Wächter des Tempelbergs sind verstimmt

Um das Heiligtum ist ein offener Konflikt ausgebrochen: Israelische Politiker fordern, dass auch Juden dort beten dürfen. Jordanien, das den Ort bewacht, weist dies zurück.

Israelische Sicherheitskräfte gehen am 11. August bei Unruhen auf dem Tempelberg gegen Muslime vor. Foto: Ahmad Gharabli (AFP)

Israelische Sicherheitskräfte gehen am 11. August bei Unruhen auf dem Tempelberg gegen Muslime vor. Foto: Ahmad Gharabli (AFP)

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Die gewaltsamen Zusammenstösse vor der Al-Aqsa-Moschee auf dem Tempelberg in Jerusalem haben dem israelisch-jordanischen Verhältnis nachhaltig geschadet. Zu Beginn des islamischen Opferfests Eid al-Adha am 11. August war es dort zu Unruhen zwischen Muslimen und der israelischen Polizei gekommen. In diesem Jahr fiel das Opferfest mit dem jüdischen Fasten- und Trauertag Tischa Be’Av zusammen, an dem unter anderem der Zerstörung der beiden jüdischen Tempel gedacht wird. Israels Sicherheitskräfte liessen zu, dass 1729 Juden den Tempelberg betreten durften – eine Rekordzahl. Und für die Muslime eine Provokation am höchsten islamischen Feiertag.

Das jordanische Aussenministerium bestellte Anfang der Woche den israelischen Botschafter Amir Weissbrod ein – und liess mitteilen: Das 4,4 Hektaren grosse Areal sei ausschliesslich für das Gebet von Muslimen bestimmt. Damit bezog sich das Ministerium auf die Aussage von Gilad Erdan, Israels Minister für öffentliche Sicherheit. Erdan hatte gefordert, dass auch Juden auf dem Tempelberg beten dürfen. Der Politiker des rechtsnationalen Likud bezeichnete den Status quo als «Ungerechtigkeit, die seit 1967 existiert».

Nach der israelischen Eroberung der Jerusalemer Altstadt und Ostjerusalems im Sechstagekrieg wurde der Tempelberg in der Obhut der jordanischen Waqf-Stiftung belassen. Eine Vereinbarung sieht vor, dass Nicht-Muslimen zwar der Besuch auf dem Tempelberg gestattet ist, aber nicht zum Beten. Jordaniens Aussenminister Said Losi kritisierte Israels Verhalten als «klare Verletzung» internationalen Rechts. Er rief Israel dazu auf, Versuche einzustellen, den historischen und rechtlichen Status Jerusalems zu verändern.

Angst vor Trumps Politik

Am Montag verabschiedeten jordanische Abgeordnete eine Resolution, in der sie ihre Regierung aufforderten, den Friedensvertrag mit Israel zu «überprüfen». Der israelisch-jordanische Friedensvertrag wurde am 26. Oktober 1994 von König Hussein, vom israelischen Ministerpräsidenten Yitzhak Rabin und von US-Präsident Bill Clinton unterzeichnet. Der Sprecher des Repräsentantenhauses, Atef al-Tarawneh, forderte die Regierung auf, Israel darüber zu informieren, dass der Friedensvertrag in Gefahr sei.

Für Jordaniens König Abdullah II. ist das eine weitere Zerreissprobe. Bereits Ende letzten Jahres hatte der Druck der Abgeordneten bewirkt, dass der König jenen Passus des Friedensvertrags aufgekündigt hat, der den Israelis die Nutzung einer 80 Hektaren grossen Halbinsel und eines weiteren Landstücks in der Arava-Wüste erlaubte. Im Oktober, zum 25. Jahrestag, soll die Aufkündigung der Nutzungsrechte in Kraft treten. Die israelfreundliche Politik von US-Präsident Donald Trump wird in Amman genaustens beobachtet. Die Verantwortlichen fürchten, dass Trump ihnen Kompetenzen wegnehmen könnte, wenn er den politischen Teil seines Nahostfriedensplans vorstellt.

Einerseits ist das rohstoffarme Land auf milliardenschwere US-Hilfen angewiesen, andererseits hat etwa die Hälfte der zehn Millionen Jordanier palästinensische Wurzeln. Spannungen auf dem Tempelberg haben unmittelbare Auswirkungen auf die Stimmung im Land. Jordanische Abgeordnete riefen dazu auf, die Allenby-Brücke, zentraler Grenzübergang zwischen beiden Ländern, zu besetzen.

Die Al-Aqsa-Moschee ist nach Mekka und Medina das drittwichtigste Heiligtum des Islam.

Bislang lehnt Jordanien jeden Versuch ab, den historischen und rechtlichen Status an den heiligen Orten zu verändern. Im Friedensvertrag von 1994 hat Israel den Status von Jordanien als Wächter des Tempelbergs anerkannt, zuständig ist die islamische Waqf-Stiftung.

Die Al-Aqsa-Moschee ist nach Mekka und Medina das drittwichtigste Heiligtum des Islam. Der Tempelberg ist für Juden, Muslime und Christen eine wichtige heilige Stätte. Bis zur Zerstörung durch die Römer im Jahr 70 befand sich an dieser Stelle der jüdische Tempel als zentrales Heiligtum Israels. Viele Überlieferungen wie die Erschaffung Adams und Evas, das Opfer Isaaks oder die Himmelsreise Mohammeds sind mit dem Ort verbunden.

Der jetzige israelische Botschafter Weissbrod war 2018 nach Jordanien gekommen und hatte eine neunmonatige diplomatische Eiszeit zwischen den beiden Ländern beendet. Zuvor hatte im Juli 2017 der Wachmann der israelischen Botschaft zwei Jordanier erschossen und war nach Israel zurückgekehrt. Eine Befragung des Wachmanns durch jordanische Behörden lehnte Israel unter Berufung auf seine diplomatische Immunität ab und berief sich auf Selbstverteidigung.

Erstellt: 23.08.2019, 22:12 Uhr

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