«Verdammt sollen die Schlepper sein, die Hunde»

Aus dem Arabischen übersetzt: Was sich Flüchtlinge per Whatsapp und Facebook schreiben.

Treue Begleiter: Die Smartphones der Flüchtlinge. Bild: Keystone

Treue Begleiter: Die Smartphones der Flüchtlinge. Bild: Keystone

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Das Smartphone ist für Flüchtlinge das wichtigste Mittel, um die oft lebensgefährliche Reise nach Europa zu schaffen. Über Facebook und andere Seiten halten sie den Kontakt mit Angehörigen aufrecht, suchen nach Vermissten, geben Ratschläge und warnen vor gierigen Schleppern und brutalen Polizisten. Hier eine Auswahl von Facebook-Posts:

Ein User zeigt, wie man nach Deutschland kommt und wie viel jede Etappe kostet.

Eine Facebook-Seite über Flüchtlinge, die auf der Balkan-Route verschollen sind.

Übersetzung:
«K. H. wird seit dem 9. September vermisst, in der Gegend von Aderna in der Türkei. Die Kommunikation mit ihm ist abgebrochen, wer Informationen über ihn findet, soll uns bitte benachrichtigen.»

Antworten:

  • «Hoffentlich erhalten wir bald gute Infos.»
  • «Er ist der Bruder meiner Freundin.»
  • «Man kann mit der Schwester kommunizieren, wenn man mehr Infos über K. erhalten möchte. Sie werden ihn schon finden, so Gott will.»

«M. A., in der Blüte seines Lebens, etwa 30 Jahre alt, war auf dem verunglückten Privatboot am 13.09 im Mittelmeer in der Nähe der Insel Farmskoni. Es ist bis heute nichts mehr über ihn bekannt. Wer diesen Mann findet, soll Informationen über ihn geben.»

Ein Dialog zwischen Flüchtlingen

Übersetzung:

«Gott sei Dank. Wo seid ihr jetzt genau? Sende mir deinen Ort.»

«Hier.»

«Ihr seid jetzt in Bakuis. Nun müsst ihr nach Athen.»

Ein Flüchtling beschreibt seine Reise und erteilt Ratschläge

Übersetzung: Wie gehts, lieber Syrier?

Willst du fliehen und Asylbewerber werden? Kein Problem, alle Syrer haben eine schwierige Zeit und es ist ihr Recht, einen sicheren Ort zu finden, bis sich die Situation klärt. Aber weshalb lässt du die Leute dich betrügen und dir falsche Infos geben? Komm, nimm einige Tipps von mir, bevor du dich auf die Reise machst. Diese Infos sind eine konzentrierte Mischung aus den Erfahrungen von Leuten, die angekommen sind und die man betrogen hat. Lies sie genau durch und lass dich von niemandem betrügen.

Erstens: Wehe dir, wenn du einem Schmuggler auch nur eine einzige Münze gibst, bevor er dich an dein Ziel gebracht hat. Wenn du ihn im Voraus bezahlst, vergiss dein Geld, nimm an, dass du es verloren hast, du Genie.

Zweitens: Das Schmuggeln über die Flughäfen erfolgt meistens dank gefälschter Papiere und Visen. Glaub nicht, dass der Schmuggler mit der Flughafenpolizei einen Deal hat, denn die Polizisten am Flughafen arbeiten selten auf diese Weise, denn wenn sie erwischt werden, dann ist Feierabend. Besonders in der Türkei. Die Gehälter der Flughafenpolizisten dort sind hoch, also brauchen sie kein Schmiergeld. Sei also auf der Hut, der Schmuggler verlangt einen hohen Preis und behauptet: Er hätte jemanden im Flughafen, doch er versucht nur, dir seine gefälschten Papiere anzudrehen. Das brauchst du nicht, gefälschte Papiere kannst du für 500 oder 1000 Euro kaufen. Das heisst, du brauchst den Schmuggler nicht.

Drittens: Das Reisen per Flugzeug ist das Schwierigste überhaupt, aber es ist das Beste, um aus der Türkei rauszukommen. Das Schwierigste, weil die Türken jetzt sehr viel Erfahrung haben, Syrer auffliegen zu lassen. Es ist aber das Einfachste, weil wenn du verhaftet wirst, gibts keine Strafe und du wirst nach ein oder höchstens zwei Tagen entlassen. Wenn du das aber aus Ägypten oder einem afrikanischen Land versuchst …. Gott behüte, so landest du, wenn du verhaftet wirst, für Tage und Monate im Gefängnis, und du wirst sehr viel zahlen müssen, um entlassen zu werden.

