptische Papst Tawadros II. hatte die Kirche nur Minuten zuvor verlassen. Beide Attacken hat die Terrormiliz Islamischer Staat für sich reklamiert. Es waren die schwersten Anschläge auf Christen im modernen Ägypten, die etwa ein Zehntel der Bevölkerung stellen. Aber es war nur der traurige Höhepunkt einer Serie von Gewalt, Wochen vor dem heutigen Besuch von Papst Franziskus.

Schon vor Weihnachten hatte es einen Anschlag mit 30 Toten auf eine Kirche neben der Kathedrale in Kairo gegeben, im Nordsinai trieb eine Mordserie der Jihadisten Hunderte christliche Familien in die Flucht. Sie mussten biblischen Boden verlassen. Auf dem Sinai liegt der Berg Mose, der Überlieferung nach offenbarte Gott dort die zehn Gebote.

Eine dieser Familien floh nach Tanta. Sie glaubte sich hier in Sicherheit, doch dann traf sie der Anschlag in der Kirche. Der Vater trägt einen Verband am Arm und ein grosses Pflaster auf dem Bauch. Die Ärzte mussten ihm Bombensplitter herausoperieren, doch der Staat wolle ihm die Entschädigung nicht zahlen, die Verletzten versprochen wurde, umgerechnet 2000 Franken. Im Wohnzimmer hängen Fotos der Söhne, einer in Militäruniform, der andere in jener der Polizei.

Die Kathedrale in Tanta wird vom Militär renoviert, wie ein Mitglied des Gemeinderats sagt; die Strassen um das Gotteshaus sind abgesperrt, vor dem Eingang stehen ein Metalldetektor und Polizisten mit automatischen Waffen. Wäre das am Palmsonntag auch schon so gewesen, vielleicht würden manche der Toten heute noch leben. Ausrüstung und Personal sei vorhanden gewesen, sagen Gemeindemitglieder, wirkliche Kontrollen aber habe es nicht gegeben. Ein Video von den Überwachungskameras zeigt, wie der Attentäter ungehindert auf das Gelände gelangte und in die Kathedrale bis neben den Altarraum.

Dort stand Bischoi Maher (22), Medizinstudent, Schulter an Schulter mit seinem älteren Bruder Kyrillos, beide Messdiener. Ihr Vater, Pater Daniel Maher, ging mit dem Weihrauchfass durch die Kirche. Bischoi starb auf dem Weg ins Krankenhaus, sein Bruder überlebte leicht verletzt, ebenso der Vater. «Es war göttliche Auswahl», sagt er gefasst, aber mit leiser Stimme. An seinem Glauben habe ihn der Tod seines Sohnes nie zweifeln lassen, aber «die menschlichen Gefühle sind unbeschreiblich». Er hatte Bischoi am Boden gefunden und versucht, ihm zu helfen. Vergebens. «Nie hätte ich gedacht, dass so etwas passieren könnte», sagt er. Und fügt dann aber hinzu, Verfolgung von Christen habe es immer gegeben in der Geschichte seiner Kirche. Und Märtyrer, seit dem 1. Jahrhundert. «Das festigt unseren Glauben nur mehr», sagt er.

Die Kirche ist voll, die Frauen bedecken den Kopf mit Tüchern oder Schals, stehen von den Männern getrennt. Die Menschen beten mit Inbrunst das Vaterunser, und doch fragen sich viele, ob der Staat genug tut, um sie zu schützen und extremistisches Gedankengut zu bekämpfen. Kaum einer wagt, das offen zu sagen oder gar Präsident Abdel Fattah al-Sisi zu kritisieren. Der hat die Christmette in Kairo besucht und den Kopten Schutz versprochen. Es soll in Ägypten nur Ägypter geben, der Glaube keinen Unterschied machen, sagte er.

Auch alltägliche Übergriffe

Als Zeichen der Ermutigung für alle Christen im Nahen Osten will der Papst seinen Besuch in Ägypten verstanden wissen, das «einst der Heiligen Familie Zuflucht gewährte vor der Tyrannei des König Herodes», wie er sagte. Es ist eine unsichere Heimat für Christen, nicht nur wegen des Terrors des IS. Immer wieder gibt es Übergriffe, oft auf dem Land, weil Gerüchte gestreut werden, Christen wollten Kirchen errichten. Ein neues Gesetz regelt den Bau, doch ist es wesentlich restriktiver als jenes über den Bau von Moscheen. Es ist nur ein ­Aspekt der alltäglichen Diskriminierung.

Präsident Sisi will nun in der neuen Verwaltungshauptstadt 70 Kilometer von Kairo die grösste Moschee des Landes errichten und die grösste Kirche. ­Finanziert werden sollen sie aus einem gemeinsamen Spendenfonds. Niemand soll wissen, ob sein Geld für die Kirche verwendet wird oder für die Moschee.

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