Verführer mit Gewehr

Anders als der IS bemüht sich die al-Qaida in Syrien um die Zusammenarbeit mit anderen Rebellen – auch mit gemässigten. Doch das macht die Organisation nur noch gefährlicher.

Ihre langfristigen Ziele halten sie bedeckt:  Kämpfer der Nusra-Front in der Nähe von al-Zahra,       nördlich von Aleppo. Foto: Hosam Katan (Reuters)

Ihre langfristigen Ziele halten sie bedeckt: Kämpfer der Nusra-Front in der Nähe von al-Zahra, nördlich von Aleppo. Foto: Hosam Katan (Reuters)

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Es war Jaish al-Fatah, die Armee der Eroberung, die den syrischen Präsidenten Bashar al-Assad Mitte des vergangenen Jahres in grösste Bedrängnis gebracht hatte. Die Allianz hatte militärische Erfolge im Norden des Landes erzielt und die Regierungstruppen aus der Provinz Idlib und ihrer gleichnamigen Hauptstadt vertrieben. Sie bedrohte zudem Kerngebiete des Regimes an der Küste bei Latakia, die überwiegend von der alawitischen Minderheit bewohnt werden, der auch Assads Familie angehört. Der Vormarsch dieses Bündnisses aus einem Dutzend islamistischer und jihadistischer Gruppen war einer der Gründe, die Russland dazu bewegten, militärisch in Syrien zu intervenieren.

Seit Anfang Mai ist es reaktiviert, wie ein hochrangiges Mitglied der ultrakonservativen Rebellengruppe Ahrar al-Sham gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet bestätigte. Neben dieser Gruppe das wohl schlagkräftigste Mitglied der Allianz ist Jabhat al-Nusra, zu Deutsch «Unterstützungsfront für das syrische Volk», der offizielle Ableger des Terrornetzwerks al-Qaida in Syrien.

Wie die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) ist die vom UNO-Sicherheitsrat als terroristisch eingestufte Nusra-Front von den Vereinbarungen für eine Waffenruhe in Syrien ausgeschlossen. Und wie die konkurrierenden Jihadisten des selbst ernannten IS-Kalifen Abu Bakr al-Baghdadi wollen auch die Anhänger von Al-Qaida-Chef Ayman al-Zawahri ein islamisches Emirat in Syrien errichten.

Abhängig von den Jihadisten

Sie gehen allerdings völlig anders vor als der IS. Manche westlichen Analysten halten die Nusra-Front deshalb für die langfristig gefährlichere der beiden Gruppen: Der IS versucht, Territorien militärisch einzunehmen, vertreibt Konkurrenten und setzt dann seine Herrschaft mit Bespitzelung, Kontrolle und beispielloser Grausamkeit durch. Dagegen sieht die Nusra-Front zunächst über ideologische Differenzen hinweg und pflegt Beziehungen zu anderen Gruppen aus dem konservativ-islamistischen Spektrum wie auch zu gemässigten und nationalistisch geprägten Rebellen, etwa der Freien Syrischen Armee.

Zwar betonen Gruppen wie Ahrar al-Sham, die sich anfänglich an die Ende Februar zwischen den USA und Russland vereinbarte Waffenruhe gehalten haben, es gehe nur um militärische Koordinierung gegen den gemeinsamen Feind, das Assad-Regime. Doch macht sich die Nusra-Front die Schwäche vieler lokaler Rebellengruppen zunutze. Um gegen die Angriffe des Regimes bestehen zu können, bleibt diesen oft nichts, als mit den Jihadisten zusammenzuarbeiten. So entstehen Abhängigkeitsverhältnisse. Zugleich haben die Al-Qaida-Kämpfer nicht gezögert, von den USA oder anderen westlichen Staaten unterstützte gemässigte Gruppen zu attackieren, um zu verhindern, dass Konkurrenten entstehen und die Amerikaner Einfluss in Syrien gewinnen.

Die Vermischung zwischen den unterschiedlichen Gruppen macht es – anders als beim Islamischen Staat – «schwieriger, als wir dachten, sie auseinanderzuhalten», wie US-Aussenminister John Kerry Ende April eingestand.

Die Nusra-Front plant weiter als bis zur nächsten Schlacht

Russland und vor allem das Assad-Regime nutzen die Beteiligung von Nusra-Kämpfern und deren Provokationen an manchen Fronten, um andere Gruppen zu bombardieren. Das Gebot der minimalen Selbstverteidigung, wie in der Waffenruhe vorgesehen, lassen sie ausser Acht, wenn es ihren militärischen Zielen dient. Assad macht keinen Hehl daraus, dass er nach wie vor glaubt, den Krieg gewinnen zu können. Die Nusra-Front wiederum führt die Angriffe des Regimes als Beleg dafür an, dass Verhandlungen und die Waffenruhe sinnlos seien und die einzige Hoffnung im Kampf gegen das Regime liege.

Die Nusra-Front plant jedoch längst weiter als bis zur nächsten Schlacht. Sie pocht zwar fürs Erste nicht auf die exklusive Kontrolle eroberter Gebiete. Sie sieht davon ab, von Beginn an strenge Verhaltensregeln durchzusetzen, und versucht mancherorts sogar, die (sunnitische) Bevölkerung für sich zu gewinnen. Doch ihre ideologischen Ziele gibt die Organisation nicht auf.

Der Experte Charles Lister von der Denkfabrik Brookings, einer der besten Kenner islamistischer Gruppen in Syrien, berichtet von Diskussionen in der Nusra-Front über Pläne, noch in diesem Jahr in Idlib ihr eigenes Emirat auszurufen. Führungsmitglieder von al-Qaida sind darum nach Syrien gegangen. Sie betten sich aber, anders als der IS, in lokale Strukturen ein, eine Taktik, mit der al-Qaida schon in Jemen Erfolg hatte. Das macht es ungleich schwieriger, die Gruppe zu bekämpfen.

Der Wettstreit mit den USA

Damit könnte al-Qaida gegenüber dem IS wieder an Attraktivität gewinnen, der selbst militärisch zunehmend in Bedrängnis gerät. Zugleich würde sie damit viele moderatere Rebellengruppen zur Entscheidung zwingen, ob sie dem Al-Qaida-Emirat Gefolgschaft leisten oder ihre Verbindungen zu westlichen Regierungen aufrechterhalten – von denen sie weniger militärische Hilfe bekommen als erhofft. Damit gerieten allen voran die USA in einen Wettstreit mit den Jihadisten um Verbündete in Syrien und die Möglichkeit, Einfluss auf den Ausgang des Krieges zu nehmen.

Zugleich würde auch die Gefahr neuer Attacken im Westen steigen. Einer über Syrien hinausgehenden Agenda hat die Nusra-Front nie abgeschworen. Ihr Anführer Abu Mohammad al-Dsholani versicherte in einem Interview mit dem Sender al-Jazeera vor einem Jahr zwar, der Westen sei kein Ziel – schränkte das aber sogleich ein: «Nicht in der gegenwärtigen Phase.»

Erstellt: 10.05.2016, 09:53 Uhr

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