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Wählen? Ein Fremdwort

24 Jahre lang wurde das Volk in Sudan nicht mehr nach seiner Stimme befragt. Jetzt sind 16 Millionen Menschen dazu aufgerufen. Jimmy Carter steht ihnen bei.

Sich schlau machen vor der Stimmabgabe: Wähler in Khartum suchen die Namen von Kandidaten.
Sich schlau machen vor der Stimmabgabe: Wähler in Khartum suchen die Namen von Kandidaten.
Keystone

Überschattet vom Boykott zweier Oppositionsparteien haben am Sonntag die Wahlen im Sudan begonnen. Bis zum Dienstag können die rund 16 Millionen Wahlberechtigten ihre Stimme für die Parlaments- und Präsidentschafts- und Gemeinderatswahlen abgeben. Der frühere US-Präsident Jimmy Carter, einer von 800 internationalen Wahlbeobachtern, erklärte vor Journalisten in der sudanesischen Hauptstadt Khartum, er erwarte einen friedlichen Wahlverlauf. Nachdem die wichtigsten Oppositionsführer ihre Kandidatur zurückgezogen hatten, galt ein Sieg von Staatschef Omar al-Baschir als sicher.

In den Wahllokalen der Hauptstadt Khartum gab es am Sonntag zunächst keinen grossen Andrang, die Strassen waren leer. Teilweise kam es nach Beobachtung von Reportern der Nachrichtenagentur AFP zu logistischen Problemen. So mussten in einigen Wahllokalen am Morgen erst noch die Urnen gefaltet werden. In den anderen Teilen des Landes öffneten viele Wahllokale verspätet. Überall waren Lastwagen mit Soldaten unterwegs. Die Polizei warnte scharf vor Störungen der Wahl.

Der 66-jährige Baschir gab seine Stimme in einer Schule im Zentrum der Hauptstadt ab. Gegen den autoritär regierenden Präsidenten liegt beim Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag ein Haftbefehl wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit in der westsudanesischen Region Darfur vor.

Putsch-Präsident will weiterherrschen

Baschir, der sich 1989 an die Macht geputscht hatte, ging 1996 und 2000 als Sieger aus Präsidentschaftswahlen hervor; diese Abstimmungen wurden im In- und Ausland jedoch als Farce gewertet. Auch in diesem Jahr erhoben die Oppositionsparteien Betrugsvorwürfe.

Der frühere US-Präsident Jimmy Carter, der mit seiner Carter- Stiftung die Wahlen überwacht, erklärte vor Journalisten in Khartum, die nationale Wahlkommission habe gute Arbeit geleistet, obwohl in manchen Gegenden des Landes die Wahlunterlagen zu spät angekommen seien. Neben der Carter-Stiftung haben auch die EU, die Arabische Liga, China und Japan Wahlbeobachter entsandt.

Der südsudanesische Führer Salva Kiir von der früheren Rebellenbewegung Sudanesische Volksbefreiungsarmee (SPLA) wählte in der Gebietshauptstadt Juba. Im halbautonomen Süden des Landes sollen die Bewohner über ihren Regierungschef abstimmen. Kiir tritt gegen den früheren Aussenminister Lam Akol an.

Südsudan mit Unabhängigkeits-Gelüsten

Nach 21 Jahren Bürgerkrieg mit 1,5 Millionen Toten im Südsudan, einem Gebiet so gross wie Frankreich, hatten die SPLA und die Regierung in Khartum im Januar 2005 einen Friedensvertrag unterzeichnet.

Im Januar 2011 soll ein Volksentscheid über die Unabhängigkeit des Südsudan stattfinden. Zahlreiche Hilfsorganisationen warnten zuletzt vor einem neuen Krieg zwischen dem christlich und animistisch geprägten Süden und dem muslimischen Norden.

Die dreitägigen Wahlen gehören zu den kompliziertesten der Welt. Im Süden, der zehn Bundesstaaten umfasst, müssen die registrierten Wähler insgesamt zwölf Kreuze machen: unter anderem auch für die halbautonome südsudanesische Regierung, die Abgeordneten, eine eigene Frauenliste und die Gouverneure. Im Sudan sind mehr als 70 Prozent der Bevölkerung Analphabeten.

ddp/cpm

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