Viertens: Das Reisen über Griechenland ist günstig. Lass niemanden 2000 oder 3000 Dollar von dir verlangen, um nach Griechenland zu kommen. Viele Jungs, die den Landweg genommen haben, sagen, dass er sehr gefährlich und düster ist. Voller dunkler Wälder, und die Schmuggler sind Bastarde auf diesem Weg, also sei vorsichtig. Du musst aber wissen, dass du wahrscheinlich lange in Griechenland verweilen musst, damit du weitergehen kannst. Von dort aus kann dich die Reise etwa 5000 Euro kosten, ob auf dem Landweg oder mit dem Flugzeug.

Fünftens: In allen europäischen Ländern, wo du deinen Fingerabdruck gibst, wirst du immer dorthin zurückgeschickt, ausser Griechenland, die haben das Fingerabdruck-Geben für Syrer aufgehoben. In Italien: Einige, die in Italien ihre Fingerabdrücke gegeben haben, haben in Deutschland Asyl beantragt, und es wurde angenommen, ohne dass sie zurückgeschickt wurden, nur Deutschland nimmt dich an, auch wenn du deine Fingerabdrücke in anderen Ländern gegeben hast.

Sechstens: Wegen des Visums: Leider wird kein Visum für Syrer gegeben ohne einen Fingerabdruck, und auch das ist selten. Also lass niemanden dich betrügen und dir sagen: Ich kenne da jemanden, der in der Botschaft arbeitet! (…)

Siebtens: Es gibt europäische Länder, denen es schlecht geht. Es lohnt sich nicht, für diese Länder Geld zu zahlen. Es sei denn, du reist nur durch und wirst nicht verhaftet, um deine Fingerabdrücke abzugeben. Diese Länder sind: Bulgarien, Rumänien, Polen, Estland, Lettland, Ungarn. Diese Länder sind zwar europäisch, doch in der Türkei ist die Situation viel besser.

Achtens: Einige Schmuggler sagen dir, ich bring dich nach Russland, in die Ukraine, nach Weissrussland, Serbien, Rumänien oder Bulgarien, dann ist die Reise nach Europa einfach! Sei auf der Hut, in diesen Ländern ist die wirtschaftliche Situation sehr schwierig, und es ist schwierig, von dort wegzukommen. Wenn du, Gott behüte, verhaftet wirst, wirst du es sehr schwierig haben. Von der Türkei wegzukommen ist einfacher als von diesen Ländern. Wehe dir, wenn du dir vergebens die Mühe machst, über diese Länder zu reisen.

Neuntens: Zum Weg übers Meer: Ich will es dir nicht völlig ausreden, doch sei auf der Acht. Du musst wissen, dass es ein grosses Risiko ist. Viele, die diesen Weg genommen haben, sind ertrunken. Das Reisen aus Ägypten ist gefährlich geworden, denn es gibt Spitzel der Polizei, die herausfinden, wann ein Schiff ablegt, und die alle Leute überfallen und verhaften. Sei also auf der Hut. Wenn ihr den Meerweg geht, müsst ihr Schwimmanzüge haben, Laserlampen und Feuerwerk, damit die Küstenwache euch rettet, wenn das Boot untergeht, Gott behüte.

Zehntens: Die Pässe – wenn die Pässe gefälscht sind und keinen Stempel des Landes haben, von dem du weg willst, dann bist du so gut wie verhaftet. Das ist das Erste, was man anschaut.

Eine Seite, über die sich Syrer Papiere besorgen können.

«Wer hat dieses Jetboot getestet?»

Übersetzung:
«Guten Abend. Wer dieses Jetboot ausprobiert hat, soll mir davon erzählen. Wie viele Mitfahrer? Und alle Infos darüber. Und den Preis, bitte meinen Post hervorheben.»

Antworten:

  • «Sicherer als kleine Schlauchboote und Privatboote, bringt dich in weniger als einer halben Stunde hinüber, aber sein Preis ist etwas teuer, meine Leute sind für 2500 Euro pro Person damit gefahren.»
  • «9 Mitfahrer und 25 Hunderter.»

