Unvollendete Revolution

1979 wurde der Iran eine islamische Republik. Viele der damaligen Versprechen wurden nicht eingelöst.

Es gibt nicht nur enttäuschte Iraner, das System hat auch viele Unterstützer: Teilnehmerin an Feierlichkeiten zum Jubiläum der Revolution in Teheran. Foto: Ebrahim Noroozi (Keystone)

Es gibt nicht nur enttäuschte Iraner, das System hat auch viele Unterstützer: Teilnehmerin an Feierlichkeiten zum Jubiläum der Revolution in Teheran. Foto: Ebrahim Noroozi (Keystone)

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Aus dem Exil machte Ayatollah Ruhollah Khomeini den Iranern viele Versprechungen: Demokratie sollte es nach dem Sturz des Schahs geben, ein Ende der Korruption und soziale Gerechtigkeit durch die Beteiligung des Volkes an den Öleinnahmen. Die Rechte von Minderheiten sollten geachtet werden und die Frauen Gleichberechtigung erfahren. Der charismatische schiitische Geistliche konnte so zur Führungsfigur einer frühen populistischen Revolution werden, die sich – unterstützt auch von vielen Linken und Liberalen im Iran – gegen den Schah richtete.

Doch bald nachdem sich vor 40 Jahren, am 11. Februar 1979, das Militär für neutral erklärt und den Widerstand gegen die Revolution aufgegeben hatte, machte sich Khomeini daran, seine Vision einer Islamischen Republik umzusetzen. Sie beruht auf dem Prinzip der Herrschaft des Rechtsgelehrten, Velayat-e Faqi, das er in seinem Buch «Der Islamische Staat» ausgeführt hat: Nur der höchste schiitische Kleriker könne sicherstellen, dass Gesetze und Leben in einer Islamischen Republik den Regeln der Religion folgen.

Im Iran drängten Khomeini und seine Anhänger schnell den Rest der Opposition zur Seite und regulierten das öffentliche Leben: Sie verboten Alkohol und Musik, verordneten Geschlechtertrennung und Kopftuchzwang. Die staatlichen Institutionen vom Sicherheitsapparat bis zu den Universitäten und Schulen wurden islamisiert, «verwestlichte» Inhalte und Staatsdiener verbannt und nicht selten brutal verfolgt. Von freiheitlicher Demokratie war nicht mehr die Rede, auch wenn im Iran bis heute Wahlen abgehalten werden.

Gegenentwurf zum Westen und zum Kommunismus

In der arabischen Welt war die Reaktion auf die konservative Revolution Khomeinis gespalten: Während die Monarchien am Golf die religiösen Fundamentalisten als Bedrohung begriffen, sahen sunnitische Islamisten sie als Inspiration. Damals zählten weniger Unterschiede in der Auslegung des Glaubens, als dass es Khomeini gelungen war, ein von den USA hochgerüstetes Regime zu stürzen.

Die Islamische Republik präsentierte sich als gottgefälliger Gegenentwurf zu den kapitalistischen Demokratien des Westens, zum kommunistischen System und zum Imperialismus. Das förderte angesichts des Einmarschs der Sowjetunion in Afghanistan und des Friedensschlusses zwischen Ägypten und Israel ihre Strahlkraft für den politischen Islam.

Dennoch ist es der Islamischen Republik über Jahrzehnte nur in Ansätzen gelungen, die Revolution und das politische Modell Khomeinis zu exportieren. Der sunnitische Islamismus erhielt durch den Kampf der Mujahedin in Afghanistan eine eigene Dynamik. Die Hizbollah im Libanon war lange Teherans einziger Vorposten in der arabischen Welt, der als Partei und Miliz eine breitere Akzeptanz für den Kampf gegen Israel genoss.

Bruch mit sunnitischen Islamisten

Den Aufstieg zu einer Vormacht in der Region verdankt der Iran 40 Jahre nach der Revolution nicht etwa ideologischer Überzeugungskraft. Das Regime profitierte von den Fehlern seiner Gegner, vor allem vom Einmarsch der USA 2003 im Irak. Die Unterstützung für Syriens Diktator Bashar al-Assad führte zum endgültigen Bruch mit sunnitischen Islamisten.

Für immer mehr Iraner, vor allem jene Hälfte der Bevölkerung, die jünger als 35 ist, klingen Revolutionsparolen und Widerstandsrhetorik leer. Viele Iraner sind nach wie vor gläubig, aber sie wollen sich nicht vom Staat diktieren lassen, wie sie die Religion zu leben haben. Frauen protestieren gegen den Kopftuchzwang. Khomeini hatte es zum Symbol der Revolution erklärt. Seinen eigenen Anspruch an die Herrschaft des Rechtsgelehrten gab er preis, als er Ali Khamenei zum Nachfolger bestimmte, obwohl der als Kleriker mittleren Rangs die religiösen Anforderungen nicht erfüllte – die Verfassung wurde für ihn geändert, es ging um Machterhalt und nicht mehr um die Ideale der Revolution.

Viele Iraner wünschen sich ein Ende der Isolation, ein gutes Leben, Perspektiven. Ja, der islamische Wohlfahrtsstaat hat breiten Schichten Zugang zu Bildung ermöglicht. Aber Universitätsabsolventen müssen Taxi fahren, weil die Wirtschaft marode ist. Verantwortlich dafür sind nicht, wie die Regierung behauptet, allein US-Sanktionen, sondern massgeblich Korruption und Inkompetenz des Regimes. Bereicherte sich einst die Familie des Schahs, tun dies heute Revolutionsgarden und religiöse Stiftungen. Viele Versprechen der Revolution wurden nie eingelöst.

Erstellt: 13.02.2019, 18:31 Uhr

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