«Endlich in Griechenland angekommen»

Übersetzung:
«Salamu aleikum! Ich bin gerade in Griechenland angekommen, Gott sei Dank, in einer halben Stunde. Hoffe, auch euch gratulieren zu können. Betet für uns, dass der Rest des Weges einfach wird, wer mehr Informationen hat von Griechenland nach Österreich, soll uns damit bereichern. Hier möchte ich den türkischen Schmugglern danken, und verdammt sollen die Schlepper sein, die Hunde, die uns eine schwere Reise von zwei Wochen mit viel Kosten und Mühe beschert haben.»

«Nimmt Finnland Flüchtlinge auf?»

Übersetzung:
«Salamu aleikum Brüder, Schwestern, Leute: Ist es richtig, dass Finnland keine Flüchtlinge aufnimmt, ist das richtig? Helft mir, ich will genaue Informationen, meine Verwandten sind in Österreich und wollen nach Finnland.

Antwort:
«Lieber Bruder, Finnland nimmt Flüchtlinge auf, aber nur von 3 irakischen Provinzen: Alanbar, Neynawa und Salah-Eddine (…).»

Der Flüchtling, der dieses Video gedreht hat, dankt nach überstandener Bootsfahrt den Schmugglern und den Mitreisenden.

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Posted by ?????? ?????????? on Dienstag, 8. September 2015

A. A. informiert über Wetter und Wellen.

Auch dieser Flüchtling informiert über das Wetter.

«Komm heil an, du Rose!»

Übersetzung:
«Süsse Freundinnen,
wir kommen an die Grenze von Ungarn. Ich habe euch sehr vermisst, ich kann jetzt nicht reden, habe keinen Akku mehr, jetzt 1 Prozent, meine Grüsse an euch, liebe euch. An Mutter und Nadaui, meine Lieben, ich habe euch sehr vermisst, meine liebe Nadusch, du mit der Nase, ich vermisse und knuddle euch.

Kommentare:

  • «Meine Liebe, du kommst hoffentlich heil an.»
  • «Allah beschützt dich mein Honig.»
  • «Komm heil an, du Rose!»
  • «1000 Grüsse, und mögt ihr wieder vereint werden.»

«Wir würden sogar mit dem Essen aufhören»

Übersetzung:
«Geschwister. Ich hab gehört, dass die Polizei und das Militär in Mazedonien die Menschen verhaften und einsperren, ist das wahr oder Lüge? Bitte um Hilfe.»

Antworten:

  • «Alles nur Lüge, die Menschen gehen jeden Tag normal.»
  • «Glaub mir, Schwester, würden wir auf all das Gerede hören, was wir zu hören bekommen, wir würden sogar mit dem Essen aufhören. Aber der Weg über Kroatien ist besser.»

Eine Seite, über die Syrer ihren Pass verlängern können. Die Dokumente seien «ausprobiert, erprobt und sicher».

K. R. über seine Flucht nach Finnland

Übersetzung:
«Gott sei Dank, ich und mein Neffe sind jetzt in Norwegen angekommen. Gott sei Dank ohne Fingerabdrücke. Ich wünsche das Gleiche allen Syriern. (…)»

Kommentare:

  • M. A.: «Ich werde in einer Woche per Flug nach Serbien reisen – wenn du Informationen hast über den Schmuggel nach Finnland, hilf mir bitte.»
  • A. H.: «Das heisst, seit du mit dem Flieger von Wien abgeflogen bist, hast du keine Probleme gehabt mit dem Flugticket und auch beim Landen nicht? Kannst du mehr erklären?»
  • K. R.: «Bruder, als Erstes musst du nach Ungarn buchen, ohne deine Fingerabdrücke abzugeben, wenn du dann in Wien angekommen bist, dann bist du so gut wie in Finnland. Niemand fragt dich, wohin du gehst.»

  • M. A.: «Zu Fuss oder mit dem Auto?»
  • A. H.: «Als du in Serbien warst, wie bist du nach Wien gekommen?»
  • K. R.: «Verhalt dich normal, saubere Kleidung und ordentlich und dreh dich nicht um. Tu so, als wärst du Einheimischer, als würdest du diesen Flughafen auswendig kennen.»

Diese Facebook-Gruppe droht

Übersetzung:
«Wir werden hier bald alle Namen der Betrüger und Schmuggler in der Türkei publizieren, die die mit unserem Blut handeln, bald vielleicht mit Bildern.»

Antworten:

  • «Mit Bildern, bitte, denn die Namen können sie verändern.»
  • «Wir wollen die Namen und Nummern der ehrlichen Schmuggler haben.»
(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.09.2015, 10:01 Uhr

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